Fernsehkritik

„Das Geheimnis der Hebamme“: Nicht jede kann Wanderhure sein

Drei Stunden Mittelalter: Die ARD lüftet „Das Geheimnis der Hebamme“ und reizt dabei jedes Klischee aus.

Durch ihre übersinnliche Gabe gerät Marthe (Ruby O. Fee, Mitte) in „Das Geheimnis der Hebamme“ immer wieder in Gefahr.

Durch ihre übersinnliche Gabe gerät Marthe (Ruby O. Fee, Mitte) in „Das Geheimnis der Hebamme“ immer wieder in Gefahr.

Foto: RD Degeto/Bavaria/Lotus-Film / ARD Degeto/Bavaria/Lotus-Film

Essen.  „Sollten wir nicht mal wieder die Klingen kreuzen?“, fragt Randolf, der ruchlose Ränkeschmied den kecken Recken Christian. Wie man halt im Jahre 1169 mit seinem Widersacher so redet. Wohlan, frohlocken wir beim Anblick von Lederwams, Breitschwert und Burghof: Das Mittelalter zieht mal wieder in unser Wohnzimmer ein. Oder das, was sich Schmonzettenschreiber und Fernsehregisseure darunter vorstellen. Aber nicht nur schwarzhaariger Schurke und blonder Held buhlen in „Das Geheimnis der Hebamme“ um die Gunst der Quote, sondern vor allem die hübsche Marthe mit ihren hellseherischen Diagnosen und heilpraktischen Kunstgriffen. Kann sich halt nicht jeder als Wanderhure durchschlagen.

Marthe (Ruby O. Fee), die wie ein scheues Reh im zerlumpten Leibchen durchs Laub der sächsischen Wälder huscht, hat die Gabe von Mama geerbt. Deren Qualitäten wussten die Nachbarn nicht zu schätzen: Sie endete als Hexe im Tümpel. Hätte sie wissen können.

Aber natürlich muss Marthe, trotz aller Gefahren aufzufliegen, ihre Fähigkeiten fortan etwa alle 20 Minuten einsetzen, unterstützt vom Schicksals-Chor, der mit orchestraler Wucht die Tonspur verstopft: Hand auflegen und gen Himmel starren, ist ihr Motto. Manchmal wird’s auch rustikal, wenn eingeschlagene Schädel geflickt oder schwärende Wunden betupft werden. Der Hofmedikus, der alles schlechter weiß, meckert freilich empört herum.

Marthe verbirgt ein Geheimnis – das weiß ihr Beschützer

In Ritter Christian (Steve Windolf), in dessen Dorf sie unterkommt, findet sie einen schneidigen Beschützer, der sich auch als Erzähler der Geschichte andient, um mit Exklusivwissen vermutete Verständnislücken zu schließen. „Ich spürte, dass sie ein Geheimnis verbarg“, verrät er. Und über seinen schnöseligen Gegenspieler (Sabin Tambrea) und Konkurrenten am Hofe des polternden Markgrafen (Franz Xaver Kroetz): „Randolf schreckte in seiner Gier nach Macht vor nichts zurück.“ Der wiederum sagt zur verschlagenen Markgräfin (Susanne Wuest): „Es reicht euch nicht, Gattin zu sein, ihr habt höhere Ziele.“ So fühlt man sich stets informiert, auch wenn man schon alles über Gut und Böse beim Blick in die Gesichter des leichenblassen Ensembles erfährt. Die fehlenden Werbepausen muss auch der RTL-Stammgast nicht fürchten, der sich ins Erste verirrt: Es gibt in drei Stunden keine Entwicklung, deren Verpassen ihn vor ein Rätsel stellen könnte.

Den Komparsen hat man wochenlanges Waschverbot verordnet

Roland Suso Richter inszeniert Sabine Eberts Historienschinken mit bescheidenem Aufwand gerade so am Scheiterhaufen vorbei. Humorfrei breitet er alle Klischees aus: Da fliegen die Knochen beim Fressgelage über die Schultern, während die Armen Gestrüpp kochen, Frauen kassieren Backpfeifen, wenn sie frech werden, es wird fleißig Blut gehustet, den Komparsen hat man wochenlanges Waschverbot verordnet. Und im Wald? Da sind, halli hallo, die Räuber.

Ohne Liebe wär die mittelalterliche „Muppet Show“ natürlich nicht komplett. Es gilt mit Drehbuchtricks den verflixten Standesunterschied zwischen Marthe und Christian zu überwinden und den hässlichen Langweiler Wiebrecht ins Jenseits zu befördern, den sie aus lauter Verzweiflung zwischendurch mal geheiratet hat, obwohl ihn nur das Vaterunser sexuell stimuliert. Kann das klappen?

Fazit: Unfreiwillig komisch. Aber Lachen ist gesund.

• Karfreitag, 25. März, ARD, um 20.15 Uhr

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