ARD-Krimi

1000 mal "Tatort": Warum der Sonntagskrimi immer noch zieht

Am Sonntag wird die 1000. Folge ausgestrahlt. Trotz seines großen Erfolges wird am "Tatort" oft herumgemäkelt. Eine Gegenrede.

So beginnt der „Tatort“ am Sonntag – die letzte Institution im deutschen Fernsehen

So beginnt der „Tatort“ am Sonntag – die letzte Institution im deutschen Fernsehen

Foto: ARD/SF DRS/ORF

Vor ein paar Wochen war ich zu Gast auf einer Party. Ich kam mit einem Arzt ins Gespräch, der mich fragte, worüber ich als Journalist denn so schreibe. Ich sagte, dass ich zum Beispiel seit Jahren den „Tatort“ bespreche. Er rollte mit den Augen und fragte, ob das nicht furchtbar langweilig sei. Mir war das Thema irgendwie unangenehm, und um es schnell abzuschließen, sagte ich: Ja, meistens. Dann sprachen wir über etwas anderes. Als ich später nach Hause fuhr, dachte ich darüber nach. Ich hatte dem Mann keinen Vortrag halten wollen, deshalb meine knappe Antwort. Aber eigentlich stimmte sie nicht.

Nehmen wir die Folge vom vorvergangenen Sonntag. Erinnern Sie sich noch? In der Münchener Innenstadt wurde ein Mann erstochen. Er sah einen Fremden auf dem Boden liegen, wollte ihm helfen. Der zog ihn zu sich heran, stand auf, stach mehrfach zu und ging einfach fort.

Die Tat blieb rätselhaft: Das Opfer hatte es durch schieren Zufall getroffen. Die Zeugen widersprachen sich. Eine Blutspur mitsamt DNA des Mörders führte ins Leere. Wie Schlafwandler ermittelten sich die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) durch die Indizien. Ohne Ergebnis, über Monate hinweg. Und konnten am Ende nur einen Folgemord, nicht aber die Ursprungstat aufklären.

Ein Mord, der unaufgeklärt blieb

Der Fall mit dem vielsagenden Titel „Die Wahrheit“ ragte über den sonstigen Durchschnitt am Sonntagabend hinaus – weil er sich vieles traute. Gekonnt spielte er mit dem Alter der Ermittler, die nach Lena Odenthal aus Ludwigshafen deutschlandweit die dienstältesten sind. Batic kam auf der Jagd nach einem Verdächtigen sofort außer Puste, das faltenzerfurchte Gesicht seines Kollegen füllte mehr als einmal den Bildschirm. Das könnte man noch als selbstreferenzielle Koketterie abtun, aber dieser „Tatort“ hatte darüber hinaus ein originelles Thema: nämlich die unendliche Mühsal der Polizeiarbeit. Das Abhalten von Massengentests, die Behinderung durch Berichte in den Medien, das Durchsuchen von Tonnen von Müll, die Regelmäßigkeit von Rückschlägen: All das war sein eigentlicher Gegenstand. Und, vielleicht am wichtigsten: Er nahm es sich heraus, einen Mord unaufgeklärt zu lassen.

Das ist natürlich zunächst einmal ein grober Regelverstoß. Denn der „Tatort“, 1970 vom Fernsehredakteur Gunther Witte erfunden, folgt traditionsgemäß der Dramaturgie der Reparatur: eine kaputtgegangene Welt wird von den Kommissaren vor den Augen der Nation wiederhergestellt, der Täter seiner Bestrafung zugeführt. Beunruhigung und Besänftigung: Dieses Konzept funktionierte über mehr als 45 Jahre lang einwandfrei und lockte zuverlässig ein Millionenpublikum vor die Fernseher. Sein Bauplan sah es fast immer vor, eine Handvoll Verdächtiger zu präsentieren, unter denen sich der Zuschauer dann entscheiden konnte – verbunden mit der Hoffnung, ihn dabei in die Irre zu führen und gehörig zu überraschen.

Eine gewachsene Lust an Experimenten

Das gelang mal besser und mal schlechter. Wer aber in der letzten Zeit das in die Jahre gekommene Format verfolgt hat, stellt eine gewachsene Lust an Experimenten fest. Eine der besten „Tatort“-Folgen der letzten Jahre etwa hieß „Der tiefe Schlaf“, wurde 2012 gesendet und kam ebenfalls aus München. Es ging um ein ermordetes Mädchen, die Ermittlungen waren ähnlich zäh und ergebnislos wie im letzten Fall von Batic und Leitmayr. Die Auflösung gelang nicht durch clevere Fallanalyse, sondern durch schieren Zufall. Und der Täter war nicht jemand, auf den man hätte kommen können – er tauchte erst in dem Moment auf, in dem er überführt wurde. Ein Jedermann, ein Dutzendgesicht im grauen Trenchcoat. Einer, den man im Treppenhaus freundlich grüßen und sofort wieder vergessen würde.

