ARD-Krimi

Nicht nur im „Tatort“ wird mit Flüchtlingen gehandelt

Im Wiener „Tatort“ haben es die Ermittler mit skrupellosen Menschenhändlern zu tun bekommen – ein aktuelles Thema, auch in Deutschland.

Von Bastian Angenendt
Der Gangster Andy Mittermaier (Michael Fuith, rechts) verdient am Leid von Flüchtlingen, Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) versuchen, ihm auf die Schliche zu kommen.

Der Gangster Andy Mittermaier (Michael Fuith, rechts) verdient am Leid von Flüchtlingen, Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) versuchen, ihm auf die Schliche zu kommen.

Foto: ARD Degeto/ORF

Berlin.  Eine Leiche ohne Hände und ohne Zunge, wilde Schießereien, eine Gift-Attacke – Moritz Eisner (gespielt von Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) hatten es am Sonntagabend in „Die Kunst des Krieges“ mit Kriminellen der allergemeinsten Sorte zu tun. Andy Mittermeier (Michael Fuith) war fraglos einer der skrupellosesten Gegenspieler der Wiener „Tatort“-Ermittler seit langer Zeit – nicht zuletzt, weil der Gangsterboss am Leid anderer Menschen verdiente. Und obwohl der Film schon im März 2015 gedreht wurde, hätte das Thema kaum aktueller sein können. Denn die Flüchtlingskrise hat die Probleme mit Menschenhandel und Zwangsprostitution verschärft – auch in Deutschland. Wir haben die wichtigsten Fakten zur Schleuserkriminalität und seinen Folgen zusammengefasst.

Was versteht man unter Menschenhandel?

Der Begriff beschreibt Formen der Ausbeutung von Menschen gegen deren Willen unter Anwendung von Gewalt oder Täuschung. Zwangsprostitution und Zwangsarbeit, wie sie im „Tatort“ thematisiert wurden, zählen dazu, auch Organhandel ist eine Form. Nicht zwingend muss der „Handel“ dabei über Ländergrenzen hinweg stattfinden. Seit 2005 findet man Menschenhandel im deutschen Strafgesetzbuch; juristisch unterschieden wird Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung und Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung.

Oft nutzen Menschenhändler eine Notlage ihrer Opfer aus – eben wie die von Flüchtlingen, die sich in einem anderem ein besseres Leben erhoffen.Viele Schleuser betreiben Menschenhandel, indem sie Flüchtlinge an Verbindungsleute im Zielland vermitteln, die sie dann ausbeuten – Leute wie Andy Mittermeier im „Tatort“. Nicht selten wird Flüchtlingen versprochen, sie könnten nach ihrer Ankunft im Zielland die Kosten für ihre Reise abarbeiten, was dann als Grund für die weitere Ausbeutung herhält. Allein in Passau, wo viele Flüchtlinge in den letzten Jahren den Weg von Österreich nach Deutschland suchten, laufen derzeit rund 1700 Verfahren wegen Schleuserdelikten.

Laut Zahlen der Vereinten Nationen ist Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung die am meisten von Behörden identifizierte Form des Menschenhandels. Experten schätzen allerdings, dass die Formen zur Arbeitsausbeutung häufiger vorkommen.

Wie verbreitet ist Menschenhandel – auch in Deutschland?

Je nach Definition und Grundlage der Statistiken schwanken die Zahlen sehr stark. Zwischen 2013 und 2014 wurden nach einer Statistik der EU-Kommission 15.846 Menschen in Europa Opfer von Menschenhändlern. 67 Prozent von ihnen wurden sexuell ausgebeutet, 21 Prozent zur Arbeit gezwungen. Mehr als drei Viertel der Opfer waren Frauen (76 Prozent), 15 Prozent waren Kinder. Vor allem der Handel mit Kindern habe deutlich zugenommen, heißt es in dem EU-Bericht. Es gebe Verbrecherbanden, die für Kinder bis zu 8000 Euro zahlten – von sechs Monate alten Babys bis zu zehn Jahre alten Kindern. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) veröffentlichte 2012 einen Bericht zum Menschenhandel weltweit – und schätzte die Zahl der Betroffenen auf 21 Millionen Menschen.

In Deutschland wurden laut Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA) in den letzten fünf Jahren im Schnitt jährlich 452 Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung abgeschlossen, 2014 kamen elf Verfahren wegen Menschenhandels zum Zweck der Arbeitsausbeutung hinzu. Das BKA merkt allerdings in ihren Berichten an, dass diese Zahlen nicht das ganze Ausmaß des Menschenhandels in Deutschland abbilden – sondern eben nur die polizeilich registrierten Fälle. Aktuellere Zahlen und damit Statistiken zur Auswirkung der Flüchtlingskrise gibt es noch nicht. Allerdings rechnen Experten und Hilfsorganisationen mit einem deutlichen Anstieg der Fälle – und außerdem mit einer weitaus höheren Dunkelziffer.

