Jubiläumsfolge

Wie Kekse zur Waffe werden – Sechs Fakten zum 1000. „Tatort“

Im 1000. „Tatort“ ermitteln Lindholm und Borowski als ungleiches Paar – mit teils seltsamen Mitteln. Fragen und Antworten zum Jubiläum.

Der Zufall bringt sie zusammen: Die Hannoveraner „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und ihr Kieler Kollege Klaus Borowski (Axel Milberg) werden vom Taxifahrer Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) entführt.

Der Zufall bringt sie zusammen: Die Hannoveraner „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und ihr Kieler Kollege Klaus Borowski (Axel Milberg) werden vom Taxifahrer Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) entführt.

Foto: Meyerbroeker / NDR

Berlin.  Von „ermitteln“ konnte in der 1000. „Tatort“-Folge „Taxi nach Leipzig“ eigentlich nicht die Rede sein. Denn in der Jubiläumsausgabe der Kultserie wurden die Hannoveraner Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und ihr Kieler Kollege Klaus Borowski (Axel Milberg) Zeugen des ungewöhnlichen Mordes: Der Taxifahrer, dessen Fahrgäste die beiden sich fremden Kommissare nur zufällig werden, bringt vor ihren Augen einen dritten Polizisten um. Mit einem einzigen Griff. Genickbruch. Der Taxifahrer ist ehemaliger Afghanistan-Soldat der KSK-Eliteeinheit.

Und weil es für die Ermittler nichts zu ermitteln gab, haben wir die Ermittlungen einfach selbst übernommen. Fünf Fragen zur „Tatort“-Jubiläumsfolge – und die Antworten:

• Warum spielt ein Großteil der Handlung ausgerechnet im Taxi?

Es gab schon einmal einen „Tatort“ mit dem Namen „Taxi nach Leipzig“. Er lief vor nunmehr 46 Jahren und wurde am 29. November 1970 ausgestrahlt. Es war die allererste „Tatort“-Episode. Damals ermittelte der Hamburger Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) – mehr oder weniger gemeinsam – mit dem Ost-Berliner Stasi-Mann Karl Lincke (Erwin Klietsch) an der Transitautobahn nach Leipzig.

Der Titel des Jubiläumsfolge ist eine Verbeugung vor den Pionieren der Kultreihe, die als letztes TV-Format regelmäßig etwa zehn Millionen Zuschauer zu einem festen Sendetermin versammelt. Aus diesem Grund musste eben ein Taxi her. Und dieses wurde in der neuen „Taxi nach Leipzig“-Folge nicht nur zum Tatort für einen Mord, sondern auch zum Schauplatz einer Geiselnahme.

• Warum bilden Lindholm und Borowski ein Ermittler-Team?

Tun sie das wirklich? So wenig im 1000. „Tatort“ von Ermittlungen die Rede sein kann, genauso wenig kann auch von einem Team die Rede sein. Denn die Hannoveraner Kommissarin Lindholm und den Kieler Kommissar Borowski treibt eher der Zufall zusammen.

Nach einem Deeskalations-Seminar an der Polizeiakademie in Braunschweig, landen sie gemeinsam in einem Taxi. Lindholm ist von der unverhofften Begleitung offenbar alles andere als angetan und widmet sich Klassikmusik über Kopfhörer. Und Borowski ist die kühle Art der Hannoveraner Kollegin wohl auch nicht sympathisch – zumal ihm Lindholm am Seminar-Buffet das letzte Brötchen vor der Nase weggeschnappt hat.

Als dann ihr Taxifahrer auch noch einen dritten Kollegen vor ihren Augen umbringt – zugegeben, er hat wirklich genervt, aber das ist ja noch lange kein Grund für einen Mord –, bilden sie als Geiseln des Mörder eher eine Schicksalsgemeinschaft denn ein Ermittler-Team. Völlig unbewaffnet und dem ausgebildeten Elitesoldaten auch körperlich unterlegen, bleibt ihnen nicht viel anderes übrig, als mit dem Geiselnehmer zu reden.

Genau darin zeigt sich: Als Team taugen Lindholm und Borowski nichts. Sie können sich nicht aufeinander verlassen, sind nicht aufeinander eingespielt, verstehen sich weder mit noch ohne Worte. Er der etwas trottelig, aber liebenswerte Gemütliche, sie kühl, zielstrebig und häufig einen Tacken zu forsch – das passt nicht gut zusammen.

Im Zwiegespräch mit sich selbst schickt Borowski das ein oder andere Stoßgebet gen Himmel, sie möge doch ein wenig feinfühliger vorgehen. Prompt sagt sie einen Satz, der fast zur Eskalation führt. Hätte Lindholm doch bloß beim Deeskalations-Seminar aufgepasst, statt mit dem Handy zu hantieren.

• Wer war dieser Taxifahrer?

In der Rolle des ehemaligen Elitesoldaten, Architekturstudenten, Taxifahrers, Geiselnehmers und Mörders ist in der 1000. „Tatort“-Folge der Schauspieler Florian Bartholomäi zu sehen. Und der hat schon öfters gemordet – zumindest fürs Fernsehen.

