Talkshow

Maybritt Illner fragte Sigmar Gabriel nach den Verlierern

Bei Maybrit Illner drehte sich alles um die Wirtschaft. Der Bundeswirtschaftsminister erklärte, was er den „Abgehängten“ anbietet.

Von Sasan Abdi-Herrle
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) äußerte sich in der Illner-Sendung zum Thema „Gewinne steigen, Jobs verschwinden - wer kümmert sich um die Verlierer?“ durchaus selbstkritisch.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) äußerte sich in der Illner-Sendung zum Thema „Gewinne steigen, Jobs verschwinden - wer kümmert sich um die Verlierer?“ durchaus selbstkritisch.

Foto: imago stock&people / imago/Metodi Popow

Berlin.  Deutschland geht es gut. Nicht im Detail und nicht in jeder Hinsicht, aber beim Blick auf das große Bild. Ein wichtiger Grund dafür ist der hohe Handelsüberschuss: Als sogenannte Exportnation profitiert die Bundesrepublik von der Globalisierung, dem Freihandel und der Europäischen Union besonders.

Die andere Seite der Medaille ist, dass nicht jeder Bundesbürger etwas von dieser Entwicklung mitkriegt. Wo einerseits Gewinne wachsen, werden andererseits Jobs verlagert oder sind zumindest unsicher.

Gabriels „Ja, aber“-Ansatz

Die Arbeitslosigkeit ist zwar auf einem Rekordtief, doch ist dies zumindest teilweise durch einen aufgeblähten Niedriglohnsektor erkauft. „Wer kümmert sich um die Verlierer“, fragte vor diesem Hintergrund am Donnerstagabend Maybrit Illner im ZDF vor allem SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Für seine Antwort wählte der Wirtschaftsminister einen „Ja, aber“-Ansatz. Einerseits räumte Gabriel ein, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht auseinanderfalle. So bestünden etwa große Unterschiede zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen Jung und Alt. Auf der anderen Seite gehe es Deutschland aber insgesamt so gut wie nie zuvor.

Gabriel zweifelt Hartz-IV-Reformen an

Trotzdem gebe es genug konkrete Probleme, die gelöst werden müssten. So müsse etwa gegen ausufernde, jahrelange Leiharbeitsverträge vorgegangen werden. Auch müssten sachgrundlose Befristungen überprüft und die Löhne in sozialen Berufen über neue Tarifverträge gestärkt werden.

Wirklich nachdenklich wirkte der Wirtschaftsminister in der Diskussion der Hartz-IV-Reformen, die er als Teil des gegenwärtigen Problems der SPD sieht. „Ich will nicht sagen, dass das dauerhaft richtig war“, sagte Gabriel mit Blick auf die vielen umstrittenen Punkte der „Agenda 2010“. Zugleich erinnerte er aber daran, dass in Deutschland damals nahezu sechs Millionen Menschen ohne Arbeit waren. „Das hätte das Land auf Dauer ins Chaos geführt.“

Drahtseilakt wegen Doppelfunktion

Die Gesprächskonstellation war durchaus interessant, weil Gabriel ganz grundsätzlich einen schwierigen Drahtseilakt zu meistern hat. Einerseits ist er als Wirtschaftsminister dafür zuständig, den digitalen Wandel zu gestalten, bei dem alte Jobs wegfallen und im Idealfall neue entstehen werden. Auf der anderen Seite muss er als SPD-Chef den sozialen Anspruch seiner Partei als Streiter für sichere, gutbezahlte Jobs vertreten.

Diese Zweiteilung kann problematisch sein, schließlich muss Gabriel so etwa für die deutsche Autoindustrie sprechen, zugleich aber deren großzügige Ausnutzung von Leiharbeitern anprangern. Aus diesem Dilemma machte Gabriel bei Illner kurzerhand einen Vorteil. „Arbeitsplätze und soziale Sicherheit schaffen – das ist doch kein Widerspruch“ befand der Wirtschaftsminister.

Einigkeit mit Katja Kipping

Von der Chefin der Linkspartei, Katja Kipping, erhielt Gabriel für viele Standpunkte Unterstützung. Seine ablehnende Haltung gegenüber Steuersenkungen – das Geld solle lieber direkt investiert – fand bei Kipping genauso Zuspruch wie seine selbstkritische Haltung bei den Hartz-IV-Reformen. „Wenn die SPD einen echten Politikwechsel will, wären wir ein guter Partner“, ließ Kipping mit Blick auf eine möglich Rot-Rot-Grüne Koalition wissen.

Der Erkenntnisgewinn

Hielt sich bei der eigentlichen Frage, der Unterstützung für die „Abgehängten“, in Grenzen. Allerdings wäre es doch auch verwunderlich gewesen, wenn in einer Talkshow die Mutter aller Fragen rund um den Populismus mal eben schlüssig beantwortet worden wäre.

Dafür sagte die Sendung etwas über Gabriel. Mit einer Mischung aus glaubwürdiger Selbstkritik und einer trotzdem positiven Grundeinstellung präsentierte sich der Wirtschaftsminister von seiner staatsmännischen Seite. Kann er doch Kanzlerkandidat?

Der Spruch des Abends

Diese Frage wollte Gabriel natürlich auch bei dieser Gelegenheit nicht beantworten. Was denn im Januar 2017 – wenn die SPD ihren Gegner für Angela Merkel benannt haben will – anders sein werde, wollte die Gastgeberin wissen. „Da ist Weihnachten rum und ich bin kurz davor, zum dritten Mal Vater zu werden“, lautete die Antwort.

Zur Ausgabe von „Maybrit Illner“ in der ZDF-Mediathek