Doping

„Maischberger“ blickt voraus auf „gedopteste Spiele“ jemals

Zwei sportliche Großereignisse stehen bevor – und die Dopingfrage wird akut. Der Maischberger-Talk war für Sportfreunde ernüchternd.

Moderatorin Sandra Maischberger empfing im Vorfeld von EM und Olympischen Spielen Gäste zum Talk über Doping.

Moderatorin Sandra Maischberger empfing im Vorfeld von EM und Olympischen Spielen Gäste zum Talk über Doping.

Foto: imago stock&people / imago/Eibner

Berlin.  Das sind ja schöne Aussichten. „Wir werden in Rio die gedoptesten Spiele erleben, die es je gegeben hat“, fürchtet der Mainzer Wissenschaftler und Professor Perikles Simon. Für den Experten nutzen kleine Änderung am System wenig, erfordert stattdessen eine radikale Reform des Doping-Kontrollsystems. Die Qualität heutiger Dopingtests grenze an Volksverdummung. Simon: „Wir können entweder unprofessionell weitermachen wie bisher und irgendwelche kleine Würstchen, die sich keinen Anwalt leisten können, des Dopings überführen. Oder wir bauen endlich ein neues System auf.“

Simon saß am Mittwochabend in der Talkrunde von Sandra Maischberger. Die startete mit ihrer Diskussion „Wie kaputt ist der Sport?“ erst verspätet um 23.15 Uhr – weil die ARD zuvor eine halbe Stunde lang bis dato unveröffentlichte Dokumente präsentieren wollte, „die den Verdacht der Vertuschung des staatlich gesteuerten Dopings durch die russische Regierung erhärten“ sollten. Allerdings: Die Dokumentation „Geheimsache Doping – Showdown für Russland“ (online verfügbar bis 8. Juni 2017), mit der sich dann auch die Maischberger-Runde befasste, zeigte im Wesentlichen das auf, was man ohnehin schon wusste, oder zumindest ahnte: Weite Teile des russischen Profisports sind durchsetzt mit unerlaubtem Doping.

Gewichtige Enthüllung vor der Sendung

Das bislang letzte Indiz dafür war erst am Dienstag publik geworden: Die russischen Gewichtheberinnen Marina Schainowa (30) und Nadeschda Jewstjuchina (28) wurden bei Nachtests zu den Olympischen Spielen von 2008 in Peking und 2012 in London positiv getestet. Bei beiden wurde das Anabolikum Turinabol nachgewiesen. Und: die beiden sind nicht allein: Schainowa und Jewstjuchina reihen sich eine in eine Kette von insgesamt 20 positiv getesteten Gewichthebern im Rahmen der Doping-Nachtests. Auch in den Proben zweier russischer Geher sowie einer Hammerwerferin und einer Hochspringerin waren unter den beanstandeten Proben.

Die dutzendfachen Doping-Überführungen werfen ein Schlaglicht auf die Misere, wie sie der Wissenschaftler Simon bei „Maischberger“ beschrieb: Die Doping-Jäger hinken technisch den Betrügern unter den Athleten meilenweit hinterher. So sah das Internationale Olympische Komitee (IOC) erst jetzt – also acht Jahren nach Peking und vier Jahre nach London – die Möglichkeit, mit verfeinerten Test-Verfahren Proben der vergangenen beiden Sommerspiele erneut zu überprüfen.

Der Erfolg der reichlich verspäteten Kontrollen war durchschlagend: 23 positive Dopingtests aus London, sogar 32 aus Peking. Der Gewichtheber-Weltverband IWF hatte am Montag bekannt gegeben, dass 20 dieser insgesamt 55 positiven Doping-Nachtests aus dem Gewichtheben stammen.

Dopingopfer Geipel: „Blaupause der DDR“

Aber ist das alles nur ein russisches Problem? Ines Geipel, ehemalige Leichtathletin in der DDR und selbst jahrelang Opfer des staatlich verordneten Staatsdopings, sieht das anders: „Das ist die Blaupause der DDR“, sagte die Ex-Sportlerin bei Maischberger. Die Recherchen zeigten die „direkten Linien zwischen Politik und Sport“.

Zumindest in Russland scheint die Doping-Praxis von hoher Stelle verordnet oder zumindest gefördert zu sein. Dies legt jedenfalls die ARD-Dokumentation nahe. Die Filmemacher erhoben den Vorwurf der Vertuschung des staatlich gesteuerten Dopings durch die russische Regierung. Sogar Russlands Sportminister Witali Mutko soll in die Betrügereien involviert sein – er habe, so die Dokumentation, die Veröffentlichung des Dopingvergehens eines Fußballers aus Russlands höchster Liga verhindert. Pikant: Mutko gehört dem Council des Fußball-Weltverbandes FIFA an und ist zudem Vorsitzender des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2018 in Russland. „Die Belege sind erschütternd“, so Doku-Macher Hajo Seppelt.

Neururer berichtet von herumliegenden Pillen

Nun stehen wir unmittelbar vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Wie sieht es da aus mit dem Doping? Die Uefa, der europäische Fußballverband, hat gerade durchblicken lassen, dass eine lückenlose Überprüfung der Spieler nicht möglich sei. Peter Neururer, Ex-Fußballbundesligatrainer unter anderem in Schalke und Bochum, jedenfalls zeigte sich bei Maischbergers Runde „schockiert und überrascht“ von den neuen Enthüllungen. „Das sind Dinge, die ich mir nicht vorstellen konnte.“ Er selbst habe „nur von Doping gehört“, so Neururer. Ob der Trainer einräumte, dass in den 80er-Jahren Aufputschmittel in der Kabine „herumlagen“. Ja, was nun?!

Auch andere nicht sauber?

Insgesamt aber brachte der ARD-Talk bei Sandra Maischberger wenig neue Erkenntnisse. Die einen klagen an, die anderen – wie etwa der russische Journalist Ivan Rodionov ( „Das ist kein exklusives russisches Problem“), relativieren die Dopingfälle. Aber Ende konnte man nur zu einem Schluss kommen, der auch vorher schon klar war: Sportfans müssen damit rechnen, dass ihre Idole nicht nur mit legalen Mitteln siegen – auch wenn sie nicht aus Russland kommen. Was läuft eigentlich im Fernsehen parallel zu Olympia??

Ach ja. Eines noch. Peter Neururer ist sich sicher, dass Weltmeister Deutschland in Frankreich auch Europameister wird. Na dann...