Fußball-EM

So erleben hörgeschädigte und blinde Menschen die EM im TV

Wie wird die EM auch für hörgeschädigte und blinde Fußball-Fans ein Fest? ARD und ZDF bieten bei Übertragungen spezielle Angebote an.

Das Team vom ARD-Videotext um Christine Nemeth, Marco Käber (hinten links) und Christoph Rewicki bietet während der Europameisterschaft Live-Untertitel für die Spiele an.

Das Team vom ARD-Videotext um Christine Nemeth, Marco Käber (hinten links) und Christoph Rewicki bietet während der Europameisterschaft Live-Untertitel für die Spiele an.

Foto: ARD/rbb/Oliver Ziebe

Berlin.  Christoph Rewicki kennt jeden Spieler bei dieser Europameisterschaft. Und zwar nicht nur die Stars wie Thomas Müller, sondern auch isländische Ersatzspieler wie Hjörtur Hermannsson. Aber Christoph Rewicki ist kein verrückter Fußballfan, es ist sein Job. Er ist Live-Kommentator für hörbehinderte Zuschauer, denn er macht die Untertitel während der Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Während des Turniers ist er im Einsatz, um den Zuschauern, die nicht hören können, trotzdem Informationen zu bieten. „Beim Sport ist das besonders anspruchsvoll, da sich ganz schnell alles verändern kann“, erklärt Rewicki im Gespräch mit unserer Redaktion. Mit einem Kollegen sitzt er während einer Partie vor dem Fernseher. Er sieht das Spiel, hört den Kommentator im Stadion und spricht dessen Kommentar in eigenen Worten nach. Eine Spracherkennung setzt das gesprochene Wort in Schrift um, die sich der Zuschauer über den Videotext einblenden lassen kann. Für jeden Mitarbeiter musste die Software zunächst eingestellt werden. „Jeder hat eine etwas andere Stimmlage“, erläutert Rewicki.

Deshalb war auch er schon vor Beginn des Turniers damit beschäftigt, etwa 1000 Begriffe und Namen einzusprechen. Und auch wenn ihn ein Spiel besonders begeistert, Rewicki muss sich zurückhalten: „Emotionen sind ungünstig, weil dadurch die Verständlichkeit der Sprache beeinträchtigt wird.“ Inzwischen liegt die Genauigkeit der Spracherkennung bei 95 Prozent. Fehler sind aber nie ganz ausgeschlossen. Davon kann auch Christoph Rewicki berichten. So wurde aus dem Fernsehkommentar „Der vierte Mann assistiert an der Linie“ im Videotext mal „Der vierte Mann aß Tiere an der Linie“. Inzwischen kann Rewicki darüber lachen.

Aussehen, Mimik, Gestik – alles wird erzählt

Seit den Olympischen Spielen 2006 bietet die ARD inzwischen den Service mit Untertiteln. Für blinde Sportfans gibt es in diesem Jahr erstmals das Angebot einer Audiodeskription, also einer detaillierten Beschreibung des Spielgeschehens. Den Service kann theoretisch jeder Zuschauer nutzen, indem er auf den Zweikanalton umstellt. Beim ZDF ist Christiane Müller für die barrierefreien Angebote verantwortlich. Auch hier sitzen zwei Kollegen vor einem Bildschirm und schauen das Spiel -- den Kommentar hören sie allerdings nicht. „Sie beschreiben das Spielgeschehen, aber auch das Aussehen, die Mimik und Gestik der Spieler sowie die Atmosphäre“, erklärt Müller. Während sich der TV-Kommentator während eines Spiels aber auch mal eine Auszeit gönnen kann, sind die Deskriptoren ohne Pause im Einsatz und wechseln sich während eines Spiels daher mehrmals ab. Insgesamt drei Kollegen sind es beim ZDF – natürlich besonders geschult. „Es ist gar nicht so einfach, eineinhalb Stunden genau im Detail zu erzählen, was man sieht“, sagt Müller. Doch im Gegensatz zu ihren Kollegen vom Untertitel dürfen die Beschreiber ihren Emotionen auch mal freien Lauf lassen. Die blinden Zuhörer sollen schließlich genauso mitfiebern und mitfeiern können wie die Zuschauer. „Da ist es auch nicht so schlimm, wenn einem mal ein ‚wie wir gerade gesehen haben‘ rausrutscht“, findet Christiane Müller.