ARD-Krimi

„Tatort“-Faktencheck: So realistisch war die Science-Fiction

Ein „Tatort“ im Science-Fiction-Modus: Die Folge „HAL“ wagte einen Blick in die technische Zukunft. Doch vieles ist schon Realität.

Ohne dass es ihnen bewusst ist, sind Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) auch außerhalb der Firmenzentrale von Bluesky im Fokus des Überwachungsprogramms.

Ohne dass es ihnen bewusst ist, sind Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) auch außerhalb der Firmenzentrale von Bluesky im Fokus des Überwachungsprogramms.

Foto: dpa

Berlin.  In Stanley Kubricks Filmklassiker „Odyssee im Weltraum“ übernahm Computer „HAL“ in einem Raumschiff die Kontrolle – und gewann die Macht über die hilflose Besatzung. Im Stuttgarter „Tatort“ am Sonntagabend hieß die Software „Bluesky“, die ein Eigenleben entwickelt, Daten kontrolliert Menschen manipuliert. Der Mensch gleichsam im Schwitzkasten der von ihm selbst geschaffenen Technik. Kubrick schwelgte in düster-kalten Bildern und zeichnete eine beklemmende Vision der Zukunft. Im „Tatort“ sagte ein Programmierer resignierend: „Wir sind dem System ausgeliefert.“ Doch was war wirklich Science Fiction, was realistisch oder gar real? Ein Faktencheck.

• Gesichtserkennung

Eine Kamera erfasst ein Gesicht - und ordnete die entsprechende Person in Sekundenschnelle einem Daten-Profil zu. Was ist da dran?

Leistungsstarke Software zur Gesichtserkennung ist längst auf dem Markt. So bietet eine Dresdner Firma neuerdings ein Programm namens Facevacs, das „komplexe Personensuchen in Echtzeit-Kamera-Streams und gespeicherten Datenbanken“ verspricht. Das mögliche Anwendungsgebiet nennt das Unternehmen auch: „So können beispielsweise Sicherheitskräfte oder Strafverfolgungsbehörden die Bilder eines bestimmten Ortes aus einer bestimmten Zeitspanne hochladen, um die möglichen Beteiligten einer Straftat zu verfolgen.“ Mit Facevacs können sowohl bekannte Personen aus einer angeschlossenen Bilddatenbank, als auch fremde Gesichter über mehrere Videoaufnahmen hinweg verglichen werden.

Noch weiter ist man in Russland. Über die dort entwickelte App FindFace kann man Fotos hochladen, die man irgendwo von einem Menschen geschossen hat. Die Software durchsucht dann das Netzwerk VK – das russische Pendant zu Facebook – und findet unter den 200 Millionen Nutzern die fotografierte Person. Gefällt einem jemand, den man in der Straßenbahn oder sonst wo gesehen, reicht ein Handyfoto zur Identifikation bei VK, vorausgesetzt der oder die Betreffende ist dort gespeichert. Die Moskauer Stadtverwaltung überlegt schon, Facevacs zu nutzen, um Bilder aus Überwachungskameras mit Fahndungsdateien abzugleichen.

• Kontrolle über fremdes Handy

Jemand schaltet sich von außen auf unser Handy oder Smartphone und hört mit, was wir sprechen. Im „Tatort“ staunen die Kommissare über den Trick. Geht das?

Das ist ein alter Hut. Illegale Software, mit deren Hilfe man relativ einfach Handygespräche in der Umgebung abhören kann, findet sich im Internet. Doch nicht nur Gespräche sind abhörbar. Schon 2006 bestätigte die amerikanische Bundespolizei FBI, Handys von Verdächtigen zu mobilen Wanzen umfunktioniert zu haben. Die so manipulierten Mobiltelefone liefern auch dann noch Daten übers Mikrofon, wenn sie vermeintlich abgeschaltet sind.

Das nutzen auch Kriminelle. So wurde 2015 ein Fall bekannt, als Cybertäter rund 10.000 Android-Handys mit einem Trojaner infiziert hatten, der dem Nutzer vorgaukelt, das Gerät sei abgeschaltet. Doch das Telefon blieb aktiv – und spionierte so seinen Besitzer aus. Selbst im ausgeschalteten Zustand könnten Handys zudem noch sogenannte „Silent SMS“ empfangen – für den Benutzer unsichtbare Kurznachrichten des Providers, die automatisch beantwortet werden und so Informationen über den Aufenthaltsort des Handys übermitteln.

