Elektromotoren

„Tatort“-Faktencheck: Sind E-Autos eine tödliche Gefahr?

| Lesedauer: 4 Minuten
Janna Eiserbeck
Im Bremer „Tatort“ „Nachtsicht“ haben es die Ermittler mit einem Kriminellen zu tun, der mit seinem Elektroauto tötet.

Im Bremer „Tatort“ „Nachtsicht“ haben es die Ermittler mit einem Kriminellen zu tun, der mit seinem Elektroauto tötet.

Foto: Radio Bremen

Im „Tatort“ tötet der Täter seine Opfer mit seinem Elektroauto. Wie gefährlich sind die umweltschonenden, aber leisen Motoren wirklich?

Berlin.  Es ist eine Vorstellung, die für reichlich Unbehagen sorgen dürfte: Man läuft auf der Straße oder auf einem Weg, sieht weit und breit kein Auto und hört auch keine Motorengeräusche – und plötzlich wird man überfahren. So geschehen im „Tatort“ aus Bremen. Aber wie realistisch ist dieses Szenario? Können Elektroautos wirklich so schnell zur tödlichen Gefahr werden?

In dem ARD-Krimi nutzte der Täter das Auto bewusst zum Töten, auch um auf diese Weise seine sexuellen Fantasien zu befriedigen. Bei dem Wagen handelte es sich um einen zu einem Elektrowagen umgerüsteten Benziner mit schwarzer Speziallackierung, der bei Nacht quasi zur lautlosen, unsichtbaren Waffe wird. Damit griff der Bremer „Tatort“ tatsächlich eine Problematik auf, die seit Jahren immer wieder angesprochen wird – vor allem von Blindenverbänden: Elektroautos bewegen sich fast lautlos und werden so zur rollenden Gefahr.

Was wird gesetzlich gegen diese Gefahr getan?

In Europa gibt es seit April 2014 gesetzliche Vorschriften über das Minimalgeräusch von Elektrofahrzeugen. Außerdem wird vom 1. Juli 2019 an der Einbau eines Acoustic Vehicle Alert Systems (AVAS) – einem akustischen Warnsignal – für alle neu entwickelten Fahrzeugtypen in der EU Pflicht. Für neu zugelassene Elektro- und Hybridautos gilt das laut Bundesverkehrsministerium ab dem 1. Juli 2020. Allerdings sind diese „künstlichen Minimalgeräusche“ nur bei einer Geschwindigkeit bis etwa 20 km/h vorgeschrieben. Denn wenn der Wagen schneller führe, überwiege das Rollgeräusch der Reifen – unabhängig von der Antriebsart.

Hilft diese Gesetzgebung?

„Ja“, sagt Gerhard Renzel vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Allerdings müsse eine Anpassung ausgerichtet nach den derzeitigen technischen Möglichkeiten erfolgen. Dazu zählt auch ein Verbot des sogenannten Pausenschalters, wie er weiter erläutert. Das Fahrverhalten eines Fahrzeugs, wie beschleunigen, bremsen, rückwärts fahren sowie Stand, müsse „akustisch in ausreichender Lautstärke signalisiert werden“.

Sind Reifenabrollgeräusche bei höherer Geschwindigkeit wirklich ausreichend?

Gerhard Renzel kann das mit einem klaren „Nein“ beantworten. „Das reine Abrollgeräusch ergibt sich aus der Beschaffenheit der Reifen und der Fahrbahnoberfläche. Hier sind detaillierte Vorgaben zur Reifen- und Fahrbahnbeschaffenheit gesetzlich zu regeln, um einen sicher hörbaren Geräuschpegel, auch bei hohem Verkehrslärm, zu gewährleisten.“

In den USA ist hingegen ein „künstliches Minimalgeräusch“ bis zu einer Geschwindigkeit von 30 km/h (19 mph) vorgeschrieben. Die US-Behörde für Verkehrssicherheit NHTSA hat Ende 2016 eine entsprechende Vorschrift herausgegeben. Diese gilt für alle neuen Elektro- und Hybridmodelle.

Eine Studie des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen kam bei seinen Tests zu anderen Ergebnissen. „Das Elektroauto ist in Bezug auf die Geräuschwahrnehmung genauso sicher beziehungsweise unsicher wie der moderne Benziner“, schreibt Kathrin Dudenhöffer in ihrem Bericht zu der Studie. „Bei konstanter Geschwindigkeit im Stadtbereich besteht in der Wahrnehmbarkeit kein Unterschied zwischen modernen Benzinfahrzeugen und Elektroautos“, heißt es weiter. Demnach sei es keine optimale Lösung, „Elektrofahrzeuge mit künstlichen Geräuschen auszustatten, aber moderne Benziner nicht“.

Braucht es immer eine Werkstatt, um seinen Benziner umzurüsten?

Nein, es gibt für einige Fahrzeugtypen auch sogenannte „Umrüst-Kits“. In diesen Sets sind für ein bestimmtes Fahrzeug die wichtigsten Teile aufeinander abgestimmt zusammengestellt. Ein gewisses technisches Verständnis sollte allerdings vorhanden sein. Für Hobbybastler ist die Umrüstung also nichts – vor allem, weil bei der Umrüstung auch Hochvolt-Technik im Spiel ist, die bei falschem Umgang lebensgefährlich werden kann.

Aber es gibt auch spezielle Firmen, die sich auf die Umrüstung vom Benziner zum umweltschonenden E-Auto spezialisiert haben.