„Hart aber fair“

CDU-Politiker Spahn: Nur einen Pass für Deutsch-Türken

Viele Deutsch-Türken begrüßen Erdogans Kurs. Die Gäste von Frank Plasberg diskutierten die Folgen des Putschversuchs auf Deutschland.

Moderator Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen bei „Hart aber fair“ über den Putschversuch in der Türkei, Erdogan und die türkische Regierung sowie die doppelte Staatsbürgerschaft für Deutsch-Türken.

Moderator Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen bei „Hart aber fair“ über den Putschversuch in der Türkei, Erdogan und die türkische Regierung sowie die doppelte Staatsbürgerschaft für Deutsch-Türken.

Foto: Klaus Görgen / WDR

Berlin.  Demonstrationen, Misstrauen, Streit: Der Putschversuch in der Türkei hat auch auf die türkische Gemeinde in Deutschland weitreichende Auswirkungen. Die Regierung in Ankara nutzt ihren Einfluss auf die hier lebenden Anhänger der Regierungspartei AKP, um die Stimmung anzuheizen. Die deutsche Politik reagiert mit einer neuen Debatte um die doppelten Staatsbürgerschaft, die alle türkischstämmigen Deutschen unter einen pauschalen Verdacht stellt.

Reichlich Zündstoff also am Montagabend für den Talk bei Frank Plasberg. „Halbmond über Deutschland – wie viel Erdogan verträgt unser Land?“, fragte er bei „Hart aber fair“. Zur Diskussion hatten sich Malu Dreyer (SPD), Jens Spahn (CDU), der AKP-Politiker Mustafa Yeneroglu, die Schauspielerin Wilma Elles und der Journalist Christoph Schwennicke eingefunden.

Yeneroglu gegen Schwennicke

Die Rolle des Erdogan-Verteidigers fiel Mustafa Yeneroglu zu. Zwar räumte der AKP-Abgeordnete ein, dass Erdogans Vorgehen nach dem Putschversuch in Teilen diskussionswürdig sei. Insgesamt aber habe die türkische Regierung gar keine andere Wahl gehabt, als hart durchzugreifen. „Der Rechtsstaat kann die Bürgerrechte nur sichern, wenn er selbst sicher ist“, sagte der türkische Politiker, der lange in Deutschland gelebt hat. Viele Menschen hätten aufgrund der langen Putschgeschichte in der Türkei Angst vor einer Militärherrschaft und würden in Erdogan daher einen Verteidiger der Demokratie sehen, erklärte Yeneroglu, warum der türkische Präsident auch unter den Deutsch-Türken viele Befürworter hat.

Christoph Schwennicke konnte dieser Argumentation nicht viel abgewinnen. „Ich verstehe den ersten Reflex, dass die Türken sich hinter Erdogan scharen. Aber irgendwann muss die Besinnung wieder einsetzen“, sagte der Chefredakteur des Magazin „Cicero“. Es sei doch überdeutlich, dass Erdogan schon vor dem Putsch an einer Ausweitung seiner eigenen Macht gearbeitet habe. Schwennicke: „Ich kann nicht verstehen, warum die Menschen nicht langsam merken, dass Erdogan einen Durchmarsch hinlegt.“

Erzeugen zwei Pässe Illoyalitäten?

Auch Jens Spahn kritisierte, dass viele Deutsch-Türken zu Erdogan halten. Für den CDU-Politiker ergeben sich daraus Folgen für die doppelte Staatsbürgerschaft, die seiner Meinung nach mit Loyalitätskonflikten einhergeht. „Wir sollten eine Entscheidung für einen Pass verlangen, gerade von den Jüngeren“, sagte Spahn mit Blick auf die vielen Deutsch-Türken, die beide Pässe besitzen. Letztlich müsse es darum gehen, dass die Menschen komplett in Deutschland ankommen könnten. Noch immer würde Erdogan von „seinen Staatsbürgern“ sprechen, wenn er über die Deutschen mit türkischen Wurzeln rede.

Für die Forderung erhielt Spahn scharfe Kritik von Malu Dreyer. Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz hielt dem CDU-Mann vor, das Thema zu Wahlkampfzwecken zu missbrauchen. „Woher wissen Sie eigentlich, dass die, die Erdogan bejubeln, zwei Pässe haben?“, fragte Dreyer. Alle wissenschaftlichen Ergebnisse belegten eindeutig, dass die doppelte Staatsbürgerschaft für die Integration förderlich sei, da die Menschen nicht zu einer Entscheidung gezwungen würden, so Dreyer. „Gerade die jungen Türken stehen zum Grundgesetz.“

Ähnlich äußerte sich Wilma Elles. „Was nehmen Ihnen denn die Leute weg, wenn sie eine doppelte Staatsbürgerschaft haben?“, fragte die deutsche Schauspielerin, die in der Türkei ein Star ist und mittlerweile ebenfalls beide Pässe besitzt. Sie selbst sei in der Türkei erst richtig angekommen, seitdem sie den türkischen Pass habe.

„In will in der Türkei begraben werden“

Für einen sinnvollen Einblick in die Lebenswirklichkeit sorgte am Ende ein kurzes Gespräch mit dem Medizinstudenten Emre Yavuz. Nachvollziehbar erklärte der Deutsche mit türkischen Wurzeln, warum sich viele Deutsch-Türken nicht klar gegen Erdogan stellen. „Die Angelegenheit ist komplex, man kann die Frage nach seinem Vorgehen nicht mit wenigen Sätzen beantworten.“ Zudem sei es ein „absoluter Trugschluss“ zu glauben, dass es die Loyalität erhöht, wenn man die Besitzer von zwei Pässen zu einer Entscheidung zwinge.

Gastgeber Plasberg nutzte die Gelegenheit, um die Debatte um die Pässe kurzerhand mit einem angestaubten Heimatbegriff zu verbinden. Wo Yavuz denn einmal begraben werden will, wollte der Moderator wissen. „In der Türkei, aber wenn meine Kinder eines Tages entscheiden sollten, mich anderswo zu begraben, wäre das auch ok“, lautete die Antwort.