Zweiteiler

ARD-Film „Aufbruch“ zeigt einen Aufstieg in die Oberklasse

Mit „Aufbruch“ setzt die ARD die Geschichte des Zweiteilers „Teufelsbraten“ fort. Eine Frau entkommt darin ihren familiären Zwängen.

Foto: WDR/Thomas Kost

Die junge Hilla (Anna Fischer) kann froh sein, dass es zwei gute Engel gibt, die sich Anfang der 60er-Jahre um das Schicksal dieses hochbegabten Mädchens kümmern. Da ist der verständnisvolle Pastor (Markus John), der in der katholischen Gemeinde des rheinischen Städtchens das Geld aufgetrieben hat für das Schulgeld, damit die wissbegierige Hilla das Aufbaugymnasium besuchen kann.

Und da ist der väterliche Buchhändler (Heiko Pinkowski), der sie mit gebrauchten Reclam-Heften versorgt und in dessen Laden sie diese andere Welt der Literatur spürt, weit weg von ihrem ärmlichen Arbeiter-Zuhause und den völlig verständnislosen Eltern. Das Mädchen Hilla ist dem Zuschauer keine Unbekannte. Schon 2007 gab es eine Begegnung mit dieser Figur in dem Zweiteiler „Teufelsbraten“, einer Adaption von Ulla Hahns autobiografischem Roman „Das verborgene Wort“.

Fünf Grimme-Preise

Hier konnte man Kindheit und Jugend der Hauptfigur miterleben und begegnete damals schon einem Geschöpf voller Wissbegier und Fragen, bereit zu jedem Widerwort. Immerhin fünf Grimme-Preise räumte dieser Film von Hermine Huntgeburth (Regie) und Volker Einrauch (Buch) damals ab, ein Werk voller Lebensnähe, voll authentischer Atmosphäre der Nachkriegszeit und geadelt durch eine Besetzung, die ganz im rheinischen Dialekt lebt.

In „Aufbruch“ nun, der Verfilmung des zweiten Teils von Ulla Hahns Trilogie, sind sie alle wieder beisammen, und es ist, als sehe man wie selbstverständlich dem Leben bei seinem Fortgang zu. Hilla spürt als Gymnasiastin stärker denn je die Enge des Elternhauses und die Bildungsferne der Familie. Die Mutter (Margarita Broich) und die inzwischen verwitwete Oma (Barbara Nüsse) möchten sie am liebsten schon mit 17 in „festen Händen“ sehen, den Vater (Ulrich Noethen) stört es immer mehr, dass Hilla nur immer lernt, aber kein Geld nach Hause bringt.

Proletarische Wurzeln

Mit diesem Druck im Rücken und der Sehnsucht nach einem Leben als Schriftstellerin vor sich, lernt Hilla im geliebten Buchladen den reichen Fabrikantensohn Godehard van Keuken (Daniel Sträßer) kennen, der kein Hehl aus seiner Zuneigung zu ihr macht. Er kauft ihr teure Kleider, führt sie in Spitzenrestaurants aus, besucht mit ihr Partys der vermögenden Oberklasse. Hilla genießt diesen Blick in eine ganz andere Welt zunächst wie im Rausch, verspürt aber nach und nach immer stärker ein Gefühl der allmählichen Vereinnahmung.

Als Godehard schließlich eine abfällige Bemerkung über das „Loch“ macht, in dem ihre Familie lebt, ist der Bruch perfekt. Plötzlich spürt sie ihre Wurzeln, bekennt sich zu ihrer proletarischen Herkunft und kann es fast nicht glauben, dass sie sich trotz aller Querelen schützend vor ihre Eltern stellt. Wie wahrhaftig Anna Fischer das spielt, kann man nur bewundernd zur Kenntnis nehmen. Hier ist eine Schauspielerin am Werk, die auch nach neun Jahren Pause ihre Rolle sofort wieder in den Griff bekommen hat.

Fazit: Gelungene Fortsetzung der Lebensgeschichte einer jungen Frau, die Anfang der 60er-Jahre der geistigen Enge ihrer Arbeiterfamilie entkommen will.

ARD, 7. Dezember, 20.15 Uhr