ARD-Krimi

Der „Polizeiruf“ wird zum Liebesspiel der einsamen Seelen

Matthias Brandt und Barbara Auer glänzen im „Polizeiruf“. Der Film erinnert an 70er-Jahre-Krimis – nicht nur wegen der Zigaretten.

München.  Das Todesopfer im Wald ist grässlich zugerichtet, Bissspuren im Gesicht – war es tatsächlich ein Wolf? War dieses mannshohe Biest mit Fell und surreal leuchtenden Augen echt? Oder war es die Einbildung im Delirium einer sturzbetrunkenen Kommissarin, die in der Nacht vom Gasthaus in die Wellnessklinik heim stolperte, wo sie die Dämonen ihrer Sucht bekämpft? Und ist dieser märchenmythisch aufgeladene „Polizeiruf 110“ mit dem Titel „Wölfe“ nicht nur eine Krimihülle für das Liebesspiel zweier einsamer Seelen, die nie zueinanderfinden können?

Christian Petzold, derzeit Deutschlands aufregendster Filmregisseur, hat sich noch einmal in die Niederungen des deutschen Fernsehkrimis begeben und führt mit seiner erzählerischen Klasse vor, was geht, wenn man’s denn kann und sich nicht um die Erwartungshaltung des Viertel-nach-acht-Publikums am Sonntagabend schert.

Mysteriöser Todesfall

Wie schon in Petzolds erstem Münchener „Polizeiruf“ „Kreise“ läuft Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) der Frau hinterher, die er begehrt, weil sie das einzige Wesen ist, das ihm gewachsen ist, ihm, dem brillanten Kopf, der die Oberflächlichkeit der Welt in seinem Beruf als Ermittler so hassen gelernt hat.

Schon im ersten Film war jede Autofahrt der beiden eine Verheißung auf mehr, jeder Kaffee, den er ihr im Büro kochte, ein Zeichen. Die Hamburger Kommissarin Constanze Herrmann (Barbara Auer), die darum ringt, vom Alkohol wegzukommen, ist ihm einen Schritt voraus. Im Voralpenland, dem die dunklen, farbarmen Bilder von Kameramann Hans Fromm jede Idylle austreiben, will sie gesund werden, gerät aber an den mysteriösen Todesfall. Von Meuffels, der melancholische Einzelgänger, folgt ihr, weil er ihr nahe sein will, er versucht eher aus ihr schlau zu werden als aus den Ermittlungen.

Kette-Qualmen wie in französischen Krimis

Petzold lässt die Stimmung zwischen den beiden schwingen, und Brandt, noch mehr aber eine preiswürdige Barbara Auer, lassen selbst Schweigen spannend erscheinen. Ihr gegenseitiges Abtasten, ihre Plaudereien über Lieblingsfilme als Ablenkungsmanöver, ihre Befindlichkeiten, das ist das Herzstück der Geschichte, die Petzold selbst geschrieben hat. Und, darf man es wagen, so etwas heute noch schön zu finden? Die beiden reden nicht nur über das alte Kino von Melville – sie qualmen auch Kette wie in einem französischen Krimi aus den 70ern.

Petzold schafft aber auch einen fantasievollen Rahmen, der mit schaurig anmutendem Unterton bis in die Untiefen eines Thomas-Harris-Universums („Roter Drache“) hinabtaucht, unsere Urängste im Unterbewussten kitzelt und sich den Klischees einer Nullachtfünfzehn-Ermittlung verweigert. Der Mob in der Dorfgaststube, der in einem Hundezüchter den Schuldigen wähnt, wird nur grob skizziert, der Tierarzt (brillant: Sebastian Hülk) dagegen, der den Leichnam wegen der Bissspuren mit einer Mischung aus Hingabe und Faszination untersucht, treibt einem leise Schauer über den Rücken. Und dass Musik mehr ist als einfach Untermalung des Gezeigten, sondern zum Stimmungskraftwerk werden kann, beweist das Klavierspiel von Stefan Will.

Dritter Petzold- „Polizeiruf“ wird folgen

Ein dritter Petzold- „Polizeiruf“ mit Auer und Brandt wird bald folgen. Es ist ein Glück fürs Fernsehen.

Fazit: Maßgeschneidertes Drama für Auer und Brandt in düsterem Ambiente. Krimi von der Stange gewünscht? Bitte eine Woche warten.

• „Polizeiruf: Wölfe“, ARD, Sonntag, 11. September, 20.15 Uhr