„Hart aber fair“

Angst-Talk bei Plasberg: Die Panik in den Augen der anderen

Selten war eine TV-Talkrunde so packend wie „Hart aber fair“ am Sonntagabend. Das lag am Thema – und an den beeindruckenden Gästen.

Der Moderator Frank Plasberg führte souverän durch eine Sondersendung zu den Terror- und Amoktaten der vergangenen Woche.

Der Moderator Frank Plasberg führte souverän durch eine Sondersendung zu den Terror- und Amoktaten der vergangenen Woche.

Foto: ARD / WDR/Klaus Görgen

Berlin.  In Franken packt ein junger Afghane, der aber vielleicht auch aus Pakistan stammt, eine Axt in seinen Rucksack, steigt in einen Zug und verletzt vier Touristen aus Hongkong schwer. In München besorgt sich ein 17-jähriger, offenbar von Amokläufen faszinierter Schüler übers Internet eine Pistole und erschießt vor einem McDonald’s neun Menschen. In der Innenstadt von Reutlingen schlägt ein Mann mit einer Machete um sich und tötet eine Frau. Drei Meldungen aus den letzten Tagen. Terror, Amok, rohe Gewalt – die Grenzen sind bisweilen fließend. Es ist nicht zuletzt das Gefühl, jederzeit selbst als Zufallsopfer in eine solche lebensbedrohliche Situation geraten zu können, das viele Menschen derzeit umtreibt.

„Wie verändert die Angst das Land?“ fragte Frank Plasberg am Sonntagabend seine Gäste in einer kurzfristig ins Programm genommenen Sonderausgabe von „Hart aber fair“ in der ARD. Sicher, die Angst ist groß. Und die Unsicherheit nicht weniger. Aber groß ist auch das Bedürfnis nach Information und Aufklärung – am Besten sofort.

Münchener Polizeisprecher zu Gast

Das weiß keiner besser als Marcus da Gloria Martins. Er war als Pressesprecher der Münchner Polizei zwei Tage lang gleichsam das Gesicht der Krise und wurde für seine sachliche, unaufgeregte Art von allen Seiten gelobt. Als Sprecher stehe man „vor einer ganz großen Wand aus Meinungen, Stimmungen und Ängsten“, beschreibt Martins sein Dilemma. Die oft bruchstückhaften Informationen, über die man als Polizei gerade kurz nach der Tat verfüge, würden alsbald „übertönt“ von Stimmen in den (sozialen) Medien. De Gloria Martins’ eindringliche Mahnung: „Nicht spekulieren, nicht raten, nicht voneinander abschreiben.“

Inzwischen weiß man ja einiges über David S., den Amokschützen von München: die morbide Faszination von Amokläufen, die Depressionen und Ängste, die ausufernde Beschäftigung mit Ballerspielen am PC. Liegt dort die Antwort auf unsere drängende Frage nach dem „Warum?“ Liegt dort die griffige Erklärung, an der wir Halt suchen?

Amoklauf als Selbstbefreiung

Ja und nein. Sicher gebe es einen Zusammenhang mit Computerspielen wie „Counter Strike Source“, das David S. exzessiv spielte, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. Aber Ballerspiele, das „Berauschen am virtuellen Töten“, machten noch keine Amokläufer: „Es ist nie das Spiel allein, da muss die Krise dazukommen.“ Im Fall von David S. war es womöglich das Gehänseltwerden von Freunden; das Gefühl, nicht dazuzugehören; Minderwertigkeitsgefühle und Außenseitertum. Da könne sich viel aufstauen. „Und dann will man einmal die Panik in den Augen der anderen sehen“, so Pfeiffer. Der Amoklauf als Selbstbefreiung.

