Maischberger-Talk

Wie FPÖ-Chef Strache die EU-Anhänger an die Wand spielte

Europa braucht Politiker, die Begeisterung für Europa schaffen. Der „Maischberger“-Talk zeigte: Sie müssen von den EU-Gegnern lernen.

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen die Folgen des Brexit-Referendums:„Rote Karte für Brüssel: Besiegen Populisten Europa?“

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen die Folgen des Brexit-Referendums:„Rote Karte für Brüssel: Besiegen Populisten Europa?“

Foto: imago stock&people / imago/Horst Galuschka

Berlin.  Da sitzt Jürgen Trittin, der grüne Alt-Linke, und doziert über das Friedensprojekt EU, das die Kriegsgefahr aus Europa vertrieben habe. Er beschwört die „großen Herausforderungen“, die der Kontinent nur mit vereinten Kräften bewältigen könne. Europa, so Trittins Nach-Brexit-Analyse, sei „der bessere Weg“, verglichen mit dem Ausstiegs-Votum der Briten. Alles nicht falsch, alles gefühlte tausend Mal gehört. Und Trittin, mit miesepetriger Leidensmiene und leicht beleidigtem Unterton, versprüht dabei ungefähr so viel Begeisterung für Europa wie ein Grabredner für den Karneval. Die EU als Stimmungskiller.

Trittin, der am Mittwochabend in Sandra Maischbergers Runde unter dem Titel „Rote Karte für Brüssel: Besiegen Populisten Europa?“ die Folgen des britischen Referendums analysieren soll, ist nicht der einzige selbst ernannte Streiter für das „neue Europa“, das nun entstehen soll. Seitdem der Brexit Realität wurde, wissen plötzlich alle, wie das ungeliebte Brüsseler Bürokratiemonster zu „everybodys darling“ mutieren soll: mehr Transparenz, näher beim Bürger, weniger Technokraten.

Viviane Reding, früher lange Jahre als EU-Kommissarin Teil der Brüsseler Maschinerie, fällt bei Maischberger noch die Forderung nach einer „kohärenten Politik“ ein. Uninspirierter geht’s nimmer.

Heinz-Christian Strache wünscht sich ein neues Europa

Man, nun ja, wünschte sich fast, die EU-Anhänger hätten einen in ihren Reihen wie Heinz-Christian Strache. Der Vorsitzende der rechten FPÖ in Österreich ist bei Maischberger der Widerpart zu den EU-Anhängern – und er spielt die Trittins und Redings locker an die Wand.

Eloquent, rhetorisch gestählt in zahllosen Talkrunden, der Kamera zugewandt hält Strache ein flammendes Plädoyer gegen „das zentralistische Europa“ der Junckers und Tusks. „Europa ist mehr als die EU“, wirbt Strache und schwärmt von der „Vielfalt der europäischen Völker“, die es zu stärken gelte. Man dürfe den Kontinent nicht einer „politisch abgehobenen politischen Elite“ überlassen, das erzeuge doch nur die „Frustration“, so wie gerade in Großbritannien. Strache: „Wir wünschen uns ein neues Europa, das föderal und bürgerfreundlich ist.“

Nichts als Parolen? Klar. Populistische Phrasen, die nur eine stramm nationalistische FPÖ-Haltung übertünchen sollen? Auch das. Gleichzeitig aber sind dies Sätze, die vielen Bürgern in Europa aus dem Herzen sprechen und die auch für nicht wenige Europafreunde mitreißend klingen. Mitreißender jedenfalls als etwa die eitle Zankerei zwischen Brüssel und Berlin um das Handelsabkommen Ceta – so als wollte man nur wenige Tage nach dem Brexit-Schock alle gängigen Anti-EU-Klischees bestätigen.

Was sich die Eurokraten von FPÖ-Mann Strache abgucken können

Das Europa der 28 Mitgliedsstaaten hat es versäumt, den Text zu Europa mit einer positiven Melodie zu unterlegen. Europa ist kein Gefühl, jedenfalls kein gutes Gefühl. Das haben die Gegner wie FPÖ-Mann Strache erkannt. Auch wenn eine andere Taktik dahinter steckt – nicht alles, was der Österreicher Trittin und Reding entgegenhält, ist grundfalsch.

Die Abgehobenheit, das Unbehagen an der Gemeinschaftswährung und die „Merkelsche Hinterzimmerpolitik“, wie es der „Welt“-Journalist Dirk Schümer bei Maischberger ausdrückt – all das kennzeichnet in weiten Teilen das ganz reale Bild der EU und gab der Brexit-Fraktion in Großbritannien erst das nötige Futter für ihre Kampagne.

Das Fazit der Maischberger-Runde: Europa darf nicht den Populisten überlassen werden. Aber um für das sieche Projekt Europa neu zu beleben, braucht es mehr als verschnarchte 08/15-Reden. Darf man das sagen: Ein bisschen was könnten sich die Eurokraten ruhig von ihrem Kontrahenten Strache abgucken?