Kritik

„Kaltfront“ ist ein starkes ARD-Drama mit Tiefenwirkung

Im ARD-Drama „Kaltfront“ begegnet eine Freigängerin nach 16 Jahren Haft ihrer Vergangenheit. Dann kommt die Furcht vor ihrer Zukunft.

Foto: Katrin Denkewitz / Katrin Denkewitz / HR

Berlin.  Der Titel irritiert. Das Wetter spielt in „Kaltfront“ keine Rolle. Dieses grandiose Langfilmdebüt von Lars Henning ist eine ebenso kühle wie klare Beobachtung über vier Menschen, deren Schicksale miteinander verknüpft sind – durch ein Verbrechen.

Die Geschichte beginnt im Gefängnis. Judith (Jenny Schily), ehemalige Bankräuberin, ist nach 16 Jahren Haft Freigängerin, darf tagsüber die Haftanstalt verlassen und einen Putzjob in einem Sonnenstudio annehmen. „Wer sich umdreht, kommt wieder“: Diesen Tipp gibt ihr der JVA-Mann mit auf den Weg. Aber Judith fällt es schwer, nach vorn zu schauen. Der Film erzählt noch von drei weiteren Leben: Da ist Anna (Lana Cooper), Mitte Zwanzig, die nach einer mit Drogen und Alkohol „weggefeierten“ Nacht im Krankenhaus aufwacht. Der Teenager Jan (Leonard Carow), der in eine neue Klasse kommt und daran scheitert, sich seinen Mitschülern vorzustellen, weil er so sehr stottert. Und schließlich ist da Bankierssohn David (Christoph Bach), ein Jungmanager, der beruflich scheitert und wieder von vorn beginnen muss.

Eine Familientragödie, die keine Illusionen lässt

Der Film lässt sich Zeit. Ganz allmählich, indem er dem Alltag der Hauptfiguren folgt, ergeben sich geplante und ungeplante Zusammentreffen, werden verborgene Beziehungen enthüllt. So wird nach und nach sichtbar, wie die Schicksale zusammenhängen: Anna ist die Tochter von Judith und erfährt erst jetzt, dass ihre Mutter eine verurteilte Verbrecherin ist. Jan und David haben beide bei dem Banküberfall ihre Väter verloren – der eine war Wachmann, der andere Bankdirektor. Jan kann nicht hinnehmen, dass die Frau, die den Tod seines Vaters verursacht hat, auf freiem Fuß ist. Und er trifft eine düstere Entscheidung ...

Mütter, die nicht perfekt und Väter, die abwesend sind

Kaum zu glauben, dass es sich bei diesem Drama um ein Erstlingswerk handelt: Henning erzählt seinen Stoff in atmosphärisch dichten Bildern, nach einem genau kalkulierten Drehbuch, mit ausgezeichneten Schauspielern. Ein Wohlfühlfilm ist „Kaltfront“ nicht. Sondern eine Familientragödie, kitschfrei, illusionslos. Umso mutiger von der ARD, ihn zur Hauptsendezeit auszustrahlen, in einer Maiwoche, die von Vater- und Muttertag geprägt ist. Ein Happy End ist nicht zu erwarten. Die Spannung darüber, was damals wirklich passiert ist, hält bis zum fulminanten Schluss – und darüber hinaus. „Kaltfront“ ist ein Film mit Tiefenwirkung.

Fazit: Ein grandios erzähltes Drama über fehlbare Mütter, Kinder, die nicht erwachsen werden können und über abwesende Väter.

Mittwoch, 4. Mai, 20.15 Uhr, ARD: „Kaltfront“