TVOG 2016

Wie eine Berliner Kandidatin "The Voice of Germany" erlebte

Heute startet die neue Staffel von „The Voice of Germany“. Unsere Volontärin Johanna Ewald war vor zwei Jahren dabei.

Von Johanna Ewald
Dabei und raus: Johanna Ewald bei The Voice of Germany

Dabei und raus: Johanna Ewald bei The Voice of Germany

Foto: © ProSieben/SAT.1/Claudius Pflug

„Bist du das Harfenmädchen?“, werde ich immer wieder gefragt. Wir stehen in den Studios Adlershof, gleich beginnen die Blind Auditions der 4. Staffel von „The Voice of Germany“, und ich bin dabei. Es hat sich rumgesprochen, dass ich mit meiner keltischen Harfe Beyoncés „Halo“ interpretieren soll. Einher geht ein eindeutiges Image: Ich bin das Engelchen, mit meinen blonden Haaren und den jungen 19 Jahren. Und dann bete ich auch noch vor meinen Auftritten. Geradezu perfekt.

Die Blind Auditions beginnen, fünf Jury-Mitglieder werden nun zuhören ohne mich dabei zu sehen. Samu Haber, Michi und Smudo von Fanta 4, Steffi, Leadsängerin von Silbermond, und Rea Garvey. Schon einige Male bin ich vor Publikum aufgetreten, aber noch nie habe ich vor fünf Menschen gespielt, die mir dabei ihren Rücken zukehren. Es ist, als singe ich gegen eine Wand.

Meine Hände werden beim Harfespielen feucht, ich fühle mich, als wäre ich in einer merkwürdigen Zwischenwelt, abgeschottet von der Realität. Mir fällt es schwer, die Emotionen des Songs zu fühlen, dass das Publikum schon applaudierend steht, nehme ich kaum wahr. Als mein Wunsch-Coach seinen Buzzer drückt, dreht sich sein Stuhl zu mir um. Meine Stimme versagt, einige Töne entgleiten mir. Niemand sonst dreht sich um. Egal. Ich gehöre jetzt zu Team Rea, bin eine Runde weiter. Draußen jubelt meine Familie.

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Dass ich überhaupt hier bin, verdanke ich einer Freundin. Sie hatte mich zum Casting angemeldet. Mit 50 anderen Teilnehmern stelle ich mich in einem Kölner Hotel vor. Mit einem Klebeband ist eine Linie auf dem Boden des Konferenzraums markiert. Aufgereiht stehen wir da. „Sagt bitte euren Namen, Alter und euren Beruf. Danach singt ihr eine Strophe und ein Refrain“, sagt uns ein Redakteur.

Viel zu schnell stelle ich mich vor, singe „Oceans“ von Hillsong. Nachdem auch die anderen vorgesungen haben, zieht sich ein Redakteur und eine Gesangscoachin zurück. Nach fünf Minuten kommen sie wieder in den Raum. Mein Name fällt. Ich bin weiter. Später folgen Interviews, ich erzähle von mir, von meiner keltischen Harfe. Die Redakteure sind elektrisiert. Das Mädchen mit der Harfe.

Das hat mich weitergebracht. Aber nur eine Runde. Jetzt, beim nächsten Zwischenstopp, den Battles, ist es mit der Harfe plötzlich vorbei. Die Battles sind ein Duett, bei dem zwei Teammitglieder gegeneinander singen. Mir wird mitgeteilt, dass ich diesmal meine Harfe nicht mitbringen soll. Ich bin irritiert, war das nicht mein Image? Trotzdem genieße ich das gemeinsame Leben mit den anderen Kandidaten. Wir wohnen in Berlin im Hotel, 120 Sänger, jeden Abend Jamsessions. Ich bin ich völlig verliebt in diese kleine rosa Glitzer-Blase.

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Auf Schloss Börnicke bei Bernau erfahren wir unseren Battle-Partner. Lina und ich singen „I can’t make you love me“ von Bon Iver. Nachdem wir den Song einmal gehört haben, müssen wir ihn vor laufender Kamera singen. Es folgt ein Kommentar von Rea, den ich nie vergessen werde: „Lina, du hast die Stimme, aber keine Ausstrahlung – Johanna, du hast die Ausstrahlung, aber keine Stimme.“

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich womöglich ausscheiden werde. Als sich dann auch noch die Interviews darum drehen, wie ich Lina unterstützen kann, ist klar: Ich sitze auf dem Schleudersitz. Lina Arndt ist die geheime Favoritin der Staffel – 17 Jahre alt, aus Berlin, eigenwillige Stimme. Sie wirkt verträumt, fast verpeilt, während ich eher ein organisierter Typ bin. Am Ende der Staffel wird Lina überraschend zweite werden. Es gewinnt Charley Ann Schmutzler.

Es ist schwer, sich auf den Battle-Auftritt vorzubereiten, ich fühle mich machtlos. Ausgeschieden, bevor es losgeht. Doch ich setze mir als Ziel, so viel wie möglich von den Coachings mitzunehmen. Dafür analysiere ich den Song, schreibe das Blatt voller Notizen. Rea sieht es in den Proben und wirft es weg. Ich soll mein Herz singen lassen und nicht versuchen, perfekt zu sein. Dieser Kommentar, so abgedroschen er klingt, bewegt tatsächlich etwas in mir. Zum ersten Mal fühle ich einen Song, als wir auftreten. Ich denke nicht an Technik.

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Mein Körper zittert, ich schließe die Augen, bin tief in mir. Da sei ein „Flimmern im Raum“ gewesen, sagt Smudo hinterher. Trotzdem, es hilft nichts. Lina kommt weiter, nicht sehr überraschend, ich nicht. Ich bin zutiefst enttäuscht, hatte mir aber vorgenommen, nicht vor der Kamera zu weinen. Bis zum letzten Moment hoffe ich, dass ich „gestealed“ werde, dass ein anderes Jurymitglied für mich den Buzzer drückt. Die Sekunden vergehen, niemand drückt. Es ist aus. Draußen warten meine Freunde. Ich will nur alleine sein.

Am nächsten Tag will ich allen noch Schokolade vorbeibringen und werde weggeschickt. Es tut ihnen leid, aber ich darf hier nicht mehr sein, jetzt, wo ich ausgeschieden bin. Es ist der Moment, über den niemand redet. Die traumhafte Reise mit den anderen Kandidaten ist vorbei, die Blase geplatzt.

Wieder zu Hause kann ich monatelang keine Musik machen. Ich bin zu verletzt, fühle mich nicht ausreichend. Dass die TV-Ausstrahlungen erst beginnen, als ich schon ausgeschieden war, macht es nur schlimmer. „Ich bin mir sicher, du wirst im Finale stehen“, wird mir gesagt. Und ich darf nicht sagen, dass ich längst raus bin.

An einem Abend fleht mich meine Schwester an, ihr ein Gute-Nacht-Lied zu singen. Nach langem Zögern nehme ich die Gitarre aus der Ecke und singe für sie. Es fühlt sich an wie das erste Mal. Schmerzhaft, zerbrechlich, aber wunderschön.

The Voice of Germany, Donnerstag ab 20.15 Uhr. Donnerstags bei Pro7 und sonntags bei Sat.1