Interview

Vermissen Sie sich auf dem Bildschirm, Herr Deppendorf?

Jahrelang kommentierte Ulrich Deppendorf politische Ereignisse, vor zwölf Monaten ging er in Rente. Ein Gespräch über das Leben danach.

Foto: Amin Akhtar

Ein Jahr ist es her, dass Ulrich Deppendorf im Fernsehen erklärte: „Das war’s für mich.“ Der Mann, der über Jahrzehnte politische Ereignisse in der ARD kommentiert hatte, der schon zum Inventar des deutschen Fernsehzuschauers gehörte, ging in Rente. In Berlin ist er aber geblieben, er lebt in Charlottenburg. Dort haben wir ihn auch getroffen und über sein Leben danach gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Deppendorf, vermissen Sie sich auf dem Bildschirm?

Ulrich Deppendorf: Nein.

Wie war der 19. April 2015, der Tag Ihrer letzten Sendung?

Relativ geräuschlos. Ich habe nur gesagt: „Das war’s für heute. Das war’s für mich.“ Es gab eine wunderschöne Abschiedsfeier im Studio. Das ging mir sehr nahe.

Mischen Sie sich noch ein?

Nein, mit dem 19. April, der letzten Sendung, war Ende. Ich habe dann immer gesagt: „Opi kommt nicht mehr ins Studio.“

Gibt es einen Reflex, dass Sie zu Hause vor dem Fernseher etwas kommentieren wollen?

Wenn man diesen Job so lange gemacht hat, schaltet man nicht gleich mit der Pensionierung ab. Ich springe aber nicht mehr gleich auf und sage, ich muss auf Sendung. Trotzdem gibt es immer mal wieder Punkte, wo man sagt, das war prima, oder man sich auch ärgert.

Hat Sie denn etwas geärgert seit Ihrem Abgang?

Dass wir Dokumentationen so spät senden. Gerade die tolle Nummer mit den Panama-Papers – da haben wir die Dokumentation erst spät abends gezeigt. Das ist verschenkt.

War das Loslassen schwierig?

In den ersten Wochen ja. Es war schwierig, nicht mehr ins Hauptstadtstudio zu fahren. Aber ich hatte vielleicht eine Art Vorbereitungszeit. Dadurch, dass ich ein halbes Jahr ausgesetzt hatte. Ich hatte ja einen Schlaganfall gehabt.

2014, während eines Urlaubs auf Mallorca.

In der Zeit danach konnte ich mich schon ein bisschen daran gewöhnen, wie das ist, nicht unter Stress zu stehen.

Wie halten Sie sich fit?

Seit dem Schlaganfall mache ich Nordic Walking. Um den Lietzensee herum. Die zweite Runde jogge ich dann.

Wie findet es Ihre Frau, dass sie Sie abends zu Hause sieht?

Ungewohnt. Das ist ein Prozess, da muss man sich langsam daran gewöhnen. Auf der einen Seite findet sie es schön, dass wir viel zusammen sind, auf der anderen Seite sagt sie auch: Jetzt muss ich mal an den PC. Das ist ein Geben und Nehmen, das man austarieren muss.

Lernt man sich da neu kennen?

Wir sind sehr lange verheiratet, 35 Jahre, da lernt man sich nicht neu kennen.

War der Schlaganfall der Auslöser, dass Sie mit 65 in Rente gegangen sind?

Nein, das ging nicht anders. Außer bei Intendanten ist das Berufsleben als Festangestellter mit 65 in der ARD zu Ende.

Und wollten Sie sich nicht noch mal in das Intendanten-Karussell beim RBB einreihen? Einmal hatten Sie sich da ja schon beworben.

Nein, die Erfahrung muss ich kein zweites Mal machen.

Sie sind in Berlin geblieben, warum?

Die Familie meiner Mutter kam aus Berlin. Schon als kleiner Junge war ich ständig hier. Dann wurde die Mauer gebaut, damals bin ich mit meinem Onkel zum Checkpoint Charlie gefahren. Als die Mauer fiel, war ich mit Helmut Kohl in Warschau. Nachts sind wir dann rüber nach Berlin. Mit Fritz Pleitgen, Jürgen Engert und Achim Trenkner haben wir vier die ganzen Brennpunkte und Sondersendungen zur Wende gemacht. Mich hat Berlin immer fasziniert.

