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Krisen? Im RTL-Jahresrückblick war 2016 ein gutes Jahr

„Menschen, Bilder, Emotionen“: Der RTL-Jahresrückblick spart die Krisen 2016 aus. Jauch schien gedanklich schon im Weihnachtsurlaub.

Günther Jauch moderierte den Jahresrückblick.

Günther Jauch moderierte den Jahresrückblick.

Foto: Sascha Steinbach / Getty Images

Berlin.  Hat Donald Trump schon zum RTL-Jahresrückblick getwittert? Seinen Unmut geäußert, dass er gerade fünf Sekunden von 195 Minuten Sendedauer zu sehen gewesen ist? Wir könnten seine Empörung fast verstehen.

Aber, Mr. President-Elect, Sie sind nicht allein. Auch die anderen entscheidenden Themen des Jahres – von den Terroranschlägen in Brüssel und Nizza über den Brexit bis hin zur Wiederkandidatur von Angela Merkel – hat Günther Jauch in den „Bildern des Jahres“ in Windeseile durchgewunken. Aber es gab ja auch Wichtigeres im Jahr 2016.

RTL läutet besinnlichere Zeiten ein

Da wären der Streit eines Pärchens, das zufällig in einen Zwillingstornado und gleichzeitig in einen fiesen Streit geraten ist. Der Abschied von Cindy aus Marzahn, die als „Normalo“ Inka Bessin nun in Mode macht. Die Erkenntnis, dass Toni Kroos früher mal ein Pummelchen war. Und der isländische Fußball-Kommentator Gudmundur Benediktsson „Schreihals des Jahres“ ist.

Aber im Ernst. Wenn im Alltag schon ständig Schlimmes, Schreckliches und Tragisches auf den Titelseiten und in den „Tagesthemen“ auftaucht, kann der Kölner Privatsender doch endlich besinnlichere Zeiten einläuten. Zumal zwei Missbrauchsopfer der Kölner Silvesternacht, Flutopfer aus Braunsbach in Baden-Württemberg und ein an Krebs erkrankter Wolfgang Bosbach auch ihren Auftritt in der Sendung hatten. Also gar nicht alles nur Friede, Freude, Plastikkuchen war. Und dennoch: Dass ein Medley von Howard Carpendale um 23:38 Uhr das Finale der Sendung einläutet, spricht für sich. Und leider nicht für RTL.

Jauch schon gedanklich unterm Weihnachtsbaum

Dass es nicht ganz so rund lief am Sonntagabend, zeigte sich schon in den einzelnen Interviews, die Jauch mit seinen Gästen führte. Die bereits erwähnte Ilka Bessin (Cindy aus Marzahn a.D.) bat den Moderator höflich darum, sie nicht mitten im Satz zu unterbrechen. Schließlich erzählte sie gerade vom Mobbing, das letztendlich dazu führte, dass sie ihren pinken Plüschanzug an den Nagel hängte. Jauch platzte, ein Glück, nicht der Kragen. Sondern nur die Hose. (Der italienische Edelzwirn hat schon in der Garderobe nicht gehalten!)

Auch bei anderen Gästen schien Jauch gedanklich schon unterm Weihnachtsbaum zu weilen. Bei Sonja Z. und Lisa C. wusste er nicht, dass beide Frauen nach den Ereignissen von Köln inzwischen Anzeige erstattet hatten. Den belgischen Schauspieler Eric Kabongo („Willkommen bei den Hartmanns“) hielt er fälschlicherweise für einen Flüchtling, während er dessen Kollegen Elyas M’Barek fragte, ob er seinen österreichischen Pass nun wirklich abgeben wolle. Das hatte der Schauspieler noch vor Ausgang der Wahl in seinem Heimatland getwittert. „Das geht doch gar nicht, Herr Jauch!“

Kerber spielt die Bälle mit Bratpfanne

Den Multimillionär Toni Kroos überraschte der Moderator dagegen mit der Erkenntnis, dass er trotz seiner langen Karriere ja so selten verletzt sei. „Gute Frage“, stammelte der Recke von Real Madrid, „weil ich gerade aus einer Verletzung komme“. Unangeneeehm. Apropos Verletzung: Kroos’ lilafarbenes Seidenhemd mit den grünen Flecken, die entfernt an Avocados erinnerten, dürften manchem Zuschauer genauso viel Augen-Aua bereitet haben wie die schwarz-weiße Schmetterlingshose von Robbie Williams und das grün-bräunliche Paisley-Sakko des Wolfgang Bosbach. Wenigstens Nuschelkönig Udo Lindenberg war gut geschminkt.

Doch zurück zum Spocht. Olympia-Sieger Fabian Hambüchen zog sich mitten im Gespräch – aus Protestgründen angesichts der oberflächlichen Fragen? – die Hose aus. Er hatte aber, puh, die rote Sportbux’ drunter. Ging ja noch ans Reck. Tennis-Ass Angelique Kerber durfte wenig später mit der Bratpfanne Bälle spielen. Da hat sich der Besuch bei „Menschen, Bilder, Emotionen“ doch gelohnt.

Am Schluss steht die Selbstbeweihräucherung

Wie sich überhaupt die ganze Sendung lohnt. Wie sonst hätten wir vom Schicksal „des größten Geizkragen Englands“ namens Jordon Cox erfahren? Genau, niemals! Nicht auszudenken. Und wir hätten uns wohl für immer und alle Zeiten gefragt, was aus Theo Kelz geworden ist, dem Mann, den RTL vor 16 Jahren (!) wegen seiner transplantierten Hände eines Toten schon einmal in die Sendung eingeladen hatte.

Und so muss am Ende noch ein wenig Zeit für ein wenig Selbstbeweihräucherung bleiben. Ganze vier Minuten nimmt sich Jauch, um auf die Highlights der vergangenen 20 Jahre „Menschen, Bilder, Emotionen“ zurückzuschauen. Die Anzüge damals! Die illustren Gäste! Kinder, ist das schön. Und wie die Zeit vergeht! Aber wie singt es Andreas Gabalier so schön: „Amoi* seg’ma uns wieder“.

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