Von der Autorin Agatha Christie stammt das Dogma, man müsse dem Krimikonsumenten eine Chance geben, den Täter selbst zu identifizieren. Eine in den letzten Handlungsminuten eingeführte Figur galt ihr als lächerlicher Taschenspielertrick. Daran hat sich auch der „Tatort“ in den letzten Jahrzehnten zumeist treu gehalten. Aber ist es nicht heutzutage realitätsnäher, von dieser Regel abzurücken? Erleben wir es nicht genau so, wenn erschütternderweise wieder einmal nach einem Kindsmörder gefahndet wird und dann plötzlich ein Niemand in den Zeitungen auftaucht, über den Nachbarn sagen, er sei so unauffällig gewesen und habe immer höflich Guten Tag gesagt? Die Allgegenwart des Zufälligen und Unberechenbaren hat auch Einzug in den „Tatort“ gehalten – und ihn damit anschlussfähig gemacht für das Zeitgefühl, mit dem wir leben müssen.

In der Rolle des etwas versnobten Ermittlers

Das in etwa hätte ich meinem Party-Gesprächspartner auf die Frage antworten können – wenn es mir zu diesem Zeitpunkt eingefallen wäre. Das Spannende am „Tatort“ besteht vielleicht weniger in der Mördersuche als in der Suche nach Antworten auf die Frage, wie sich die Merkmale des Zeitgeistes darin abbilden. Dazu gibt es ein weiteres interessantes Beispiel. Für die Wiesbadener Episoden spielt Ulrich Tukur hin und wieder die Rolle des etwas versnobten Ermittlers Felix Murot. Seinen bislang letzten Auftritt hatte er in einer Folge, die kurz nach Weihnachten letzten Jahres ausgestrahlt wurde. Nur spielte er darin gar nicht Felix Murot, sondern sich selbst, also den Schauspieler Ulrich Tukur, während der Dreharbeiten für einen „Tatort“.

Auch wenn der Folge wegen einiger dramaturgischer Schwächen gegen Ende die Luft ausging, vermochte sie doch durch ihre Grundidee zu faszinieren – die genauso aktuell ist wie die Zufallsszenarien aus München: In Zeiten der permanenten Selbstpräsentation in sozialen Netzwerken ist die Frage, die dieser „Tatort“ schon mit seinem Titel aufwarf – „Wer bin ich?“ – um ein Vielfaches relevanter und schwerer zu beantworten als noch vor etwa 20 Jahren.

Natürlich: Es geht nicht immer so originell zu am Sonntagabend. Einige Ermittler wie Lena Odenthal alias Ulrike Folkerts in Ludwigshafen haben sich schlichtweg überlebt. Andere wie die erfolgreichen Dauerblödler Thiel und Boerne aus Münster beginnen langsam zu nerven und kommen nicht von der Stelle. Gerade das könnte ein weiterer Hinweis auf die Herausforderungen sein, denen sich der „Tatort“ stellen muss, wenn er sich vor der Mottenkiste der Fernsehgeschichte retten will. Erfolgreiche epische Serienformate wie „Breaking Bad“ oder „House of Cards“ werden oft genutzt, um den Unterhaltungswert der deutschen Neunzigminüter anzuzweifeln. Das ist ein etwas unfairer Vergleich, denn natürlich lässt sich in sechs Staffeln à 45 Minuten die Entwicklung einer Figur glaubwürdiger erzählen als in anderthalb Stunden. Er übersieht zudem die vielen Vorschläge und Ansätze, die es zum horizontalen Erzählen im „Tatort“ bereits gibt.

Die Ermittler haben eine Vorgeschichte, sie entwickeln sich weiter

Da wären zum Beispiel die vier Ermittler aus Dortmund, die ein gutes Beispiel für gelungene Figurenzeichnung sind. Zwar wird auch hier in der Regel mit abgeschlossenen Fällen gearbeitet – aber die Ermittler haben eine Vorgeschichte, sie entwickeln sich weiter. Auch in den Fällen aus Berlin mit Meret Becker als Nina Rubin und Mark Waschke als Robert Karow wird eine fortlaufende Geschichte weitererzählt, die auf ungeklärte Weise mit Karows Vorleben zusammenhängt und ihn immer wieder suspekt erscheinen lässt.

Es gibt beim „Tatort“ keine Möglichkeit des „Binge-Watchings“, also des mehrstündigen Anschauens etlicher Folgen hintereinander. Der Zuschauer muss monatelang warten, bis die Kommissare wieder auf dem Bildschirm erscheinen. Und doch formuliert er schon längst Antworten auf die veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer – und darin, wie er sie formuliert, bleibt er ein lebendiges Format.

Die richtige Antwort auf den Vorwurf der Langeweile hätte also nicht „ja, meistens“ lauten sollen. Wenn dem so wäre, dann gäbe es ihn schon längst nicht mehr. Treffender wäre wohl eine der Antworten gewesen, die das soziale Netzwerk Facebook für den Status von Beziehungen anbietet – und um eine solche handelt es sich ja nach mehr als vier Jahrzehnten „Tatort“-Geschichte: Es ist kompliziert. Aber das Komplizierte kann oft auch sehr spannend sein.