Sie leben in Charlottenburg. Man sieht Sie dort öfter. Werden Sie angesprochen?

Ja, dafür war man vielleicht ein bisschen zu lange auf dem Schirm. Vor kurzem wurde ich sogar in einem Lokal in Südafrika angesprochen.

Haben Sie noch mit der Politik zu tun?

Ich bin mit Politikern essen gegangen, so wie früher, als man Hintergrundgespräche geführt hat. Außerdem habe ich Veranstaltungen moderiert: 90 Minuten mit Ursula von der Leyen in Passau über Verteidigungs- und Außenpolitik. Mit Frank-Walter Steinmeier habe ich drei Veranstaltungen gemacht, da haben nur wir beide über Außenpolitik geredet. Dann war ich mit Egon Bahr auf seiner letzten Reise in Moskau. Da ging es um Russland, Putin und Europa. Tja also, ich kann nicht klagen: Ich halte Vorträge, gehe an Universitäten. Gestern Abend war ich beim Aspen Institute in Berlin und habe dort mit dem alten Kollegen Rüdiger Lentz, wir waren ja WDR-Kollegen, über Berliner Politik und Journalismus gesprochen.

Was interessiert Sie heute mehr – das Integrationsgesetz, der Fall Böhmermann oder das Ausscheiden von Borussia Dortmund in der Europa League?

Selbst als Schalke-Fan habe ich Mitleid mit Borussia Dortmund. Bei der Integration muss sicher noch mehr gemacht werden. Noch mehr Gelder müssen fließen, mehr in Bildung investiert werden. Böhmermann ist ein spezieller Fall. Das Wort „Staatsaffäre“ halte ich für übertrieben. Staatsaffären haben für mich einen anderen Charakter, beispielsweise, wenn ein Staat durch Handlungen seiner Politiker in seinem Bestand gefährdet ist. Oder wenn Politiker oder Parteien Recht verletzen. Das sind für mich Staatsaffären, aber nicht das Gedicht eines etwas nach Aufmerksamkeit heischenden Herrn Böhmermanns. Die Erregungspotentiale haben zugenommen. Ob das immer zum Wohle der Politik ist, da habe ich langsam meine Zweifel.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit der Türkei?

Es bleibt nichts anderes übrig, um die Flüchtlingsströme in den Griff zu kriegen. Man hat sich damit aber einem umstrittenen Staatsmann mehr oder weniger ausgeliefert. Auf der anderen Seite muss man Erdogan und auch die Türkei verstehen. Die Türkei wollte jahrelang in die EU, und die EU hat das mehr oder weniger auf die lange Bank geschoben. Dann muss man sich nicht wundern, wenn die Türkei jetzt auch was sehen will. Hier sind jahrzehntelang große Fehler gemacht worden. Aber mich beschäftigt eine ganz andere Frage viel mehr: Was machen wir mit dem afrikanischen Kontinent? Denn dort warten ja auch sehr viele, die der Armut und den politischen Verhältnissen entfliehen wollen.

Was müsste gemacht werden?

Eine bessere Handelspolitik. Man hat jahrelang den afrikanischen Kontinent mehr oder weniger ausgebeutet. Und man hat ihnen nicht die Handelserleichterungen gegeben, die man selber von Afrika für uns verlangt hat. Die Entwicklungspolitik muss weiter intensiviert werden, mit den Staatenführern noch enger zusammen gearbeitet werden, um so eine Art von good gouvernance zu etablieren. Es gibt ja Staaten, mit denen das sehr gut läuft, wie Botswana.

Und Europa? Wie sehen Sie die Entwicklung hier?

Ziemlich desaströs. Es zeigt sich, dass es eine wirtschaftliche, aber leider keine politische Union ist. Die Idee der Nationalstaaten wird von Populisten ausgenutzt. Das ist eine große Gefahr: Wenn Europa sich zersplittert, wird es in der Welt nicht mehr die Rolle spielen, die es vielleicht eines Tages spielen sollte. Ich glaube auch, dass die Gefahr von kriegerischen Auseinandersetzungen wieder steigt.

