TV-Thriller

Arte zeigt Jördis Triebel und ihren Aufbruch in den Westen

Nelly Senff hat die Hoffnung auf ein besseres Leben – doch selbst nach der Flucht aus der DDR stößt die junge Frau auf Widerstände.

Hoffnung auf ein besseres Leben: Nelly Senff (Jördis Triebel) mit Sohn Alexej (Tristan Göbel).

Hoffnung auf ein besseres Leben: Nelly Senff (Jördis Triebel) mit Sohn Alexej (Tristan Göbel).

Foto: © Frank Dicks / zero one film

Zwölf Stempel braucht die Frau. Zwölf Stempel auf dem Laufzettel, dann kann sie eingebürgert werden. Bis dahin ist sie nur eine Art halber Mensch in der Bundesrepublik des Jahres 1978 – das ist die Erkenntnis des vielschichtigen Dramas „Westen“, das am Mittwoch auf Arte (20.15 Uhr) ausgestrahlt wird.

Nelly Senff (Jördis Triebel) ist gerade erst aus der DDR in West-Berlin angekommen. Im Notaufnahmelager erfährt sie von ihrer neuen Nachbarin Krystyna (Anja Antonowicz), was der Begriff „vorübergehend“ bedeuten kann. Krystyna wartet seit 18 Monaten auf eine richtige Wohnung. Und Hans (Alexander Scheer), der im Laufe der Zeit eine väterliche Beziehung zu Nellys Sohn Alexej (Tristan Göbel) aufbaut, warnt sie vor dem „Lagerfluch“.

Schikane an den Grenzübergängen Ost wie West

Doch es ist weniger der triste Lageralltag, der Nelly aus der Bahn wirft. Gleich nach ihrer Ankunft im Notaufnahmelager sieht sie sich einer Befragung durch US-Geheimdienste ausgesetzt. Agent John Bird (Jacky Ido) weckt in ihr den Verdacht, dass Wassilij, der totgeglaubte Vater ihres Sohnes, noch leben und als Kurier für die Stasi tätig gewesen sein könnte.

Regisseur Christian Schwochow extrahiert aus der zwischen Drama und verhaltenem Thriller angesiedelten Geschichte ein intensives Frauenporträt vor deutsch-deutscher Kulisse, das vor allem dank Triebels ausdrucksstarkem Spiel überzeugt. Für ihre bravouröse Darstellung durfte sie unter anderem den Deutschen Filmpreis entgegennehmen.

Schwochow erzählt oft von der neuen Heimat

Die TV-Premiere „Westen“ nach Julia Francks Roman „Lagerfeuer“ erzählt von Herkunft und der Schwierigkeit, anzukommen. Themen wie Entwurzelung und drohender Identitätsverlust spielen eine tragende Rolle. „Die Herkunft ist ja ein Grundthema von mir in meinen Filmen“, betont Regisseur Christian Schwochow im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wie sehr man es sich auch wünscht, seine Herkunft zu verlassen und eine neue, innere Heimat zu gewinnen, erzählen meine Geschichten auch ganz oft, wie schwierig das ist, ein Leben zu verlassen und im neuen anzukommen.“

Dieses Thema findet sich nicht nur in seinen Filmen „Der Turm“ (2012) und „Bornholmer Straße“ (2014) wieder, die sich ebenfalls mit der DDR-Vergangenheit auseinandersetzen. Sogar in Schwochows inhaltlich gänzlich anders angelegtem Kostümreigen „Die Pfeiler der Macht“ (2016) geht es um Herkunft und Identität, um neues Leben im alten.

Im Westen war nicht alles besser

Ganz beiläufig verteilt Schwochow, der als Kind des Ostens den Mauerfall als Elfjähriger miterlebt hat, Seitenhiebe gegen beide Systeme. Seine Hauptfigur Nelly muss nach ihrer von Schikanen am Grenzübergang Ost begleiteten Fahrt in den verheißungsvollen Westen erneut ähnlich demütigende Erfahrungen machen wie zuvor im Ostteil. Peinliche medizinische Untersuchungen und nicht minder peinliche Befragungen stellen ihre Vorstellungen von einem Leben in Freiheit auf den Kopf.

Fazit: Der Film „Westen“ überzeugt nicht zuletzt dank der ausdrucksstarken Jördis Triebel als intensives Porträt einer Frau zwischen zwei Systemen.

Arte, 20.15 Uhr