ARD-Talkshow

Wie SPD und Union bei "Anne Will" Werbung für die AfD machen

Wer erwartet hatte, bei „Anne Will“ würde AfD-Frau Weidel die anderen Parteien zerlegen, sah sich getäuscht. Das erledigten die selber.

Die Runde bei Anne Will (Mitte): SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann, Unions-Fraktionsvorsitzender Volker Kauder, AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und FDP-Chef Christian Lindner (v.l.).

Die Runde bei Anne Will (Mitte): SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann, Unions-Fraktionsvorsitzender Volker Kauder, AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und FDP-Chef Christian Lindner (v.l.).

Foto: Wolfgang Borrs / dpa

Berlin.  Eine Viertelstunde lang hatte Alice Weidel nichts gesagt und verfolgt, wie sich die Noch-Koalitionskollegen Volker Kauder (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) verbissen verbal beharkten – und den Zuschauer ins gefühlte Wachkoma redeten. Die meist süffisant lächelnde Spitzenkandidatin der AfD hatte offensichtlich ihren Spaß dabei. "Extrem spannend" sei die ARD-Runde bei "Anne Will", stichelte Weidel, als sie dann zu Wort kam. Es werde "gesagt, gesagt, gesagt. Aber machen Sie es doch einfach! Sie sind doch die Regierung". Volltreffer!

Wochenlang hatte sich die AfD beklagt, ihre Spitzenleute würden von den großen TV-Talkshows schnöde ignoriert. Am Sonntagabend, in der ersten "Anne Will"-Runde nach der Sommerpause, durfte Alice Weidel beim Thema "Merkel oder Merkel – Hat Deutschland nur diese Wahl?" also mitmischen – doch die Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl hielt sich auffallend zurück. Man könnte auch sagen: Weidel war weichgespült.

Weidel hielt sich zurück – und ließ die anderen machen

Zwar bestätigte sie ihr umstrittenes Wort von Angela Merkel als "Extremismuskanzlerin", aber sonst hielt Weidel sich zurück. Ein bisschen Kritik an Flüchtlingspolitik und Euro-Rettung, die "alternativlose Politik" Merkels müsse ein Ende haben. Das Übliche, eben. Keine wilden Verschwörungstheorien wie bei Beatrix von Storch, keine Neonazi-Sprüche in der Art eines Björn Höcke. Weidel ließ die anderen machen.

Und das Duo Kauder/Oppermann tat ihr und der AfD den Gefallen, so ziemlich alle gängigen Vorurteile über die Große Koalition zu bestätigen. Da wurde laviert und sich gewunden, durcheinander geredet und gezankt. Mal ging es um VW, dann gleich um die schwarze Null, und im nächsten Halbsatz über marode Schulen zu klagen. Eine großkoalitionäre Kakophonie voller Besserwisserei, in die auch FDP-Chef Christian Lindner, der gern selbst in die Bundesregierung möchte, einstimmte. "Man versteht gar nichts mehr", hörte man im Hintergrund Gastgeberin Will hilflos stöhnen.

Oppermann und Kauder machten beste Werbung für AfD

Traurig aber wahr: Die Frontleute von SPD, CDU und Liberalen machten mit ihrem kleinkarierten und unsouveränen Gezänk beste Werbung für die AfD und deren bekannte "Altparteien"-Polemik.

SPD-Mann Oppermann versuchte sich einmal mehr in dem Balanceakt, einerseits die "Erfolge" der Großen Koalition zu feiern und gleichzeitig der Kanzlerin zu attestieren, sie habe "keinen Plan für die Zukunft". Das wurde CDU-Mann Kauder bald zuviel: "Thomas, das ist jetzt nicht fair", fuhr er seinen Duz-Kollegen an. Später lästerte Kauder seinerseits, Oppermanns SPD dürfe sich angesichts ihres Wahlprogramms "nicht wundern, dass ihr bei 24 Prozent seid". So viel Häme musste schon sein.

Fazit: Anne Wills Talkrunde bestätigte all jene, die eine Große Koalition vor allem als Beitrag zur Politikverdrossenheit sehen. Noch ein paar Vorstellungen dieser Art, dann dürften die zuletzt in den Umfragen schwächelnden Populisten von der AfD bald wieder zweistellig sein. Egal, ob sie mitdiskutieren dürfen oder nicht.

Diese Ausgabe von "Anne Will" gibt es hier in der Mediathek.

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