Verschwörung

Frankfurter Tatort „Wendehammer“ – Verloren im Cyberspace

Im Frankfurter „Tatort“ steht ein neurotischer Computerexperte unter Verdacht. Klaustrophobie und Freiheit sind die Motive des Krimis.

Foto: Bettina Müller / HR/Degeto/Bettina Müller

Essen.  Eine ältere Frau, sie heißt Betti Graf, kommt aufgelöst ins Polizeirevier. Ihr Nachbar Abend­roth ist verschwunden. Einfach nicht zur Rommé-Runde des rüstigen Nachbarschaftstreffs aufgetaucht – das kann schon einmal für Panik sorgen. Also rückt die Polizei aus, und sie findet am Wohnort des Vermissten, einer Neubausiedlung am Stadtrand, auch durchaus verdächtige Zustände vor. Da sind zum Beispiel Blutspuren im Haus des Vermissten. Oder auch tote Katzen im Gefrierschrank des verhaltensauffälligen Anwohners Nils Engels (Jan Krauter).

Der ist ein von Paranoia getriebener Mann und setzt auf die Totalüberwachung seines Grundstücks. Seine Nachbarn mögen ihn nicht. „Wendehammer“ heißt die „Tatort“-Episode. Sie stammt von der Frankfurt-Fraktion, und die wird derzeit von den Kommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) besetzt. Mit den beiden hat man sich als Fan Joachim Króls immer noch nicht so richtig angefreundet. Im Vergleich zu ihrem Vorgänger sind sie manchmal immer noch recht blass.

Verfolgt vom Silicon Valley

Immerhin das Kommissariat ist noch dasselbe, nämlich das vermutlich hässlichste der gesamten „Tatort“-Republik. Dem Siebzigerjahre-Zweckbau schenken Regisseur Markus Imboden und die Drehbuchautoren Stephan Brüggenthies und Andrea Heller gleich zu Anfang ein Stillleben: Jeder puzzelt vor sich hin, keiner arbeitet euphorisch an einem großen Fall. Später flattert ein Schwarm Vögel in die miefige Schreibtischzeile: Klaustrophobie und Freiheit, das sind die Motive dieses Krimis.

Der nervöse Mittelpunkt der Handlung ist IT-Experte Engels. Er fühlt sich von seinem alten Arbeitgeber Massive Data im kalifornischen San Jose verfolgt. Anders als sein Geschäftspartner Daniel (Constantin von Jascheroff) will er seinen bahnbrechenden Algorithmus, von dem man nicht erfährt, um was es bei ihm eigentlich genau geht, nicht ans Silicon Valley verkaufen. Er glaubt, dass das nachbarschaftliche Komplott gegen ihn mit den Machenschaften seiner digitalen Verfolger zusammenhängt.

Vollvernetzung der Welt

Hauptthema ist also die Vollvernetzung der Welt, in der ein Neurotiker noch mehr abrutschen kann als in der wirklichen Welt. Bald schon ist die Angelegenheit jedenfalls mehr als ein groteskes Gequengel unter wohlsituierten Großstädtern, sondern ein Schauerstück aus der Welt der Start-ups, Programmierer und Hacker. Mit dem so fulminanten wie rätselhaften Ende will der „Tatort“ dann am ganz großen Rad drehen.

Klingt irre? Ist es auch. Die Drehbuchautoren hatten jedenfalls ganz sicher jede Menge Spaß mit diesem nie ganz ernst gemeinten Plot, dessen beste Teile aus dem einen oder anderen Filmzitat (Tarantino, Bond) bestehen. Hinreißend albern auch: Die bizarren Nachbarn, die auf ihre Weise genauso bekloppt sind wie Engels. Sogar Brix ist genau einmal auch sehr lustig: Als er besoffen zu einer Tirade gegen das Internet ansetzt.

Fazit: Mittelprächtig bis gut, aber ganz richtig für alle, die es abgedreht mögen.

Sonntag, 18. Dezember, ARD, 20.15 Uhr