Correctiv

Deutsche Fake-News-Prüfer: „Facebook muss noch mehr tun“

Facebook will mit dem Recherchebüro Correctiv in Deutschland gegen Fake News vorgehen. Correctiv-Chef Schraven über seine Motivation.

Im US-Wahlkampf wurden über Facebook massenhaft gefälschte Nachrichten verbreitet, meist zu Gunsten von Donald Trump. Inzwischen geht das Online-Netzwerk verstärkt gegen Fake News vor – bald auch in Deutschland. Das Recherchebüro Correctiv soll helfen.

Im US-Wahlkampf wurden über Facebook massenhaft gefälschte Nachrichten verbreitet, meist zu Gunsten von Donald Trump. Inzwischen geht das Online-Netzwerk verstärkt gegen Fake News vor – bald auch in Deutschland. Das Recherchebüro Correctiv soll helfen.

Foto: Paul Zinken / dpa

Facebook will gefälschte Nachrichten härter bekämpfen. Dafür holt sich der Konzern erstmals einen journalistischen Partner an seine Seite: Das Recherchebüro Correctiv soll künftig über Fake oder Nicht-Fake entscheiden. David Schraven ist Chef von Correctiv. Im Interview mit unserer Redaktion sprach der 46-Jährige über die künftige Zusammenarbeit mit Facebook – und warum die Zeit drängt.

Herr Schraven, wie fühlen Sie sich als Hüter der Wahrheit?

David Schraven: Na ja, das ist sehr hoch gegriffen. Das Problem mit Falschmeldungen ist wirklich riesig. Wir müssen etwas dagegen tun. Und die Zeit drängt, es stehen mit den Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und den Bundestagswahlen wichtige Entscheidungen in diesem Jahr an. Die Angst vor einer Manipulation ist groß.

Wie funktioniert das System, wie filtert Ihr Team Falschmeldungen heraus?

Schraven: Wenn Leser auf Facebook meinen, sie haben eine Falschmeldung gefunden, können sie sie markieren. Diese Meldungen werden bei Facebook gesammelt, und es wird mit einem Tool automatisch eine Art Ranking erstellt. Die relevantesten Nachrichten kommen dann zu uns. Unsere Journalisten prüfen sie und versehen sie mit einem Warnhinweis, wenn sie falsch sind.

Warum löschen Sie die Nachrichten nicht, wenn sie erwiesenermaßen falsch sind? Wäre das nicht konsequenter?

Schraven: Ist Löschen schlau? Ich weiß nicht, ob Löschen der richtige Weg ist. Vielleicht wird die Verbreitung und Aufmerksamkeit solcher Nachrichten noch gesteigert, wenn wir sie löschen. Man kann ja die Meldungen immer und immer wieder posten.

Wo hört die freie Meinungsäußerung auf, wann wird ein Beitrag zur Falschmeldung?

Schraven: Grob gesagt: Die Meinungsfreiheit hört da auf, wo Fakten nicht mehr stimmen. Zwei plus zwei sind nicht fünf. Das ist eben falsch, darüber lässt sich nicht diskutieren. In solchen Fällen können wir eingreifen.

Das heißt: Wenn behauptet wird, dass es ein Selfie von Angela Merkel mit den Attentätern von Brüssel geben soll, ist das nachweislich eine Falschmeldung, die demnächst von Ihrem Team als solche entlarvt wird?

Schraven: Genau. Journalistisch gesehen glaube ich, dass uns die Überprüfung gar nicht so viel Arbeit machen wird. Fake News bewegen sich oft auf einem sehr niedrigen Niveau und lassen sich mit überschaubarem Rechercheaufwand leicht widerlegen. Wenn Fake News gelöscht werden sollen, müssen die betroffenen Personen weiterhin Strafanzeige stellen. So wie im Fall von Renate Künast vor einigen Wochen.

Der Grünen-Politikerin wurde damals im Fall der ermordeten Studentin in Freiburg ein gefälschtes Zitat in den Mund gelegt. Davon gibt es viele bei Facebook. Stellen Sie sich auf zehn Lügengeschichten täglich ein? Oder erwarten Sie 50, 100 oder noch mehr?

Schraven: Das kann ich wirklich nicht sagen. Wir haben kein fertiges Konzept und wollen erst sehen, wie viel Arbeitsaufwand mit der Überprüfung auf uns zukommt und dann mit Facebook entscheiden, wie wir uns aufstellen.

Bei der Wichtigkeit des Themas und Ihrem finanzstarken Auftraggeber hätten viele erwartet, dass Sie jetzt erst einmal zwei, drei Dutzend Journalisten einstellen. Echte Faktenchecker?

Schraven: Wir gehen Schritt für Schritt voran. Über eine Bezahlung haben wir auch noch nicht mit Facebook verhandelt, weil ich nicht weiß, wie viel Arbeitsaufwand auf uns zukommt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir als stiftungsfinanziertes Journalistenbüro von Facebook tatsächlich bezahlt werden wollen. Aber klar ist, die Entscheidungen müssen schnell fallen. Wir reden von zwei bis drei Wochen, bis wir starten, nicht von Monaten.

Ist die Maßnahme, einen journalistischen Partner ins Boot zu holen, nun der Durchbruch im Kampf gegen Falschmeldungen?

Schraven: Der Weg ist richtig. Aber es kann nur eine von mehreren Maßnahmen sein, Facebook muss viel mehr Leute qualifizieren, die begreifen, worum es geht. Aber alleine werden die das nicht schaffen. Ich glaube, vor allem Regional- und Lokalzeitungen können eine noch wichtigere Rolle spielen, indem sie Falschmeldungen mit Faktenchecks widerlegen.

Die sind nah dran und haben eine enge Verbindung zu den Lesern. Wenn zum Beispiel ein Vergewaltigungsvorwurf auf Facebook gepostet wird, kann das doch schnell nachrecherchiert werden. Und die Erkenntnisse können wieder über Facebook ausgespielt werden.