Wer häufiger „Tatort“ schaut, kennt vielleicht Bartholomäis Gesicht. Bereits elfmal zuvor stand er vor der „Tatort“-Kamera, das erste Mal als Jugendbandenmitglied und Verdächtiger Ralf Salchow im Leipziger „Tatort: Freischwimmer“ im Jahr 2005. Für seine Rolle als Mörder Max im Konstanzer „Tatort: Herz aus Eis“ von 2009 erhielt Bartholomäi sogar den „New Faces Award“ als bester Nachwuchsschauspieler.

Im Jubiläums-„Tatort“ wird Bartholomäi erneut zum Mörder. Von der Freundin verlassen, von den Kameraden und seinem Vorgesetzten bei der Bundeswehr enttäuscht, mit sich selbst im Unreinen, weil er in Afghanistan unschuldige Familien getötet hat – die so angestaute Wut entlädt sich auf der Taxifahrt mit den Kommissaren. Dass die Polizisten nach ihrem Seminar aber auch ausgerechnet zu ihm ins Taxi steigen mussten, wo er doch auf dem Weg zur Liebe seines Lebens war, die am nächsten Tag seinen ehemaligen Vorgesetzten heiraten wollte. Dabei musste er ihr doch noch eines sagen.

• Was war die skurrilste Szene?

Weiter oben im Text heißt es, die Kommissare Lindholm und Borowski seien völlig unbewaffnet gewesen, als sie zu Fahrer Rainald Klapproth ins Taxi stiegen. So ganz stimmt das allerdings nicht. Denn auch ein Keks kann eine Waffe sein. Glauben Sie nicht? Ist aber so. Und das kam folgendermaßen:

Weil ihm Kollegin Lindholm am Seminar-Buffet das letzte belegte Brötchen vor der Nase wegschnappte, griff Borowski zu den Keksen. Die landeten allerdings nicht in seinem Magen, sondern in seiner Hosentasche. Das machte zunächst zwar nicht wirklich Sinn, hatte aber den Effekt, dass sie später zum Einsatz kommen konnten: als Waffe.

Geisel Borowski schaffte es nämlich, seine Handfesseln auf der Taxirückbank zu lösen und heimlich in die Tasche mit den Keksen zu greifen. Und wie nutzt man das Gebäck als Waffe? Richtig, indem man es zerbröselt und wie den Sand der afghanischen Wüste in die Augen seines Geiselnehmers streut. Tatsächlich gelingt es Borowski so, den Taxifahrer kurzfristig außer Gefecht zu setzen. Womöglich klappt solch ein Hinterhalt nur im Film. Und der „Tatort“ ist eben doch nur ein solcher, auch in der 1000. Ausgabe.

• Wer braucht eigentlich Wölfe?

In Märchen braucht es Wölfe und Naturschützer freuen sich, dass der Wolf zurück nach Deutschland gefunden hat. Im „Tatort: Taxi nach Leipzig“ waren sie aber völlig überflüssig. Im Radio läuft während der Geiselnahme im Taxi die Nachricht, Problemwölfin Maja sei einem Jäger hechelnd hinterhergelaufen und habe in Halle einen Pudel gerissen. Der Moderator fragt: „Soll die Wölfin in die ewigen Jagdgründe geschickt werden?“

Viel später tauchen dann die Problemwölfe noch einmal und wahrhaftig auf: als Lindholm und ihrem Kollegen nach Borowskis Kekssand-Attacke die Flucht gelingt. Auf ihrem Weg durch den dunklen Wald packt Lindholm die Angst. Sie fühlt sich verfolgt und versteckt sich später in einem Schuppen vor den wilden Tieren. Ihr gemütlicher Kollege Borowski kann ihre Angst nicht richtig nachvollziehen – bis er dem bösen Wolf selbst in die Augen blickt.

Ob das Auftauchen der Problemwölfe Spannung erzeugen sollte? Das hat Drehbuchautor und Regisseur Alexander Adolph in „Taxi nach Leipzig“ zumindest mit den Wölfen nicht geschafft.

• Welche alten Bekannte sind aufgetaucht?

Als Extra-Schmankerln tauchten im 1000. „Tatort“ Mitwirkenden von einst auf. Haben Sie sie entdeckt? Die Auflösung: Günter Lamprecht ist bei einem Vortrag in der Polizeiakademie zu sehen. Er verkörperte zwischen 1991 und 1995 den Berliner Hauptkommissar Franz Markowitz. Ein kurzes Wiedersehen gibt es auch mit Hans Peter Hallwachs, der schon in der allerersten Folge vor der „Tatort“-Kamera stand. Auch Karin Anselm, die zwischen 1981 und 1988 als Hanne Wiegand in Baden-Baden, Freiburg, Mainz und Karlsruhe ermittelte, hat einen Gastauftritt. Und Friedhelm Werremeier, Autor des ersten „Tatort“, markiert einen wortlosen Kneipengast. (mit dpa)