ARD-Krimi

Im Stuttgarter „Tatort“ ist die RAF-Zeit noch nicht vergessen

Die ARD zeigt erneut einen „Tatort“ aus Stuttgart: Dieses Mal bekommen es die Ermittler mit der Terror-Vergangenheit von 1977 zu tun.

Foto: Julia von Vietinghoff / SWR/Julia von Vietinghoff

Essen.  Was den Stuttgarter „Tatort“ angeht, da kommt man aus dem Staunen derzeit nicht heraus. Lange wenig auffällige Mitglieder im Club, haben jetzt jedoch gleich zwei Regisseure mit ungewöhnlichen Ansätzen dafür gesorgt, dass man dieses Spielfeld der Täter und Ermittler plötzlich mit ganz anderen Augen sieht. Im September erst hat der Filmemacher Dietrich Brüggemann den Zuschauern gezeigt, wie viel Spannung man aus einem simplen Autostau herausfiltern kann.

Und jetzt demonstriert Dominik Graf in „Der rote Schatten“, wie man den „Deutschen Herbst“, die RAF und die Todesnacht von Stammheim aufrollen kann, um daraus einen Thriller mit Gegenwartsbezug zu drehen. Fast auf den Tag genau 40 Jahre ist es schließlich her, dass sich die RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen der JVA Stuttgart-Stammheim das Leben nahmen.

Oberstaatsanwalt steckt tief im Sumpf

Der „Tatort“ beginnt ungewöhnlich genug. Im Kofferraum eines Unfallwagens entdeckt die Polizei die Leiche von Marianne Heider. Sie ist angeblich in ihrer Badewanne ertrunken. Ihr Ex-Mann jedoch glaubt nicht daran. Er vermutet Mord, begangen von Mariannes neuem Liebhaber Wilhelm Jordan (schön unheimlich: Hannes Jaenicke). Der soll von ihrer erst kürzlich abgeschlossenen Lebensversicherung profitieren.

Sehr bald entdecken die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare), dass ihr Verdächtiger als V-Mann für den Verfassungsschutz arbeitet und das immer noch auf freiem Fuß befindliche Ex-RAF-Mitglied Astrid Frühwein (Heike Trinker) ans Messer liefern soll. Jordan hat Erfahrung als „Verräter“, denn schon vor 40 Jahren wurde er in die RAF eingeschleust, um später gegen seine Genossen als Kronzeuge auszusagen. Grafs Film will zeigen, dass diese Zeit noch lange nicht vergessen ist.

Lannert outet sich als ehemaliger Sympathisant

Es fängt schon damit an, dass der sonst so verschlossene Kommissar Lannert sich als ehemaliger Sympathisant outet und von den Tagen berichtet, als man den Staat als Feind betrachtete und dem Staatsschutz alles zutraute.

Es wird viel erzählt von jenen Tagen. Langweilig ist das nie. Besonders packend: das lange Gespräch, das Lannert mit einem redseligen Ex-Kollegen (Michael Hanemann) führt. Alle Möglichkeiten, die den Tod der Terroristen betreffen, werden hier nicht nur mündlich durchgespielt, sondern auch filmisch zum Leben erweckt. Graf inszeniert zu jeder Variante, fast dokumentarisch anmutende kleine Filme, sogar mit der Handkamera gedreht, um die Aufgeregtheit in jener Todesnacht greifbar zu machen.

Nach diesen RAF-Terroristen wird noch gefahndet
Nach diesen RAF-Terroristen wird noch gefahndet

Der Krimi überrascht

Am Ende wundert man sich, was im Rahmen von 90 Minuten hier alles stimmig erzählt werden konnte. Da gibt es etwa den Oberstaatsanwalt, der gar nicht den Sumpf spürt, in dem er bereits steckt. Oder eine Ex-Terroristin, die die Nähe eines „Verräters“ sucht. Und vieles mehr.

Fazit: Zuerst glaubt man an einen handelsüblichen Krimi. Doch dann führt die Spur in den Terror-Herbst von 1977. Und plötzlich hat man alles wieder vor sich. Überraschend.

Sonntag, 15. Oktober, ARD, um 20.15 Uhr