ARD-„Tatort“

Das Erfolgsgeheimnis des Münster-Duos Boerne und Thiel

Superquoten und Reichweitenrekorde – das „Tatort“-Duo aus Münster ist so erfolgreich wie kein anderes. Ein Blick hinter das Phänomen.

Von Andreas Böhme
Ein ungleiches Paar auf Erfolgskurs: Jan Josef Liefers (l.) und Axel Prahl.

Ein ungleiches Paar auf Erfolgskurs: Jan Josef Liefers (l.) und Axel Prahl.

Foto: WDR/Martin Menke

Münster.  Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Der „Tatort“ vom Sonntag, so schrieb am Montag ein deutscher Mediendienst, habe unter dem guten Wetter gelitten. Nur 12,69 Millionen Menschen hätten eingeschaltet. So würden viele andere Sendungen gerne mal leiden. Zumal der Marktanteil von 37,1 Prozent der höchste einer Episode der Krimireihe seit über 20 Jahren war.

Kein Ermittlerduo in Deutschland lockt so viele Menschen vor den Bildschirm wie der neunmalkluge Rechtsmediziner Prof. Dr. Karl-Friedrich Boerne und der oft etwas mundfaule Frank Thiel alias Jan Josef Liefers und Axel Prahl. Die Folge „Schwanensee“ erreichte im vergangenen Herbst mit 13,63 Millionen die höchste Zuschauerzahl einer „Tatort“-Folge seit 1992. Und seit Jahren schon schalten mehr als zehn Millionen Menschen ein, wenn im Münsterland das Böse zuschlägt. Da kann ansonsten nur noch König Fußball mithalten.

Der Erfolg hängt an den Hauptdarstellern

Der Erfolg aus der Provinz hat viele Gründe. „Holmes und Watson auf Münsteranisch“ versuchte die Zeitung „TV-Spielfilm“ die beiden Stars anlässlich der ersten Folge im Oktober 2002 zu charakterisieren. Fast 14 Jahre später wirken die beiden allerdings mehr wie das ungleiche Paar Walter Matthau und Jack Lemmon, die aus Versehen bei der Kriminalpolizei, beziehungsweise in der Rechtsmedizin gelandet sind. Hier der Schluffen, da der Pfau, ständig im verbalen Clinch – und nebenbei auf Mörderjagd. Der Erfolg, glaubt nicht nur die Medienwissenschaftlerin Susanne Marschall von der Universität Tübingen, liege „vor allem an den Hauptdarstellern“.

Die wollen so viel Lob aber nicht für sich alleine in Anspruch nehmen und verweisen gerne und völlig zu Recht auf den Rest des Ensembles: Claus Dieter Clausnitzer als wandelndes 68er-Klischee „Vadder“ Thiel, „Nadeshda Krusenstern“ (Friederike Kempter), die kettenrauchende Staatsanwältin „Wilhelmine Klemm“ (Mechthild Großmann) und vor allem die kleinwüchsige Christine Urspruch als Rechtsmedizinerin Silke Haller, genannt „Alberich“, die ihren blasierten Chef immer wieder mit Erfolg Kontra gibt, runden für viele Zuschauer das Sehvergnügen ab. „Der Tatort Münster sind nur wir alle zusammen“, sagt Prahl dann auch gerne.

Kein klassischer Krimi, sondern eine Schwarze Komödie

Kaum weniger wichtig als die Besetzung ist die Grundstimmung im Münsteraner „Tatort“. Ja, es gibt Opfer, die meisten davon sind sogar tot, aber dennoch geht es am Aasee meist recht locker zu. Krimithemen würden dort so präsentiert, „dass man sich als Zuschauer entspannt zurücklehnen kann und nicht – wie in anderen „Tatorten“ – mit mehr oder weniger erhobenem moralischen Zeigefinger aktuelle Konflikte der Gegenwart präsentiert bekommt“, hat der Germanist und „Tatort“-Kenner Andreas Blödorn von der Uni Münster mal festgestellt. Deshalb spricht er auch von einer „Sonderstellung innerhalb der Reihe. „Es ist eigentlich kein klassischer Krimi, sondern hat vielmehr Züge einer schwarzen Komödie“ – mit absurden Handlungssträngen und grotesken Übertreibungen.

Für viele Kritiker dagegen sind die Krimis aus dem Münsterland mittlerweile zu einer Nummernrevue verkommen, purer Klamauk. „Ach Gott, das rechte Maß zu finden ist eine Kunst, die niemand beherrscht“, sagt Axel Prahl dazu. „Dem einen ist es fast noch zu wenig Humor, und den anderen ist es schon zu viel.“ Für viele Zuschauer aber scheint die Mischung immer noch zu stimmen. Sie amüsieren sich auch nach 29 Folgen wie Bolle. „Habe wieder viel gelacht“, resümiert einer nach der Sonntagsfolge „Ein Fuß kommt selten allein“. Und ein anderer findet: „Der geilste Tatort überhaupt.“

Auch junge Zuschauer schalteten ein

Besonders erfreulich für die gern als Kukident-Sender titulierte ARD: Auch jüngere Menschen finden Thiel und Boerne offenbar unterhaltsam. Vergangenen Sonntag schalteten trotz Biergartenwetters in Deutschland 4,03 Millionen junge Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren ein. Und kaum jemand störte sich daran, dass das Drehbuch eher durchschnittlich war. „Der Kriminalfall ist bei uns oft nur eine in Kauf genommene Nebensache“, hat es Axel Prahl schon vor einiger Zeit wahrscheinlich besser als jeder Kritiker auf den Punkt gebracht. „Wichtiger ist, welche Kabinettstückchen Thiel und Boerne daraus entwickeln.“

Oder wie es ein Fan im Internet ausdrückt: „Handlung eigentlich egal, das Team macht’s !“