ARD-Krimi

Mord ohne Mörder – da leiden nicht nur „Tatort“-Ermittler

Der Münchner „Tatort“ wagte einen neuen Ansatz – mit ganz realem Hintergrund. Wenn nur die dummen Kalendersprüche nicht gewesen wären.

Die Tatortkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) hatten es am Sonntag mit einem unlösbaren Fall zu tun.

Die Tatortkommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) hatten es am Sonntag mit einem unlösbaren Fall zu tun.

Foto: BR / X Filme/Hagen Keller

Berlin.  Stell dir vor, es ist „Tatort“ – und die Kommissare finden den Täter nicht. Eine Variante, die die ARD ihren Zuschauern ganz selten zumutet. Genau so erging es aber am Sonntagabend den Münchner TV-Ermittlern Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). „Wahrheit“, so der Titel der Folge, thematisierte einen Fall, vor den sich jeder reale Ermittler fürchtet: ein Mord ohne gefassten Mörder.

Dabei haben Mörder in Deutschland schlechte Chancen, unentdeckt zu bleiben. Laut einer Statistik des Bundeskriminalamts wurden seit 2008 jährlich jeweils zwischen 95 und 97 Prozent der Fälle von Mord und Totschlag aufgeklärt. Das ist sehr viel, im Vergleich zur Aufklärungsrate bei anderen Straftaten. Doch es sind genau jene drei bis fünf Prozent nicht gelöste Fälle, die den Angehörigen des Opfers, aber auch den Beamten an die Nieren gehen.

„Unser Leben ist der Tod. Immer nur Leichen“

In „Wahrheit“ hatten es Batic und Leitmayr mit einer scheinbar sinnlosen Zufallstat zu tun. Ein Familienvater wurde vor einer Ladenfront niedergestochen, der Täter flüchtete unerkannt. Widersprüchliche Zeugenaussagen brachten das Ermittler-Duo ebenso wenig zum Ziel wie ein Massen-Gentest oder die Arbeit einer Profilerin. Zweimal schienen sie am Ziel, doch beide Male ging die Spur dann doch ins Leere.

„Wie sollen wir neu anfangen, bevor das Alte nicht abgeschlossen ist?“, fragte die Witwe des Opfers die Kommissare. Vor allem Batic ging der Fall nahe. Er wurde von Schlaflosigkeit geplagt, hatte Panikattacken, klappte schließlich zusammen. Der Ermittler verlor komplett die professionelle Distanz zur Familie des Opfers. Auch Kollege Leitmayr wurde trübsinnig. „Unser Leben ist der Tod“, sagte er einmal in dem Film, „immer nur Leichen.“ Am Ende verschwiegen sie der Witwe des Opfers die traurige Wahrheit über den ungelösten Fall.

„Das lässt einen manchmal nicht schlafen“

Setzte „Wahrheit“ damit zu sehr auf Dramatik? Ist ein Mord, ob mit oder ohne Aufklärung, nicht doch Routine für Kriminalisten im realen Leben?

Überhaupt nicht, findet Axel Petermann. Der heute 64-Jährige arbeitete 40 Jahre lang in einer Mordkommission, gilt als Spezialist für unaufgeklärte Fälle, schrieb Bücher über seine Arbeit als Profiler. „In einem Fall nicht weiter zu kommen, lässt mich manchmal auch nicht schlafen“, erzählte Petermann einmal in einem Interview. Trotzdem übernimmt er selbst im Ruhestand noch ungeklärte Mordfälle.

Parallelen zum realen Fall Peggy K.

Besonders Aktualität erhielt der „Tatort“ durch den Fall der getöteten Peggy K. – auch wenn die Story in „Wahrheit“ anders gestrickt war als der reale Fall des Mädchens, das 2001 in Franken spurlos verschwand und dessen Leiche in diesem Jahr entdeckt wurde – im Film wie in der Wirklichkeit spielen die Ungewissheit der Angehörigen und die erfolglose Fahndung der Ermittler eine wichtige Rolle. Im Fall Peggy K. wurde 2004 ein Verdächtiger wegen Mordes verurteilt – und zehn Jahre später wieder freigesprochen.

Nun gibt es eine Spur zum rechten Terrorring NSU. Führt sie endlich zum Ziel? Oder nur zur nächsten Enttäuschung?

Alles ist besser als die Ungewissheit

Experte Petermann weiß, „wie die Angehörigen darunter leiden, dass sie nicht wissen, wer das getan hat und warum“. Das erlebte er einmal hautnah, als ein Freund sein Kind durch ein Verbrechen verlor: „Die Kenntnis des übelsten Verbrechens ist leichter zu ertragen als die Ungewissheit.“

Und was ist mit der professionellen Distanz in Mordfällen? Petermann hat sich einen Trick ausgedacht, um die Schicksale nicht zu nah an sich heranzulassen: Irgendwann habe er „damit begonnen, mir nicht mehr die Namen der Opfer zu merken oder wo sie genau gewohnt oder gelebt haben“. Er schaffe sich „Schubladen für meine Gedanken und Gefühle, in denen ich dann die Fälle und Schicksale ablege“.

Nur die Sprüche auf dem Kalender nervten

Die Münchner „Tatort“-Macher setzten diese brisante Thematik gekonnt um. Nervig waren nur die ewigen Sprüche aus dem Kalender der Kommissare, die wohl den Titel „Wahrheit“ unterstreichen sollten. „Der erste Eindruck ist wichtig, aber der zweite enthüllt die Wahrheit“, stand da zu lesen, oder: „Wer die Wahrheit sucht, darf nicht erschrecken, wenn er sie auch findet.“ Platte Pseudo-Weisheiten, die weder dem heiklen Thema, noch dem ansonsten starken Film gerecht wurden.

2017 geht es weiter

Direkt nach der Ausstrahlung der „Tatort“-Folge aus München veröffentlichte die ARD ein Facebook-Video, das eine Fortsetzung des Falles im kommenden Jahr ankündigte. Die Ausstrahlung sei für 2017 geplant, teilte der Bayerische Rundfunk (BR) gegenüber der Deutschen Presse-Agentur mit. Von Anfang an seien sich alle einig gewesen, dass der Täter in der Folge „Die Wahrheit“ nicht gefasst werden sollte, sagte BR-„Tatort“-Redakteurin Stephanie Heckner.

In der nächsten Folge „Der Tod ist unser ganzes Leben“ ereigne sich dann ein ähnliches Verbrechen ohne erkennbares Motiv. Die Tat trage dieselbe grausame Handschrift, der Alptraum für die Ermittler setze sich fort. In einem „Schreckensszenario“ am Ende gehe es für sie „um ihre berufliche Existenz, ihre Freundschaft und ihr Leben“.