TV-Doku-Reihe

Wigald Boning erkundet geheimnisvolle Orte

Der Hobbyforscher und Komiker begibt sich für eine neue Dokuserie in Berlin auf die Suche nach vergessener Geschichte.

Wigald Boning (l.) und Fritz Meinecke in der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Wigald Boning (l.) und Fritz Meinecke in der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Foto: Clemens Bilan / Getty Images for HISTORY

Stirnlampen und Stiefel brauchen sie heute nicht, in der Gedenkstätte Hohenschönhausen geht es doch recht zivilisiert zu. Hobbyforscher und Komiker Wigald Boning und Urban Explorer Fritz Meinecke sind für die Dreharbeiten zu einer Episode von „Wigald & Fritz – Die Geschichtsjäger“ nach Berlin gekommen. Hier wollen sie verborgene Winkel der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit aufzuspüren.

Für die neue Doku-Reihe des Bezahlsenders History erkunden die beiden Entdecker geheimnisumwobene historische Orte, die in Vergessenheit geraten sind. Nach Dreharbeiten in Tschernobyl und der NS-Eliteschule Napola Ballenstedt führt sie diese Episode durch die langen Gänge und katakombenartigen Keller des ehemaligen Gefängnisses, begleitet von einem ehemaligen Inhaftierten.

Wie schafft man es, hier zu überleben?

Vergessen oder verlassen erscheint die Gedenkstätte zunächst nicht. Zahlreiche Besuchergruppen formieren sich stetig vor dem schweren Eisentor, vor grauen Mauern und vergitterten Fenstern. Jörg Kürschner beobachtet das Treiben: „Man staunt vor sich selber, dass man jetzt hier so rein- und rausläuft, dass wir uns jetzt hier unterhalten.“ Weil er einem Freund Bücher mitgebracht hatte, wurde Kürschner hier 1979 als BRD-Bürger für sechs Monate festgehalten und täglich stundenlang verhört.

Vor dem Vernehmungszimmer, in dem er zwischen Blümchentapeten die monatelange Tortur über sich ergehen lassen musste, treffen wir auch Wigald Boning und Fritz Meinecke. Beide sind noch ganz beeindruckt von den Dreharbeiten in den Gummizellen, dem sogenannten U-Boot. „Der erste Gedanke, als ich die Zelle betreten habe, war: ‚Wie schafft man es, hier zu überleben? Der Sauerstoff knapp, die Wände bedrückend eng und kein Tageslicht. Einfach der absolute Horror‘“, so Meinecke. „Ich wäre da schnell eingeknickt“, sagt Boning.

Crew muss mehrmals die Einstellung ändern

Das Filmteam sucht währenddessen nach der passenden Einstellung für die nächste Szene. Die engen Gänge bieten nicht viel Spielraum und überall sind Besucher, die fast andächtig in eine der Zelle schauen. Regisseurin Elin Carlsson entscheidet sich dennoch für eine Begrüßung auf dem Gang. Doch dafür muss der richtige Moment abgepasst werden. Irgendwo knarrt eine schwere Tür und fällt knallend zu. Dann ist es endlich soweit: „Läuft?“, „Läuft!“, „Und los!“

Die Kamera folgt Jörg Kürschner vom Treppenhaus hinter dem schweren Gitter bis in den langen Gang, auf dem der Zeitzeuge Wigald Boning zu seiner alten Vernehmungszelle führt. Mehrmals muss die Crew die Einstellung ändern, der Tontechniker schnell in einer Zelle verschwinden und Kürschner die Treppen hinaufgehen. Dann ist Carlsson zufrieden.

Geständnisse am Fließband produziert

YouTuber Fritz Meinecke, der sonst selbst Besucher an verlassene Orte führt, sagt: „Ich finde es bei dem Format besonders spannend, dass wir so viele Zeitzeugen haben, die vor Ort ihre Geschichten erzählen können. Wenn ich allein unterwegs bin, sucht man Indizien, und vielleicht findet man noch eine Zeitung oder ein Buch. Doch es lässt sich vieles nur vermuten.“

„Es ist abstrakt, was in der Vergangenheit passiert ist. Durch die Geschichten der Menschen wird die Sache konkreter und man kann sich leichter damit identifizieren“, so auch Boning. „Allein der Geruch hier – das hat ja gleich so einen leichten Zeitreise-Charakter. Und der Flur mit den vielen Vernehmungszimmern, das wirkt fast wie eine Fabrik. Da wurden sozusagen Geständnisse am Fließband produziert.“

Die Freiheit bricht sich ihren Bahn

Neben dem DDR-Gefängnismief spüren die beiden Geschichtsjäger auch tatsächlich verborgene Orte auf. „Wir schauen uns all die Gebäudeteile an, die der Öffentlichkeit normalerweise nicht zugängig gemacht werden“, so Boning. „Versorgungsräume, die Sauna der Stasi-Mitarbeiter und die Zellen der Strafgefangenen, die hier als Köche, Putzfrauen und Näherinnen gearbeitet haben. Das ist auch ein sehr bedrückender Teil.“ Die Wäscherei mit ihren gigantischen Waschmaschinen, die, wie für die Ewigkeit gebaut, auf ihren Einsatz warten. Die Großküche, die unverändert und mit all ihren Utensilien im Dornröschenschlaf versunken ist. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen, und es ist immer noch 1989.

„Es ist wirklich erschreckend und faszinierend zugleich zu sehen, dass sich Menschen damit befasst haben, wie man andere Menschen kaputtmacht, um Geständnisse zu erzwingen“, fasst Fritz Meinecke seine Eindrücke nach dem Rundgang zusammen. „Was hier für ein Aufwand betrieben wurde, das wirkt aus heutiger Sicht so absurd“, sagt Wigald Boning. „Und um so schöner, dass die Geschichte gezeigt hat, es funktioniert am Ende nicht. Es kann noch so viel Aufwand betrieben werden, und die Freiheit bricht sich Bahn. Das ist der hoffnungsvoll stimmende Aspekt an der ganzen Geschichte.“

Die insgesamt sechs 30-minütigen Episoden der Doku-Reihe „Wigald & Fritz – Die Geschichtsjäger“ werden ab November 2016 auf History gezeigt.