ARD-Talkshow

„Lügenpresse“-Vorwürfe bei Maischberger: Wer lügt und warum?

Das Misstrauen gegenüber den Medien scheint größer zu werden. Ist es berechtigt? Die Diskussion bei Sandra Maischberger wurde laut.

Von Monika Idems
„Kann man Journalisten noch trauen?" – Über den „Lügenpresse“-Vorwurf sprach Sandra Maischberger mit ihren Gäste am Mittwochabend. Blogger Sascha Lobo (r.) diskutierte hitzig mit Joachim Radte, Busfahrer und Pegida-Demonstrant.

„Kann man Journalisten noch trauen?" – Über den „Lügenpresse“-Vorwurf sprach Sandra Maischberger mit ihren Gäste am Mittwochabend. Blogger Sascha Lobo (r.) diskutierte hitzig mit Joachim Radte, Busfahrer und Pegida-Demonstrant.

Foto: Max Kohr / WDR

Berlin.  Kann man Journalisten eigentlich noch trauen? Wer den künftigen Präsidenten der USA fragt, wird ein klares Nein bekommen: Donald Trump spricht häufig von den „betrügerischen Medien“. In Deutschland werden die Vorwürfe gegen die Presse lauter, immer häufiger scheinen Medienkonsumenten zu glauben, dass Journalisten nicht unabhängig informieren, sondern nur Meinungen manipulieren wollen.

Im Anschluss an den Fernsehfilm „Die vierte Gewalt“, einem von Klischees durchsetzten ARD-Drama über Journalismus und Politik, griff Sandra Maischberger am Mittwochabend das Thema auf – und diskutierte mit Journalist Ulrich Wickert, der ehemaligen Bürgerrechtlerin und früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld, dem Berliner Busfahrer und Pegida-Anhänger Joachim Radke und dem Social-Media-Experten und Medienkritiker Sascha Lobo.

• Das Grundproblem

Zu viel Thema für zu wenig Zeit – wie so oft. Die kleine Runde versuchte, in einer Stunde zu klären, warum ein substanzieller Teil der Bevölkerung den Medien Falschberichterstattung zwischen Fahrlässigkeit und Willkür vorwirft, wie viel an diesen Vorwürfen dran ist, welche Motivation hinter dieser von manchen unterstellten tendenziösen Berichterstattung stecken und von wem sie gesteuert sein könnte, wenn sie denn gesteuert sein sollte.

Dazu sollte auch noch die Rolle der sozialen Medien zwischen Twitter und Facebook bei der Verbreitung von Propaganda aufgeschlüsselt werden – man hätte eine mehrtägige Konferenz damit füllen können.

• Die Besetzung

Ulrich Wickert, früher über lange Jahre Tagesthemen-Anchorman, vertrat neben Moderatorin Maischberger den Journalismus in der Runde; nicht schlecht gewählt, vermutlich sind seine Vertrauenswerte höher als bei vielen anderen Vertretern des Berufsstandes.

Wickert zeigte einerseits viel Verständnis für den mit Pegida demonstrierenden Busfahrer Radke als Stimme von der Straße – ohne wirklich kritisch zu werden, wenn der sich in Widersprüche verstrickte. Andererseits war Wickert auch schnell dabei, grobe Fehler, die Medien in der Berichterstattung gemacht haben, zwar zuzugestehen, aber auch zu entschuldigen.

Fürs Aufzeigen der Widersprüche in Radkes Ausführungen schien vor allem Medienkritiker Sascha Lobo zuständig zu sein, der sich auch leidenschaftlich mit Vera Lengsfeld stritt. Zu wenig kam Medienwissenschaftler Gerhard Vowe zu Wort, der einigermaßen neutral wirkte und die verschiedenen Ansichten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen be- oder widerlegen konnte.

• Die schlimmsten Widersprüche

AfD-Mitglied Radke benutzt das Wort Lügenpresse – und bemängelte fehlende Differenzierung. Das ließ Lobo dem eloquenten Busfahrer nicht durchgehen. Vera Lengsfeld behauptete, Justizminister Heiko Maas habe den ersten Entwurf seines Gesetzes gegen Kinderehen dem „Spiegel“ mit der Bitte um „geneigte Berichterstattung“ zugespielt.

Als Maischberger Belege für diesen „schweren Vorwurf“ forderte, verhaspelte Lengsfeld sich und antwortete schließlich: „Das stand in den Medien“ – um dann ihren Fehler zu erkennen und zurückzurudern. Lengsfelds Auftritt mit unfundierten Aussagen war ein gutes Argument dafür, die frühere Bundestagsabgeordnete nicht mehr zu Diskussionen einzuladen.

• Das größte Gebrüll

Zwischen Vera Lengsfeld und Sascha Lobo, dicht gefolgt von einem lautstarken Austausch zwischen Pegida-Anhänger Radke und Blogger Lobo: Der Mann mit dem feuerroten Iro nimmt die Argumentationen von Diskussionspartnern oft pointiert auseinander und erntet entsprechende Reaktionen.

Lobo kann sich genauso unterhaltsam über Menschen mit anderen Ansichten aufregen wie er diese Menschen provoziert. Ein Beispiel: Lobos Kritik an einem Blog-Eintrag Lengsfelds, in dem sie schrieb, die US-Schauspielerin Susan Sarandon, bekennende Linke und leidenschaftliche Unterstützerin des früheren demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, habe gesagt, sie werde Trump wählen. Da habe sie auf die Quellen verlinkt, versuchte die Autorin sich zu rechtfertigen – seinen nur leider „Fake-News“, frei erfunden, klärte Lobo sie auf.

„Sie versuchen die ganze Zeit, sich intellektuell zu überhöhen“, warf Busfahrer Radke in einem anderen Zusammenhang Lobo vor: Treffer, Lobo trägt seine Arroganz so offensiv wie seine Frisur – „Sie haben meine Schwäche sofort erkannt“, wie er auch gleich zugab.

• Der Erkenntnisgewinn

Sehr überschaubar. Was neben der Breite des Themas und der Kürze der Zeit vermutlich daran liegt, dass mindestens drei der Gäste nicht bereit schienen, ihre bestehenden Meinungen zurückzustellen und den anderen offen zuzuhören. Pegida-Anhänger Radke und die Blogger Lengsfeld und Lobo verwendeten viel Sendezeit dafür, zu versuchen, sich gegenseitig zu unterbrechen; ein Bedürfnis, die Ansichten der anderen zu verstehen, war nicht zu erkennen.

Wirklich interessant waren ein paar Zahlen und Fakten, die Medienwissenschaftler Vowe anführte: Dass Menschen Medien misstrauen, sei kein neues Phänomen, erklärte der Experte, das Verhältnis sei schon lange – mit zeitweiligen leichten Ausschlägen – etwa 60 zu 40: 40 Prozent vertrauten der Presse, 60 Prozent misstrauten ihr in verschiedenen Ausprägungen. Zwölf Prozent, sagte Vowe, gehörten zu denen, die tatsächlich von Lügenpresse sprächen.

Maischbergers Fazit: „Wir müssen aufpassen, und zwar alle – in den Medien und in der Mediennutzung.“

Diese „Maischberger“-Sendung gibt es hier in der ARD-Mediathek.