Fernsehen

Joachim Król wünscht sich mehr relevantes Fernsehen

Serienfiguren liegen ihm auf Dauer nicht. Lieber macht der Schauspieler Filme, die etwas zu sagen haben. Aber er steht auch zu seinen Fehlern.

Kann ganz gut damit leben, als Volksschauspieler bezeichnet zu werden: Joachim Król

Kann ganz gut damit leben, als Volksschauspieler bezeichnet zu werden: Joachim Król

Foto: Reto Klar

Joachim Król wirkt sehr aufgeräumt. Das hat erst mal ganz persönliche Gründe. Er ist gerade umgezogen. Und er hat die Gelegenheit genutzt, um sich von ganz viel Ballast zu trennen. Auch kistenweise Bücher. Seine Frau fand das erst ganz schrecklich, aber er meint, dass das wunderbar entschlacke. Er ist aber auch sonst ganz gut gelaunt, weil er mit seinem neuen Fernsehfilm „Der Bankraub“, der am 9. Mai im ZDF ausgestrahlt wird, einen Film gedreht hat, den er „relevant“ findet. Und von dem es, wie er findet, derzeit viel zu wenig im hiesigen Fernsehen gibt. Wir trafen den Schauspieler, der in Köln lebt, im ZDF-Hauptstadtstudio Unter den Linden.

Berliner Morgenpost: Herr Król, haben Sie an Ihre Altersvorsorge gedacht?

Joachim Król: Könnte besser sein, aber: Ja. Ich bin relativ spät eingestiegen, aber ich habe eine vernünftige Frau an meiner Seite, die das in die Hand genommen hat.

Wir fragen natürlich, weil Sie in „Der Bankraub“ einen Anleger spielen, der durch die Bankenkrise um seine Ersparnisse gebracht wird. Ist es nicht seltsam, dass alle Filme über die Krise, „Margin Call“, „Wolf of Wall Street“, „The Big Short“, bisher immer nur von den Bankern handelte, aber nie von den Opfern?

Ja, das ist schon merkwürdig. Und was bleibt denn als Eindruck bei „Wolf of Wall Street“? Dass diese Banktypen doch letztlich ganz sympathisch rüberkommen. Von ihren Opfern hat man nichts gesehen. Das wird dem Thema nicht gerecht. Da sind wir mit unserem kleineren Film aufrechter, vielleicht auch relevanter. Dabei hat unser Autor letztlich einen ganz simplen Trick angewendet. Wir erzählen zwei Geschichten. Hier der Sohn, der bei einer Bank in New York Karriere macht und Teil dieser Maschinerie ist, da der Vater, der von seinem Bankberater über den Tisch gezogen wird. Bei der Arbeit an der Rolle ist übrigens etwas Merkwürdiges passiert.

Nämlich?

Ich schaue beim Dreh selten auf den Monitor, um zu sehen, was aufgenommen wurde. Aber irgendwann stand ich doch mal neben unserem Regisseur Urs Egger und schaute mir die letzten Takes an. Und sehe: meinen Vater! Ich bin richtig zusammengezuckt. Er muss während der Arbeit in mich „reingeschlüpft“sein. Ich hatte mir im Vorfeld viele Gedanken über die äußere Erscheinung der Figur gemacht. Und plötzlich dieser Bart, die Haltung, sogar Kostüm und Details wie diese Aktentasche. Und es machte alles Sinn.

Was beschäftigt Sie im Rückblick am meisten an der Finanzkrise?

Kann man denn schon von Rückblick sprechen? Was mich am meisten fasziniert, ist diese Verzahnung eines privatwirtschaftlichen Desasters mit der Politik. Wenn ich als Mittelständler misswirtschafte, gehe ich Pleite und muss Konkurs anmelden. Wenn die Banken sowas tun, in unglaublichen Ausmaßen, greift man ihnen unter die Arme, mit den Geldern des Steuerzahlers. Das verstehe ich bis heute nicht. Vielleicht kann man in den kommenden Wahlkämpfen ja nochmal nach fragen.

Es gibt seitdem neue Richtlinien bei der Anlageberatung. Glauben Sie, dass das etwas bringt? Ist das System sicherer?

Tests von Verbraucherschutzorganisationen haben ergeben, dass das nach wie vor dünnes Eis ist. Da hat sich leider nicht viel geändert. Die Anlageberater sind erst mal ihrem Unternehmen verpflichtet und dann sich selber, nicht dem Kunden. Schon gar nicht ihrem Gewissen. Deshalb ist mir dieser Film so wichtig. Das ist für mich relevantes Fernsehen.

Was verstehen Sie darunter?

Es gibt „gelerntes Fernsehen“, das man an gewissen Wochentagen um 20:15 anschaltet. Und das ist auch gut so. Da findet man mich ja auch. Aber ich wünsche mir mehr Produktionen wie „Bankraub“, die den Zuschauer, natürlich auch mit den Mitteln der Unterhaltung, für wichtige und brisante Themen interessieren.Und mit einer Besetzung wie bei „Bankraub“ kann man sicher auch damit Quoten machen.