Innerhalb von Europa?

Innerhalb und um Europa herum. Ich bin 1950 geboren, ich lebe jetzt seit 65 Jahren in Zentraleuropa im Frieden. Wenn die politischen Kö-pfe oder Rechtspopulisten in der Bevölkerung das aufgeben wollen, sehe ich da schon eine Gefahr. Ich hoffe sehr, dass man sich besinnt. Natürlich werden die Nationalidentitäten bleiben, aber wir müssen mehr auf eine politische Union hinarbeiten, sonst wird eines Tages dieses Europa zerbröseln. Es sind Fehler gemacht worden, auch im Verhältnis zu Russland. Putins Annexion der Krim war völkerrechtswidrig. Er hat im Moment nur eines im Sinn: Die Ukraine zu destabilisieren – und Europa auch ein bisschen. Auf der anderen Seite hat man seine Signale einer Zusammenarbeit zwischen dem russischen und dem europäischen Raum, die er 2007 bei der Sicherheitskonferenz in München und im Deutschen Bundestag gegeben hat, einfach ignoriert. Ein Fehler waren auch die Truppenverlagerungen in die baltischen Staaten. Das mussten die Russen, wenn man die Geschichte dieses Landes kennt, als Bedrohung empfinden.

Wie sehen Sie die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens?

Noch mehr in die Information investieren. Und in gut gemachte Fernsehfilme wie „Weißensee“. Ich sehe die Zukunft nicht unbedingt in allen möglichen Unterhaltungsformaten. Ich wünschte mir etwas mehr Mut, auch mal um 20.15 Uhr Dokumentationen zu senden. Das Programm hier und da etwas überraschender zu machen.

Haben Sie mit 65 Bilanz gezogen? Manches vielleicht gern anders gemacht?

Mein Vater wollte, dass ich so werde wie er: Vorstand in einem Industrieunternehmen. Aber ich wollte schon als Schüler Journalist werden. Als Volontär hätte ich mir natürlich nicht vorstellen können, dass ich den schönsten Job in der ARD bekomme: als Leiter des Hauptstadtstudios. Man ist dort sehr sehr frei. Das Hauptstadtstudio ist ein ganz eigenes Gebilde. Im Prinzip ein kleines Funkhaus, man hat auch nicht so viele Gremiensitzungen wie sonst in den Sendern. Von daher finde ich keinen Punkt, wo ich einen Fehler gemacht habe.

Ihre Nachfolgerin ist eine Frau, Tina Hassel. Beim RBB folgt auf Dagmar Reim nun Patricia Schlesinger.

Das ist der ganz natürliche Weg. In den letzten Jahrzehnten sind ja immer mehr Frauen in dieses Medium eingestiegen. Dass aus diesem Reservoir dann eines Tages Führungskräfte werden, ist ganz normal und richtig. Patricia Schlesinger ist eine exzellente Kollegin, sie hat eine tolle Arbeit beim Norddeutschen Rundfunk gemacht. Sie leitete dort Dokumentation und Zeitgeschichte. Man kann den RBB nur zu der Wahl beglückwünschen.

Welchen Tipp würden Sie heute jungen Journalisten geben?

Geht noch mehr raus. Ich glaube, eine der großen Aufgaben wird sein, noch genauer hinzuschauen, noch genauer Entwicklungen aufzuspüren, vielleicht aus dem elitären Kreis der Journalisten herauszugehen.

Was heißt „elitärer Kreis“?

Ich sehe das auch bei vielen Kollegen: Vor lauter Druck kommen die gar nicht mehr raus. Wir müssen wieder neugieriger auf Themen werden. Ich glaube, das, was zum Teil zu dieser Pegida-Bewegung geführt hat, hätten wir als Journalisten vielleicht mal früher aufgreifen müssen: Unzufriedenheit, das Grummeln unten, was geht da schief? Pegida selber finde ich grässlich. Aber wir als Journalisten müssen wieder ein bisschen so ein Sensorium dafür bekommen, was da so ist neben der großen Politik. Was beschäftigt die Leute wirklich?Das ist mein Rat an die Redaktionen: Schickt die Journalisten raus.