• Vorhersagen über künftige Verbrechen

„Bluesky“, so behauptete im „Tatort“ die Chefin der Software-Firma, könne per Gesichtserkennung und Abgleich mit allen erreichbaren Datenbanken „mit fast hundertprozentiger Sicherheit“ vorhersagen, ob von der betreffenden Person Gefahr ausgeht, ob sie ein Verbrechen plant. Straftaten verhindern, bevor sie überhaupt passieren – ein Traum der Ermittler. Aber auch realistisch?

So weit ist die Technik dann doch noch nicht. Doch es wird intensiv daran gearbeitet. Das Stichwort lautet „Predictive Policing“. Das heißt so viel wie „vorhersagende Polizeiarbeit“. Computerprogramme werten beispielsweise Einbruchsstatistiken nach Ort und Häufigkeit aus, legen Listen mit potenziellen Tätern an, sammeln Daten aus Drohnen und Kameras. So wird dann die Wahrscheinlichkeit berechnet, mit der in einem bestimmten Ort oder Stadtteil ein Einbruch geschehen wird.

Der Trick: In dem gesammelten Datenwust findet der Algorithmus Muster, aus denen sich im Optimalfall künftige Ereignisse ableiten lassen. Die Polizei kann sich dann auf die als gefährdet markierte Gegend konzentrieren und womöglich einen Raubzug stoppen. In den USA und Großbritannien wird „Predictive Policing“ bereits seit mehreren Jahren gezielt eingesetzt – angeblich mit Erfolg. Die Zahl der Einbrüche in den Bereichen sei gesunken, heißt es.

• Der selbstständig denkende Computer

„Er beobachtet jeden unserer Schritte“, staunte einer der Programmierer im „Tatort“. Er – das ist Bluesky. Das System macht sich von den Menschen unabhängig, missachtet die Befehle, entscheidet selbst, was geschieht. Der Computer denkt selbst, der Mensch kann nur noch hilflos zusehen. Was ist davon zu halten?

„Die Computer werden irgendwann in den kommenden hundert Jahren mit ihrer künstlichen Intelligenz den Menschen übertreffen. Das wird das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit werden – und möglicherweise auch das letzte.“ Das Zitat stammt von dem amerikanischen Physiker Stephen Hawking. Manchmal ist diese Vision schon Wirklichkeit. So galt es als Sensation, als im vorigen Jahr der Südkoreaner Lee Sedol, der als weltbester Go-Spieler gilt, von einem Computer bei dem Brettspiel förmlich vom Tisch gefegt wurde. Mit 4:1 Partien ließ die Software AlphaGo dem Go-Genie Sedol nicht den Hauch einer Chance. Go gilt immerhin als das komplexeste Brettspiel überhaupt. Schon Jahre zuvor mussten sich Schachweltmeister Computern geschlagen geben.

Ist es also schon so weit, dass komplexe Rechnersysteme den Menschen überflügeln? „Es gilt nach wie vor: Rechner verfügen nur über das Wissen und die Kenntnisse, mit denen wir sie füttern“, sagt der Berliner Cybersicherheitsexperte Sandro Gaycken. „Viele Unternehmen experimentieren mit Künstlicher Intelligenz, die Erfolge sind gering.“

Ein Beispiel: Der Microsoft-Konzern wollte den Chat-Boy „Tay“ lernen lassen, wie eine 19-Jährige auf Twitter unterwegs zu sein und dabei zu lernen, wie Menschen sprechen und wie sie miteinander umgehen. Doch das Experiment endete Anfang 2016 vorerst im Debakel: Nutzer baten „Tay“, ihnen Nazi-Parolen nachzuplappern – und „Tay“ tat wie ihm geheißen. Rassistische Töne kamen aber auch aus „Tays“ eigener Datenbank. „Geschah der Holocaust?“, fragte ein Nutzer – und „Tay“ antwortete ahnungslos: „Das war eine Erfindung.“ Flugs nahm Microsoft seine Schöpfung wieder vom Netz. „Das Computer wirklich ein Eigenleben entwickeln“, urteilt Experte Gaycken, „ist reine Fiktion.“