Film/Fernsehen

Die Spiele der Lügen - Zwei Filme über Olympia 1936

In nur zehn Tagen Abstand beschäftigen sich ein TV- und ein Kinofilm mit den Nazi-Spielen von 1936 - aus völlig anderen Perspektiven.

Foto: © SquareOne/Universum

Auch 80 Jahre nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin arbeiten sich Historiker und Filmemacher an diesem Großereignis ab. In der Nähe zum Jahrestag stehen nun gleich zwei Produktionen ins Haus – eine im Fernsehen, dei andere im Kino.

Im Zentrum des ARD-Films „Der Traum von Olympia“ von Mira Thiel und Florian Huber, der am Montag ausgestrahlt wird, stehen zwei Charaktere, für die Olympia auf ganz unterschiedliche Weise zum einschneidenden Erlebnis werden sollte. Da ist zum einen Gretel Bergmann. Ihre Geschichte wurde zwar schon mehrfach erzählt (etwa 2009 im Kinofilm „Olympia ‘36“ mit Karoline Herfurth). Dennoch ist es schade, dass ihr der Film nur den zweiten Platz zuweist. Denn in ihrer Geschichte spiegelt sich die heuchlerische Sportpolitik der Nazis in besonders drastischer Weise.

Weil Hitler und sein Gefolge um die Teilnahme der Vereinigten Staaten fürchten mussten, wurde die bereits nach Großbritannien emigrierte Hochspringerin nach Deutschland zurückbeordert – wo sie ihre Funktion als Feigenblatt sofort zu spüren bekam.

Weil sie Jüdin war, durfte Gretel Bergmann nicht an den geeigneten Sportstätten trainieren, und kurz vor Beginn der Spiele, als kein Boykott mehr zu befürchten war, teilte der Reichssportführer ihr mit, sie dürfe nun doch nicht teilnehmen – angeblich wegen ihres niedrigen Leistungsstandes. Der willkürliche Missbrauch von Menschen zu propagandistischen Zwecken spiegelt sich in Gretel Bergmanns Leben. Und dennoch sind Sandra von Ruffins Spielszenen deutlich sparsamer eingesetzt als jene, in denen der „Dorfkommandant“ Wolfgang Fürstner die Hauptrolle spielt.

Fürstner, von Simon Schwarz nuanciert gespielt, war Offizier und Sportfunktionär und von 1934 bis 1936 verantwortlich für den Bau des Olympischen Dorfes in Döberitz. Von der neuen Funktion versprach er sich vor allem eine Festigung seiner gesellschaftlichen Position. Doch noch vor Beginn der Spiele musste Fürstner erfahren, dass er nach den Nürnberger Rassegesetzen als „Halbjude“ eingestuft wurde. Das Gerücht machte schnell die Runde, und Fürstner wurde unter einem Vorwand degradiert. Die Aussichtslosigkeit seiner künftigen Rolle vor Augen, erschoss er sich am 19. August 1936 in Döberitz.

Man hört vor allem ihn unentwegt reden, das Geschehen kommentieren und einordnen – aus der Sicht des überzeugten Mitläufers, dem irgendwann seine eigene Herkunft in die Quere kommt. Weil der Film sich mit vielen Ausschnitten aus Wochenschauen einen sehr dokumentarischen Anschein gibt, beginnt man sich irgendwann zu fragen, woher eigentlich die langen Textpassagen beider Figuren kommen – denn beide, Bergmann wie Fürstner, haben keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen. Das hinterlässt ein Unbehagen, zumal bei Szenen wie in Fürstners ehelichem Schlafgemach, wo er vor dem Spiegel in neu empfundener Größe posiert. Die Freiheit zur künstlerischen Nachempfindung realer Ereignisse stößt dort an ihre Grenzen, wo sie ihre Spielräume überdehnt.

Vor diesem Problem steht Stephen Hopkins’ Kinofilm „Zeit für Legenden“, der kommende Woche startet, auch, und es ist nicht sein einziges. Er rückt den wohl bekanntesten Sportler der damaligen Spiele ins Zentrum den Leichtathleten Jesse Owens.

Wie Gretel Bergmann war er den Nazis ein ungern gesehener Gast – aufgrund seiner dunklen Hautfarbe. Zu den interessantesten Momenten des Films gehören deren Verhandlungen mit der deutschen Seite - und ihre internen Debatten, denn über den Umgang den Nazis war man sich keineswegs einig.

Aber der Erzählfluss leidet nicht nur daran, dass die gut erforschte Lebensgeschichte Owens’ wenig Raum für Überraschungen lässt. Die Regie will trotz gut besetzter Nebenrollen (Jeremy Irons und William Hurt als US-Sportfunktonäre) nichts riskieren – und verlässt sich auf die üblichen Pathosformeln, die die Bildsprache amerikanischer Großproduktionen oft so enttäuschend macht. Und doch: Beide Filme sind sehenswert, wenn auch mit Einschränkungen.

„Der Traum von Olympia“ ARD, 18. Juli, 21.45 Uhr; „Zeit für Legenden“ ab 28. Juli im Kino