TV-Kritik

Warum dieses RTL-II-Format besser ist als „Hart aber fair“

Mit „Endlich Klartext!“ will RTL II Schluss machen mit leerem Politiker-Gerede. Das ist dem Trash-Sender überraschend gut gelungen.

Von Christine Holthoff
Der Komiker Abdelkarim und der AfD-Politiker Leif-Erik Holm im Gespräch.

Der Komiker Abdelkarim und der AfD-Politiker Leif-Erik Holm im Gespräch.

Foto: RTL II

Berlin.  Für den gemeinen RTL-II-Zuschauer war es ein ungewohntes Bild. Kein „Berlin: Tag & Nacht“, keine „Wollnys“, keine „Privatdetektive im Einsatz“. Stattdessen: Politiker. Und zwar nicht als Teil einer Scripted-Reality-Show, sondern in den Hauptrollen einer politischen Sendung.

Ganz in ihrem natürlichen Lebensraum waren CDU-Staatssekretär Jens Spahn, FDP-Politikerin Lencke Steiner und Leif-Erik Holm, AfD-Parteichef in Mecklenburg-Vorpommern, bei „Endlich Klartext! Der große RTL II-Politiker-Check“ mit Comedian Abdelkarim aber nicht. Denn der Sender führte die drei nicht wie sonst üblich an einen gut ausgeleuchteten Talkshowtisch, sondern brachte sie in Situationen, die nicht zu ihrem Weltbild passten, sprich: in die Realität.

Wie sich die drei geschlagen haben, was ein Comedian als Moderator taugt und wie überhaupt Politik bei RTL II funktioniert – die Sendung im Überblick.

Jens Spahn – Herumgedruckse bei Eierlikör

Der CDU-Politiker ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Oft fährt er einen konservativeren Kurs als seine Chefin Angela Merkel – auch beim Thema Abschiebung. Also konfrontierte ihn RTL II mit Rohulla. Der 21-jährige Afghane ist vorbildlich integriert, arbeitet in einem Münchner Nobelrestaurant, zahlt Steuern und: soll abgeschoben werden. In seiner Heimat aber hat er bereits Todesdrohungen der Taliban bekommen. Warum reicht das nicht für Asyl?

Spahn versuchte es mit Allgemeinplätzen. Es werde „individuell geschaut“, aber „wir können nun mal nicht alle aufnehmen“. Am Ende verabschiedete er sich mit der Sparversion des Ich-kümmere-mich-Moments: „Ich nehme das jetzt einfach mal mit.“

Der klassische schwierige Fall

Ähnlich groß war Spahns Herumgedruckse bei Heidi Steenbock. Die 68-Jährige hat ihr Leben lang gearbeitet. Trotzdem reicht die Rente nicht.

Steenbock rechnete ihm vor, warum sie in einer Bäckerei aushelfen muss. Das sei natürlich immer der Spagat, sagte der CDU-Politiker, „der klassische schwierige Fall, der schwer aufzulösen ist.“ Und noch mal: „eine schwierige Grenzsituation, ... ja, ... hm, ...“ Erst mal einen Schluck Eierlikör.

Lencke Steiner – No Deal!

Die frühere „Höhle der Löwen“-Jurorin bekam die meisten Themen vorgesetzt. In der „Höhle der Wähler“ sollte sie die FDP-Positionen zu Ladenöffnungszeiten, Mietpreisbremse und Ehegattensplitting verkaufen. Einen Deal machte sie mit keinem der resolut auftretenden Wähler. Zwar blieb Steiner nie sprachlos, wurde aber stets mit Gegenargumenten konfrontiert, die sie nicht mehr entkräften konnte.

