ARD-Drama

„Die Stille danach“: Wenn der Sohn zum Amokläufer wird

Was passiert, wenn der Sohn Amok läuft? Wie geht eine Familie damit um? Das Drama „Die Stille danach“ greift das schwierige Thema auf.

Ursula Strauss spielt in „Die Stille danach“ die Mutter eines Amokläufers.

Ursula Strauss spielt in „Die Stille danach“ die Mutter eines Amokläufers.

Foto: Hubert Mican / MDR/ORF

Er ist wütend. Und zu allem entschlossen. Davon erzählt sein Gesicht, als er eine Stufe nach der anderen nimmt, das Treppenhaus seiner Schule hinauf. Dann ist er an seinem Ziel angekommen. Er greift in den Rucksack – und hat plötzlich eine Waffe in der Hand. Ein Schuss fällt. Schnitt.

Mehr Schüsse hören die Zuschauer nicht. Nur „die Stille danach“, nach der dieser Film benannt ist. Die Stille nach dem Amoklauf. Sie ist schwer zu ertragen, zum Bersten gefüllt mit Trauer und dem großen „Warum“. Und hier sind es nicht die Angehörigen der Opfer, die sich diese Frage stellen. Der österreichische Autor und Regisseur Nikolaus Leytner erzählt die Geschichte einer Familie in Graz, deren Kind zum Amokläufer wird. Und so, wie er in den ersten Sekunden Felix’ Gesicht sprechen lässt, stellt er danach das der Mutter in den Mittelpunkt.

Sie darf für ihren Sohn nur heimlich eine Kerze anzünden

Paula (Ursula Strauss) wird bei der Arbeit angerufen: Sofort zur Schule kommen, bitte. Ein Amoklauf! Sie ist in Panik, in größter Sorge um ihren Sohn. An der Schule, zwischen Polizisten, Krankenwagen und unter Schock stehenden Jugendlichen in Wärmefolie, trifft sie auf ihren Mann (Peter Schneider). Und der teilt ihr das Ungeheuerliche mit: Felix (Enzo Gaier) ist der Täter. Und er ist tot.

Nein. Das kann nicht sein, sagt Paulas Gesicht. Es wird noch viel sagen. Es wird vom Leugnen, vom Schock und von Trauer erzählen, aber auch von Liebe und Trotz. Der Fokus auf diese Mutter, die für ihren toten Sohn nur heimlich eine Kerze anzünden darf, trägt durch die Geschichte.

Das alte Leben geht unaufhaltsam verloren

Von allen Seiten wird Felix’ Familie angefeindet, Paula wird sogar angespuckt, und wie der Amoklauf selbst hat das reale Vorbilder. Die Eltern und Schwester etwa von Tim K., dem Amokschützen von Winnenden, haben eine neue Identität angenommen. Zu stark war offenbar der Reflex ihrer Umgebung, sie mitverantwortlich zu machen. Auch davon, wie das alte Leben unaufhaltsam verloren geht, erzählt „Die Stille danach“.

Wie groß kann die Verantwortung sein, die wir für andere tragen? Wie viel Schuld kann jeder, auch unbemerkt, auf sich laden? Ganz grundsätzliche Fragen, die jeden betreffen. In Felix’ Familie werden sie plötzlich sehr konkret. Hätte Paula merken müssen, dass ihr Sohn sie immer mehr aus seinem Leben ausschließt? Hätte seine Schwester Flora (Sophie Stockinger) ihn gegen Mobbing schützen können? Hat der Vater ihn auf die Idee eines Amoklaufs gebracht?

Kein Fall für einfache Antworten

In den Antworten blitzt hin und wieder Verständnis für den Täter auf. Damit nimmt der Film ihn nicht in Schutz, aber er erkennt an, dass er ein Mensch ist. Ein Amoklauf ist kein Fall für einfache Antworten. Und die werden hier auch nicht gegeben. Hier wird erzählt, wie das Leben durch die Tat eines Einzelnen für viele zur Hölle werden kann.

Fazit: Sensibel und spannend erzähltes Drama, das die Grundfesten dessen berührt, was wir für gegeben halten. Dass Schneider den Vater hölzern spielt, wird durch die eindringliche Darstellung von Mutter und Schwester ausgeglichen.

ARD, 12. Oktober, 20.15 Uhr