Netflix-Serie

Experten: „Tote Mädchen lügen nicht“ schädlich für Jugendliche

Die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ könnte Gedanken an Suizid verstärken, sagen Psychologen. Richtlinien würden missachtet.

Von Laura Réthy
„Tote Mädchen lügen nicht“ ist bei dem Internetdienst Netflix zu sehen.

„Tote Mädchen lügen nicht“ ist bei dem Internetdienst Netflix zu sehen.

Foto: Beth Dubber/Netflix

Berlin.  Noch vor Beginn der ersten Episode erscheint ein Warnhinweis: Die Folge enthalte Szenen, die Zuschauer als verstörend empfinden könnten und die für ein jüngeres Publikum gegebenenfalls nicht geeignet seien, darunter grafische Darstellungen von Gewalt und Suizid. Zuschauern wird zur Vorsicht geraten.

Die US-amerikanische Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ behandelt in 13 Episoden die Ereignisse bis zu dem Suizid der Highschool-Schülerin Hannah Baker. Jede Episode steht für einen Grund, der sie der Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, näher gebracht hat. Seit ihrem Start auf Netflix im März sorgt die Serie für Diskussionenunter Experten, die Nachahmungstaten befürchten.

Nun haben auch deutsche Fachverbände erstmals eine Warnung veröffentlicht. Sie raten psychisch labilen jungen Menschen „dringend vom Konsum der Serie ab“, heißt es in der gemeinsamen Stellungnahme der Gesellschaften für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP).

Die Serie ist Thema unter psychisch kranken Jugendlichen

Schulsozialarbeiter, Lehrer und Therapeuten würden berichten, dass die Serie ein großes Thema unter Kindern und Jugendlichenmit psychischen Erkrankungen in den sozialen Netzwerken darstelle, heißt es. Mehr noch: Es gebe zunehmend Berichte vollendeter Suizide von Jugendlichen in Deutschland, die direkt mit dem Konsum der Serie in Verbindung stehen sollen, schreiben die Autoren weiter. Konkrete Zahlen nennen sie nicht.

Grund für eine öffentliche Stellungnahme sei nicht zuletzt auch eine schlechte Erfahrung aus der Vergangenheit. „Es gibt einen Fall, der uns noch tief in den Knochen steckt“, sagt DGPPN-Präsident Professor Arno Deister. In den 80er-Jahren habe das ZDF die Serie „Tod eines Schülers“ produziert. Nach der Ausstrahlung sei die Zahl der Eisenbahnsuizide unter Jugendlichen stark angestiegen. „Das Prinzip der Serie war ähnlich wie im aktuell diskutierten Fall“, sagt Deister.

Suizid wird in der Sendung drastisch und detailliert dargestellt

Hintergrund ist der sogenannte Werther-Effekt. Die Wissenschaft ist inzwischen sicher, dass bestimmte Formen der Berichterstattung über Suizide Nachahmungstaten auslösen können. Der Begriff geht auf eine Reihe von Selbsttötungen nach der Veröffentlichung von Goethes Werk „Die Leiden des jungen Werther“ zurück. „Das ist ein Effekt, der leider ziemlich zuverlässig auftritt“, sagt Psychiater Deister. Aus diesem Grund wurden internationale Richtlinien entwickelt, wie über Suizide zu berichten ist.

Die Darstellung der Netflix-Serie verletze bewusst diese anerkannten Richtlinien, kritisieren die Experten nun. So werde etwa der Suizid drastisch und detailliert dargestellt und als logische Konsequenz der erlittenen Traumata gezeigt – während gleichzeitig keine Hilfsangebote thematisiert werden. Diese könnten jedoch nachweislich Suizide verhindern.

Bei einigen Menschen reicht ein einzelnes Argument

In Deutschland sterben jedes Jahr 10.000 Menschen durch Selbsttötung, bei 100.000 bleibt es beim Versuch. 2015 gab es 196 Suizidtote zwischen 15 und 19 Jahren, 20 zwischen zehn und 14 Jahren. In den meisten Fällen ist die Ursache für den vollendeten Suizid eine psychische Erkrankung, häufig eine Depression.

Die Serienfigur Hannah Baker ist nicht krank. Dennoch sei die Identifikation mit ihr als Protagonistin hoch, schreiben die Fachverbände. Sie erlebt Einsamkeit, Cyber-Mobbing, Stalking, Verleumdung. Ein Mädchen in einer schweren seelischen Krise. „Sieht ein depressiver Mensch die Protagonistin in einer scheinbar ebenso aussichtslosen Situation wie er selbst, kann er sich mit ihr identifizieren“, sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Auch er berichtet von besorgten Angehörigen, die sich wegen der Serie bei der Stiftung gemeldet haben.

Nun sei es natürlich nicht so, dass ein Jugendlicher, der keine Suizidgedanken hege, nach dem Konsum der Serie gefährdet sei, sich das Leben zu nehmen, betont Arno Deister. „Doch Menschen, die suizidal sind, beschäftigen sich ambivalent mit der Frage: Soll ich es tun oder nicht?“ Da reiche ein einzelnes Argument dafür oder dagegen, sagt Deister. Das könne die Serie liefern – etwa durch die explizite Darstellung von Hannah Bakers Suizid.

Experten widersprechen abschreckender Wirkung

Gerade diesen verteidigt einer der Serienautoren in einem Gastbeitrag für das US-amerikanische Magazin „Vanity Fair“. Die Selbsttötung der Protagonistin in all ihrer Schonungslosigkeit zu zeigen, sei eine sehr bewusste Entscheidung gewesen. Er habe sich dafür starkgemacht, um abzuschrecken.

Experten widersprechen der abschreckenden Wirkung der Bilder. „Wir sprechen davon, dass durch die Darstellung die sogenannte kognitive Verfügbarkeit erhöht wird“, erklärt Ulrich Hegerl. Das bedeutet konkret: Allein die Beobachtung, dass die Selbsttötung mit einer bestimmten Methode möglich ist, kann bereits eine Entscheidung hin zu diesem Weg fördern. „Jemand weiß nicht mehr weiter, und plötzlich kommt eine Möglichkeit in Sicht – egal, wie gewaltsam sie ist“, erklärt Psychiater Hegerl.

Nach dem Tod Robert Enkes stieg die Zahl der Suizide

Als Beispiel nennt er den Fall Robert Enke, der sich in Folge einer Depression vor einen Zug warf. Die Eisenbahnsuizide stiegen in der Folgezeit an. „Der Tod durch den Zug ist brutal, trotzdem hat diese Tatsache die Menschen nicht abgeschreckt.“

Trotz der Warnungmahnen die Experten zu Besonnenheit – und zu wachen Sinnen. „Wenn Eltern den Eindruck haben, das Kind ist von der Serie besonders fasziniert, sollten sie das Gespräch suchen“, sagt Arno Deister von der DGPPN. „Damit signalisieren sie auch, dass sie bereit sind, sich mit dem Thema Suizid auseinanderzusetzen.“ Die Annahme, wer sich das Leben nehmen möchte, spricht nicht darüber, sei falsch.

Freudlosigkeit und Schlafstörungen könnten Anzeichen sein

Sind Kinder oder Jugendliche suizidal, geschehe das meist nicht lautlos, so Deister. Eine tief sitzende Freudlosigkeit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, geäußerter Zweifel am Sinn des Lebens – „all das kann Ausdruck einer Suizidalität sein“, erklärt Deister. „Die Betroffenen werden Botschaften senden, die gehört werden müssen.“

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über das Thema Suizid, außer es erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.