Die waren jüngst bei TV-Prestigeprojekten wie „Deutschland ‘83“ oder dem Dreiteiler über die NSU verheerend.

Ich hatte kurz davor den anderen Zschäpe-Film „Letzte Ausfahrt Gera“, da waren wir über die Resonanz auch enttäuscht. Aber wir wünschen uns ja alle weniger Blicke durch die Quotenbrille. Es gibt ja, zumindest bei den Öffentlich-Rechtlichen, auch noch den Kulturauftrag. Als Schauspieler darf ich die Unterhaltung nicht aus den Augen verlieren, das kann ich mir nicht leisten. Aber ich finde schon gern bei solchen Produktionen statt.

In der Pressemappe zu diesem Film nennt Sie das ZDF einen Volksschauspieler. Schmeichelt das, oder haben Sie mit dem Begriff Schwierigkeiten?

Das erste Mal habe ich das 1996 von NicoHofmann gehört, als wir das Remake von „Es geschah am helllichten Tage“ drehten. Ist also schon eine Weile her. Das hatte natürlich damit zu tun, dass ich eine Rolle übernommen habe, die ursprünglich Heinz Rühmann gespielt hatte. Warum sollte ich mit diesem Begriff Schwierigkeiten haben? Es impliziert doch erst mal, dass mich viele Zuschauer sehen wollen. Wir haben mit „Der bewegte Mann“ etliche Millionen Zuschauer ins Kino gelockt. Und die begleiten mich, die werden mit mir älter, bleiben mir in gewisser Weise treu. In diesen Momenten, in dem ich ahne, dass mich jemand auf meine Arbeit ansprechen wird, frage ich mich häufig: „Von welchem Film wird er jetzt wohl sprechen?“ Und dann höre ich Sachen wie: „Wissen Sie eigentlich, dass ich nach Inari gefahren bin, um meiner Frau einen Heiratsantrag zu machen?“ Mit „Zugvögel... einmal nach Inari“ haben wir tatsächlich einen kleinen Tourismusboom für romantische Geister kreiert. Vielleicht verbinden meine Zuschauer hier und da mehr mit mir als die Erinnerung an ein Filmerlebnis.

Ihre größte Popularität hatten Sie als „Tatort“-Kommissar in Frankfurt. Wieso haben Sie da eigentlich aufgehört? Sie hatten doch die besten Kritiken.

Ja, das hat für eine gewisse Zeit hervorragend funktioniert. Ein abgeschlossenes Sammelgebiet. Tempi passati.

Sie haben auch den Commissario Brunetti irgendwann aufgegeben. Sind Sie einfach kein Serientäter, der auf Dauer eine Figur spielt?

Möchte ich nicht sagen. Ich würde es durchaus noch einmal probieren. Ich habe damals den ersten „Wilsberg“ gegeben. Als das dann in Serie gehen sollte, war mir das aber zu früh. Leonard Lansink hat mir dafür schon einige Bierchen ausgegeben. Der Brunetti hat mir damals nicht gutgetan. Das hatte ganz persönliche Gründe. Ich bin jemand aus dem Ruhrgebiet. Bei „Lutter“ haben wir dann versucht, alles was bei „Brunetti“ eher weit von mir weg war, der Italiener, die Stadt usw., durch etwas zu ersetzen, das mir sehr nahe ist. Das hat hervorragend funktioniert. Aber dann kam das verführerische Angebot für den „Tatort“ aus Frankfurt. Ob ich mich heute noch mal so entscheiden würde, weiß ich nicht. Aber Stichwort Volksschauspieler: Ich habe den Wilsberg etabliert, Brunetti läuft immer noch. Und wenn ich im Ruhrgebiet bin, höre ich oft: „Warum hast du uns allein gelassen, „Lutter“? Ich treffe meine Entscheidungen leidenschaftlich. Und ich mache auch meine Fehler leidenschaftlich.

Am Vorabend zu unserem Gespräch lief noch einmal „Wir können auch anders“ als Wiederholung im Spätprogramm. Der Film, der Sie schlagartig bekannt machte. Ich habe da reingezappt und bin hängen geblieben. Geht Ihnen das mit Ihren Filmen eigentlich auch so?

Ja, das kann schon passieren. Ein kleiner Nebeneffekt dabei ist, das wir Schauspieler in solchen Momenten Zeitreisen machen können. Wenn ich „Wir können auch anders“ noch einmal sehe, fällt mir sofort ein, wie wir den ersten Geburtstag meines Sohnes am Drehort in Marienthal bei Zedenick gefeiert haben. Der heißeste Sommer des Jahrhunderts. Mit dieser Wespenplage. Und alle hatten Panik, dass dem Kleinen was passiert. Da läuft der Film weiter, und bei mir läuft parallel dazu noch ein ganz anderer Film ab.