Fest steht, dass entlang der Flüchtlingsrouten viele der geflüchteten Menschen ausgebeutet werden. Laut Hilfsorganisationen berichten viele Flüchtlinge von Folter, Entführungen und Zwangsprostitution. Erst in der vergangenen Woche machte das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) darauf aufmerksam, nachdem immer mehr Flüchtlinge von extremer Gewalt in Libyen berichtet haben. Die meisten Flüchtlinge, die versuchen, von Afrika aus über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, steigen in dem Bürgerkriegsland in die Schlepperboote.

Auch in Deutschland gelangte das Thema in der vergangenen Woche in die Medien. Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ berichtete unter Berufung auf das BKA, dass am 1. Juli knapp 9000 geflüchtete Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet waren. Das BKA erläuterte, dass viele dieser Vermisstenfälle einen harmlosen Hintergrund hätten, dass junge Geflüchtete sich oftmals auf der Suche nach Verwandten selbstständig auf die Weiterreise in andere Städte oder Nachbarländer machten, dass es häufig Mehrfachregistrierungen mit unterschiedlichen Namen gebe. Auch das Innenministerium gibt an, keine Informationen über Menschenhandel mit geflüchteten Minderjährigen zu besitzen.

Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer beobachten allerdings vielfach das Gegenteil. Gerade in Ballungsräumen wie München, Berlin, Hamburg seien nicht nur unter den Zwangsprostituierten immer mehr Flüchtlinge zu finden, auch die Drogendealerszene habe sich verändert. Nicht selten versuchten minderjährige Flüchtlinge durch erzwungenes Dealen ihre Schulden bei Schleusern abzuarbeiten. Belastbare Zahlen dafür gibt es kaum – ein Umstand, für den die Bundesregierung von Hilfsorganisationen und Opposition bereits Kritik erntete.

Einer der prominentesten Fälle von Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung gelangte 2012 in die Öffentlichkeit. Damals hatte eine indonesische Haushaltshilfe einen saudi-arabischen Diplomaten beschuldigt, sie jahrelang in seiner Berliner Wohnung ausgebeutet zu haben. Die Frau gab an, bis zu 18 Stunden am Tag zur Arbeit gezwungen, geschlagen, beschimpft und erniedrigt worden zu sein – ohne ihren Lohn zu bekommen und das Haus verlassen zu dürfen. Nach ihrer Flucht suchte sie Beistand bei einer Hilfsorganisation für Frauen aus Südostasien. Ihre folgende Klage blieb allerdings wegen der Immunität des arabischen Diplomaten folgenlos.

Was wird gegen Menschenhandel getan?

In den letzten Jahren immer mehr. Erst im Juli verabschiedete der Bundestag ein neues Gesetz zum besseren Schutz von (Zwangs-)Prostituierten. Wer wissentlich die Dienste einer Zwangsprostituierten in Anspruch nimmt, muss mit einer Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren rechnen. Zudem ist der Nachweis der Zwangsprostitution künftig nicht mehr von der Aussage des Opfers abhängig. Damit soll verhindert werden, dass die betroffenen Frauen ihre Aussage unter dem Druck von Zuhältern zurückziehen.

Das Gesetz ist eine Maßnahme, die sich an einer EU-Richtlinie zur Bekämpfung des Menschenhandels orientiert. Diese Richtlinie wurde bereits 2011 erlassen und sieht viele Maßnahmen vor, wie unter anderem strafrechtliche Verschärfungen, Stärkung der Opferrechte und Prävention. Noch 2016 soll diese Richtlinie überarbeitet und ein neuer Maßnahmenkatalog für die Jahre nach 2016 erlassen werden.

Seit 2006 bereits leistet sich der Bund einer behördenübergreifende Koordinierungsstelle, um illegale Migration und Schleuserkriminalität besser bekämpfen zu können. Das Gemeinsame Analyse- und Strategiezentrum Illegale Migration (GASIM) bündelt Informationen der Bundespolizei, des Bundeskriminalamtes, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, des Bundesnachrichtendienstes, der Bundeszollverwaltung, des Bundesamtes für Verfassungsschutz sowie des Auswärtigen Amtes. Gerade im zurückliegenden Jahr betonte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) wiederholt, den Kampf gegen Schleuserkriminalität intensivieren zu wollen.