Auch Industriekletterer Jens Hagen, mit dem sich die Politikerin vom Dach abseilte, ließ keinen Zweifel daran, dass ihm die FDP nicht ganz geheuer ist. Würde man die Arbeitszeiten liberalisieren, wie es die Partei vorhat, sieht er sein Familienleben in Gefahr. „Es geht darum, dass DU frei entscheiden kannst, dass du länger arbeitest“, versuchte es Steiner. Am nächsten Tag könne man ja später zur Arbeit kommen. Eine Option, die normale Arbeitnehmer wohl nur einmal nutzen, wandte Hagen ein: „Und am nächsten Tag kommt die Kündigung.“

Leif-Erik Holm – „Das sagt keiner!“ Äh, doch.

Der Islam gehöre nicht zu Deutschland, behauptet die AfD. Und Homosexuelle sollten keine Kinder adoptieren. Also musste der Parteichef von Mecklenburg-Vorpommern wohin? Genau: in eine Moschee und zu einem schwulen Paar mit adoptierten Kindern aus Afrika. Vor allem Thomas Welter und Ingmar Zöller, genannt Papa und Vati, nahmen Holm ordentlich in die Zange.

„Wurden Sie vom Jugendamt überprüft, bevor Sie Kinder bekommen haben?“, fragte das Paar. „Selbstverständlich nicht“, antwortete Holm. „Selbstverständlich nicht!“, wiederholte Welter. „Genau das fordere ich auch für homosexuelle Paare ein. Ich bin es satt, mich immer rechtfertigen zu müssen. Und Ihre Partei erhöht den Druck der Rechtfertigung!“

Holm in der Defensive

Holm war bereits in der Defensive, als er eine Behauptung aufstellte, die nach hinten los ging. Niemand in der AfD habe je gesagt, dass man nicht zulassen dürfe, dass Kinder bei Schwulen wohnen, sagte Holm. Ärgerlich nur, dass das nicht stimmt.

Abdelkarim hatte den Beweis: In einem Video erklärte AfD-Politiker Nicolaus Fest, die Ehe für alle öffne die Tür für Kindesmissbrauch. Holm geriet ins Schwimmen: „Also das, äh, das halte ich für überzogen. Das, das ... das Argument sehe ich ... in der Form nicht.“ Eine deutliche Distanzierung sieht anders aus.

Abdelkarim – der „Marokkaner eures Vertrauens“

Ein Comedian als Host einer politischen Sendung? Funktioniert erstaunlich gut. Der Gewinner des Bayerischen Kabarettpreises mag zwar kein Politprofi sein, doch genau das macht ihm beim jungen Zielpublikum glaubwürdig. Außerdem war er gut vorbereitet, schönte die Fragen nicht und widersprach sofort, wenn eine Behauptung nicht den Tatsachen entsprach. Er spielte sich auch nicht unnötig in den Vordergrund.

Die Sendung gewann so eine Ernsthaftigkeit, die man einem RTL-II-Format nicht unbedingt zugetraut hätte. Sie war locker genug, um die Stammzuschauer nicht zu verschrecken, verzichtete gleichzeitig aber nicht auf Inhalte. Eigentlich rühmt sich die ARD-Sendung „Hart aber fair“ damit, Politik auf Wirklichkeit treffen zu lassen. „Endlich Klartext!“ gelang das deutlich besser.

Politik funktioniert zwischen Frauentausch und den Geissens

Fazit: RTL II kann also auch Politik – wer hätte das gedacht? Wo sonst Frauen die Familien tauschen, die Geissens im Glauben gelassen werden, sie seien irgendwie relevant, und Singles potenzielle Partner per Penis-Beschau aussuchen, ist „Endlich Klartext!“ ein überraschend guter, weil gleichzeitig unterhaltsamer und ernsthafter, Beitrag zur politischen Meinungsbildung. Gerne mehr davon!

Die ganze Folge „Endlich Klartext“ gibt es hier.

Die zweite Folge von „Endlich Klartext!“ läuft am Dienstag, 5. September, um 23.15 Uhr. Dann mit SPD-Politiker Karl Lauterbach, Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht und Grünen-Fraktionsvize Kerstin Andreae.