Maischberger

„Ein Arbeitsmarkt funktioniert ohne Migranten nicht“

Ob Einwanderer den deutschen Arbeitsmarkt retten können, wollte Sandra Maischberger wissen. Die Antworten klangen wenig euphorisch.

Von Bastian Angenendt
Eigentlich ging es bei Maischberger um die Frage „Retten Einwanderer den Arbeitsmarkt?“. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck äußerte sich aber auch zu seiner Drogenaffäre.

Eigentlich ging es bei Maischberger um die Frage „Retten Einwanderer den Arbeitsmarkt?“. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck äußerte sich aber auch zu seiner Drogenaffäre.

Foto: imago stock&people / imago/Horst Galuschka

Berlin.  Die große Euphorie sei verflogen, meinte Sandra Maischberger am Mittwochabend einleitend. Gerne hätte man erfahren, von welcher Euphorie die Moderatorin sprach, hatten doch die Dutzenden Talkrunden der letzten Wochen und Monate zum Thema Migration nur wenig Freude verbreitet. Mehr, als sich auf Daimler-Chef Dieter Zetsche zu berufen, der einmal frohlockt hatte, das nächste Wirtschaftswunder stünde dank der vielen Flüchtlinge ins Haus, tat Maischberger nicht. „Retten Einwanderer unseren Arbeitsmarkt?“, lautete ihre Frage für den restlichen Abend. Eine spannende Frage, die allerdings erst mal völlig unbeachtet blieb.

Denn da saß ja auf einmal wieder Volker Beck. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete, der vor einigen Wochen über eine Drogenaffäre gestolpert, gegen die Zahlung einer Geldbuße aber straffrei ausgegangen war, hatte seinen ersten Talkshow-Auftritt seitdem. „Ich bin bei Verstand, ich bin hellwach“, schickte er vorweg – und bekam von Maischberger dann noch Raum für eine Entschuldigung. „Ich bedaure, dass ich mit mir selbst nicht achtsam umgegangen bin und nicht achtsam mit dem Vertrauen umgegangen bin, dass Leute in mich gesetzt haben“, sagte Beck. Alles Weitere gehöre für ihn zur Privatsphäre. Keine weiteren Fragen, Thema durch.

Jörg Meuthen rudert leise zurück

Zurück zur Ausgangsfrage ging es aber noch nicht. Schließlich war mit Jörg Meuthen ein AfD-Bundesvorstand zu Gast und herzlich eingeladen, sich zu den rassistisch gefärbten Äußerungen seines Parteikollegen Alexander Gauland über den Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng zu äußern. Es sei „eine ganz und gar unglückliche Äußerung“ gewesen, sagte Meuthen, aber Gauland sei auch fehlinterpretiert worden, in eine Falle getappt, das Medienecho sei unangemessen harsch gewesen. Ein vorsichtiges Einlenken, für das er sich von Beck trotzdem Kritik gefallen lassen musste. Nicht zum ersten Mal würde die AfD erst laut vorpreschen und dann leise zurückrudern, monierte Beck. Das Thema sei trotzdem in der Welt.

Auch im weiteren Verlauf, als es dann doch so langsam zur Diskussion um den Arbeitsmarkt ging, wurden die beiden keine Freunde mehr. Da war Beck auf der einen Seite, der sich wie die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann für ein flexibles Einwanderungsgesetz aussprach und auch künftige Einwanderergenerationen willkommen heißen wollte. Und da war Meuthen auf der anderen, der Becks Standpunkt für „naiv und falsch“ hielt, schließlich sei der Arbeitskräftebedarf rückläufig und die Reden vom Fachkräftemangel nur ein „Märchen“. Vorbild für ihn wäre ein Punktesystem wie in Kanada. „Qualifizierte Migranten mit hoher Integrationsbereitschaft sind willkommen.“ Wirklicher schlauer war der Zuschauer durch diesen Schlagabtausch nicht.

Und euphorischer auch nicht, was das Bild der Integration in Deutschland angeht. Arthur Mashuryan erzählte von seiner beeindruckenden Biografie. Mit der Familie aus Armenien geflüchtet, Abitur, Konditormeisterprüfung, Studium, jetzt selbstständig und Chef von zehn Mitarbeitern. Trotzdem sagte der Unternehmer, Deutschland biete zu wenig für Migranten, an das man sich emotional binden könne, zu oft müsse er den Beweis gegenüber Fremden antreten, dass er integriert sei. „Ich fühle mich integriert und wohl, aber ich gehöre nicht dazu.“ Der mittelstandspolitische Sprecher der CDU, Christian von Stetten, jubelte trotzdem: „Das ist das Tolle an Deutschland, dass es hier jeder schaffen kann.“ Man wollte nicht so richtig in seine Laune einstimmen.

Kein Job für Flüchtling trotz Arbeitsvertrags

Und da kam ja erst noch das richtige Negativbeispiel. Die NDR-Redakteurin Nicola von Hollander wollte nach langer Suche nach einem Mann für Arbeiten auf ihrem Hof den Einwanderer Beq Zeqiri aus dem Kosovo einstellen. Die bürokratischen Hürden waren allerdings zu hoch, der Asylantrag von Beq Zeqiri wurde abgelehnt. Beide Seiten waren sich einig, ein Arbeitsvertrag geschrieben, arbeiten durfte Zeqiri trotzdem nicht. „Da waren wir, die Hilfe brauchten, da war jemand, der helfen wollte, aber wir kamen nicht zusammen“, sagte von Hollander.

Die Agentur für Arbeit hatte ihr niemanden aus Deutschland vermitteln könnten und versuchte später sogar, die Bemühungen der Journalistin zu unterstützen, Zeqiri doch noch einzustellen. Letzterer wurde kurz per Skype zugeschaltet und erzählte, dass er und seine Kinder gerade auf Geld seines Bruders angewiesen seien. Von Stetten klärte später auf, dank der neuen Gesetzgebung könne Zeqiri mit dem Arbeitsvertrag sehr wohl ein Arbeitsvisum beantragen, müsse das aber im Kosovo machen. „Es ist sowas von hürdenreich, hätte ich das vorher gewusst, hätte ich es vielleicht gar nicht versucht“, resümierte von Hollander. Beck pflichtete ihr bei: „So viel Bürokratie kann man keinem Arbeitgeber zumuten, das ist nicht lebenstauglich.“

Von Stetten hielt für alle resümierend fest: „Der Arbeitsmarkt funktioniert ohne Migranten nicht.“ Das war aber auch beinahe das einzige, was an diesem Abend konsensfähig war. Denn auch schon der nächste Vorschlag des CDU-Manns, wegen der vielen schlecht oder gar nicht gebildeten Flüchtlinge den Mindestlohn vorübergehend auszusetzen, wurde wieder harsch angegangen. „Eine ganz gefährliche Idee“, meinte die taz-Journalistin Ulrike Herrmann, „wenn die CDU die AfD stärken will, dann macht sie eine Ausnahme beim Mindestlohn.“ Klingt alles so, als ob uns dieses Thema noch lange beschäftigen wird.

Die ganze Sendung ist in der ARD-Mediathek abrufbar.