ARD-Film

„Anderswo“: Auf der Suche nach Identität und Heimat

Der ARD-Film „Anderswo“ ist eine Herausforderung für Zuschauer. Aber dranbleiben lohnt. Der Mix aus Drama und Komödie ist sehenswert.

Noa (Neta Riskin) und die ewige Frage, wo sie hingehört – nach Berlin oder Israel. Also probiert sie das Leben in beiden Welten aus.

Noa (Neta Riskin) und die ewige Frage, wo sie hingehört – nach Berlin oder Israel. Also probiert sie das Leben in beiden Welten aus.

Foto: rbb/Johannes Praus

Seit acht Jahren lebt die Israelin Noa (Neta Riskin) in Berlin, sie will endlich richtig Fuß fassen. Doch dann stellen sich die Ereignisse gegen sie.

Sie steht vor dem Abschluss ihres Studiums, aber plötzlich fühlt sich alles falsch an: Ihr Herzensprojekt, die Erstellung eines Wörterbuchs für unübersetzbare Wörter, hält ihre Professorin für eine allzu abstruse Idee für eine Masterarbeit und lehnt das Thema ab.

Am selben Tag bekommt Noas deutscher Freund Jörg (Golo Euler) ein Jobangebot in Stuttgart – aber das ist der letzte Ort, an dem sie leben möchte. Kurzentschlossen reist die 33-Jährige nach Israel, um ihre Familie und alte Freunde zu treffen und ein bisschen Geborgenheit zu spüren.

Der Film erzählt vom Gefühl der Fremdheit

Wie es ihr dort ergeht, erzählt der Spielfilm „Anderswo“. Er ist das Debüt der Regisseurin Ester Amrami, die genau wie ihre Protagonistin aus Israel stammt und in Berlin lebt. Bei der Berlinale 2014 hatte der Mix aus Drama und Komödie seine Premiere und erhielt in der Folge zahlreiche Preise.

Die ersten zehn Minuten sind etwas zu verspielt geraten, aber dann findet der Film zu einer erzählerischen Dichte. Noa fühlt sich in Israel zunächst wohl: Die Sonne strahlt, die Luft schmeckt nach Salz, ihre Familie präsentiert sich liebenswert-chaotisch. Als ihre Großmutter ins Krankenhaus muss, verlängert Noa ihren Aufenthalt. Daraufhin brechen alte Familienkonflikte auf, neue entstehen. Zu allem Überfluss taucht Jörg überraschend auf, und nicht alle sind über die Anwesenheit eines Deutschen erfreut.

„Anderswo“ erzählt von der Wichtigkeit von Sprache, vom Gefühl der Fremdheit, von der Sehnsucht nach etwas, das man Heimat nennen kann und das es vielleicht gar nicht gibt. Themen, die universelle Gültigkeit haben. Dazu werden elegant Bereiche berührt, die sich aus dem Schauplatz Israel ergeben: das deutsch-israelische Verhältnis, der Nahostkonflikt, die Schoah, der Alltag beim israelischen Militär. Das alles hätte anstrengend bedeutungsschwanger erzählt werden können, stattdessen besitzt der Film eine angenehme Leichtigkeit und viele komische Szenen. Über weite Strecken wirkt er dabei wie eine Doku. Als würde jemand mit wackliger Kamera den Familienalltag mitschneiden.

Neta Riskin liefert glänzende Darstellung

Aus dem starken Ensemble ragen zwei Schauspielerinnen hervor. Neta Riskin liefert als Noa eine glänzende Darstellung einer Frau auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Die heimliche Heldin des Films ist aber Hanna Laslo, die zu den bekanntesten Darstellerinnen Israels gehört und hier Noas Übermutter überwältigend kraftvoll und mit großem komödiantischem Können spielt. Ihre bösen Kommentare sind zum Niederknien, ein Blick von ihr sagt mehr als tausend Worte.

Nicht jedermanns Sache dürfte es sein, dass der Film mit Untertiteln versehen ist. Aber angesichts des Themas ist es eine gute Entscheidung, den Film nicht in synchronisierter Fassung zu zeigen.

Fazit: Ein mit großer Liebe zu seinen Figuren erzähltes Spielfilmdebüt, das mit viel Humor und ohne erhobenen Zeigefinger zum Nachdenken anregt. Einen spannenden Einblick in den Alltag einer israelischen Familie gibt es obendrein.

K ARD, Dienstag, 23.30 Uhr