TV-Kritik

„ZDFzeit“-Doku zeigt: Deutschland ist korrupter als gedacht

Nach den „Panama Papers“ fragt das ZDF nach der Korruption in der Bundesrepublik. Die ist vor allem in einer Branche weit verbreitet.

In den vergangenen fünf Jahren flossen laut BKA im Schnitt jährlich rund 130 Millionen Euro Bestechungsgelder in Deutschland.

In den vergangenen fünf Jahren flossen laut BKA im Schnitt jährlich rund 130 Millionen Euro Bestechungsgelder in Deutschland.

Foto: Gero Breloer / ZDF und Gero Breloer

Berlin.  Deutschland, eine Bananenrepublik, in der eben die eine Hand die andere wäscht? Das Fazit der Sendung „ZDFzeit“ könnte der Zuschauer auch falsch verstehen, als Empfehlung gewissermaßen: „Generell lohnt sich Korruption, weil das sogenannte Entdeckungsrisiko außerordentlich gering ist“, zitiert die Sendung am Ende eine Kriminologin. Die Sprecherin aus dem Off unterstreicht diese Aussage noch einmal: „Das Risiko ist also gering“.

Eine Handlungsanleitung ist natürlich nicht die Absicht des Films mit dem Titel „Wie korrupt ist Deutschland?“ (Dienstag, 12. April, 20.15 Uhr). Was die Filmemacher Steffen Mayer und Chris Humbs wohl mit diesem Statement nach 45 Minuten Dokumentation zeigen wollen: Der Staat ahndet Bestechung, Vorteilsannahme und Schmiergeld eher halbherzig, was wiederum dazu führt, dass die Korruption auch in der Bundesrepublik wuchert – wenn auch meist im Verborgenen.

Drei Branchen besonders betroffen

Wie sehr Korruption hierzulande verbreitet ist, versucht die Doku mit einem Test in der Baubranche nachzuweisen. Die Versuchsanordnung mit versteckter Kamera: Die Filmemacher geben sich als Firma aus, die im Auftrag eines Eigentümers nach einem Dachdecker-Unternehmen für eine aufwendige Sanierung sucht. 3000 Quadratmeter Dachfläche sollen die Handwerker erneuern, der Auftrag beläuft sich auf satte 480.000 Euro. Fünf Dachdeckerbetriebe werden vorstellig.

Bevor der Film die Lösung präsentiert, erklärt er dem Zuschauer das, was sich viele Menschen wohl auch vorher schon gedacht haben: In Deutschland wird munter geschmiert und das vor allem im Baubereich, im Dienstleistungsgewerbe und der Automobilbranche. Einen Eindruck von dem Ausmaß allerdings vermitteln erst einige Zahlen.

• Das Bundeskriminalamt (BKA) zählte im Jahr 2014 rund 20.300 Korruptionsstraftaten (kaum eine führte zu einer Verurteilung).

• Der Schaden, der dem Staat im Jahr durch Korruption entsteht, liegt nach äußerst konservativen Schätzungen des BKA bei 270 Millionen Euro. Er könnte wegen der sehr hohen Dunkelziffer sogar 10-mal so hoch sein.

• Laut dem letzten Korruptions-Index von Transparency International liegt Deutschland im weltweiten Vergleich auf Platz 12. Am wenigen korrupt ist demnach Dänemark.

Korruptionsfälle aus Münster und Frankfurt

Als Experten für die dreckigen Geschäfte in der Baubranche führt der Film den ehemaligen Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner ein. Der hatte seinerzeit in Frankfurt beobachtet, wie Ämter mit Phantombaustellen dreist abkassierten. Seine Erfahrung: „Die Bestechungssysteme funktionieren ungestört über Jahrzehnte hinweg.“ Besonders in der Baubranche. Der Film zeigt einige eindrückliche Beispiel aus Münster und Heilbronn, die offenlegen, wie systematisch Baufirmen und Mitarbeiter der Stadt Korruption betreiben. Hier wird Material abgerechnet, das gar nicht zum Einsatz kommt, dort eine Baumaschine, die nicht benötigt wird.

Dann der Test. Die angeblichen Auftraggeber versuchen die Dachdecker im Interview zu ködern. Sinngemäß: „Ich würde mich ja gerne für sie einsetzen, damit sie den Auftrag bekommen, dafür müssen sie allerdings auch etwas tun.“ Das Ergebnis: Vier von fünf Betrieben gehen nicht darauf ein. Aber das spricht im Umkehrschluss nicht für die Prinzipientreue der deutschen Handwerks-Unternehmen.

• „ZDFzeit“: „Wir korrupt ist Deutschland? – Der große Check“, Dienstag, 12. April, 20.15 Uhr

• Hier sehen Sie den Film online in der ZDF-Mediathek

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