Aus der Angst, in der es bei der Plasberg-Runde ging, wächst schnell die Suche nach einem Schuldigen. Oder zumindest nach einer Ursache, die man orten und möglichst abstellen kann, damit demnächst nicht wieder ein Fall wie in Erfurt, Winnenden oder jetzt München geschieht. Wie kann es sein, dass sich ein Schüler übers Internet eine Pistole und mehr als 300 Schuss scharfe Munition besorgt? Entwickelt sich das Web „zum rechtsfreien Raum“, wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) findet? Warum haben die Ärzte und Psychiater, bei denen David S. wegen seiner psychischen Probleme in Behandlung war, nichts von der heraufziehenden Gefahr bemerkt? Weshalb werden Ballerspiele nicht verboten? Wo waren Mitschüler und Freunde? Und was ist eigentlich mit der Verantwortung von Polizei und Politik?

Erste Verantwortung, Gefahren zu erkennen, liege beim Elternhaus

Diese Fragen sind schnell gestellt. Die Antworten sind um ein vielfaches schwieriger. Wieder ist es Marcus da Gloria Martins, der sachlich-ruhig zumindest einen Ansatz anbietet für die Verantwortlichkeit für soziales Verhalten: „Es geht zuhause los, da lege ich die Wurzeln.“ Erst die „zweite Ebene“ der Zuständigkeit sei die Schule und die dritte Ebene der Freundeskreis. Und was ist mit seiner Verantwortung als Polizist? „Ich bin Handwerker für das Thema Sicherheit“, beschreibt sich der Beamte im Rang eines Polizeirats. „Ich bin nicht Soziologe oder Psychologe. Ich komme, wenn es zu spät ist.“ Mit anderen Worten: Die Polizei kann nur noch die Scherben zusammenkehren. Dafür sorgen, dass es erst gar nicht zum Crash kommt, muss das direkte persönliche Umfeld.

Die Ängste der Bürger. Die Frage der Verantwortung für Verbrechen. Die zwiespältige Rolle des Internets bei Kriminalität und Verbreitung von (falschen) Informationen. Das virtuelle Töten am heimischen Computer. Dazu der konkrete Fall von München, über den wir wohl immer noch längst nicht alles wissen. Über diese Fülle an drängenden Einzelthemen wird das Leid der Opfer oft vergessen. Es ist ein Verdienst von Frank Plasberg, dass dies in seiner eindrucksvollen Runde am Sonntagabend anders war. Denn da war noch Barbara Nalepa.

Die Frau verlor am 11. März 2009 bei dem Amoklauf von Winnenden ihre Tochter. Die damals 16-jährige Nicole wurde von dem nur ein Jahr älteren Tim K. erschossen. Insgesamt starben 15 Menschen und der Täter selbst. Seit sieben Jahren, so erzählt die ins Studio zugeschaltete Barbara Nalepa, versuche sie, die Erinnerung an den Tod ihres Kindes irgendwo im hintersten Fach ihres Verstandes „abzulegen“. Doch so einfach sei das nicht. „Ich kann keine Nacht durchschlafen. Die Gedanken machen mich noch heute ganz kaputt.“ Inzwischen sei ihr klar: „Mich und meinen Mann wird das unser ganzes Leben lang begleiten.“

Nachrichten sind nie nur Nachrichten

Am vergangenen Freitag, bei den schlimmen Nachrichten aus München etwa, seien die Erinnerungen an jenen 11. März 2009 „alle wieder zurückgekehrt“. Am Ende sagt Barbara Nalepa fast entschuldigend: „Ich hätte den Angehörigen der Opfer von München gern ‘was Gutes gesagt, aber...“

Fazit: Takshows im Fernsehen müssen nicht immer griffige Antworten liefern. Oft reicht es, auf intelligente Weise Denkanstöße zu geben, Defizite zu benennen – und aufzuzeigen, dass Nachrichten von Verbrechen nie nur Nachrichten sind, sondern menschliche Schicksale. Die Plasberg-Runde war in dieser Hinsicht ein Höhepunkt in der sonst oft so flachen Talklandschaft.

Die ganze Folge können Sie in der Mediathek hier abrufen.