ARD-Krimi

Viel Barock, kein Pegida – So sah ein Dresdner den #Tatort

In Dresden ging am Sonntag das neue „Tatort“-Ermittlerteam an den Start. Unser Autor, ein gebürtiger Dresdner, hat gern zugeguckt.

Von Sören Kittel
Die Darsteller des Ermittlerteans des neuen „Tatort“-Krimis aus Dresden (v.l.):  Martin Brambach, Karin Hanczewski, Alwara Höfels und Jella Haase.

Die Darsteller des Ermittlerteans des neuen „Tatort“-Krimis aus Dresden (v.l.): Martin Brambach, Karin Hanczewski, Alwara Höfels und Jella Haase.

Foto: Bernd Settnik / dpa

Berlin.  Es gab einmal ein Experiment, in dem Deutsche mit einem Kugelschreiberpunkt verschiedene Städte auf einer leeren Deutschlandkarte eintragen sollten. Bei Dresden war das besonders interessant: Die meisten verorteten die sächsische Hauptstadt sehr viel weiter westlich oder nördlich. Aber Dresden liegt nun einmal in der Tat sehr, sehr weit abgeschlagen an der tschechischen Grenze und somit auf einer Deutschlandtour immer etwas abseits – und hat sich mit den Pegida-Märschen noch weiter ins Abseits gerückt.

Wie gut, dass es jetzt zumindest ein kompetentes „Tatort“-Team gibt, dass der Stadt den Glamour, junge Gesichter und einen fast weltoffenen Ruf zurückgibt, den die Stadt in ihrer Selbstzufriedenheit fast verloren hat. Der neue Dresdner „Tatort“ am Sonntagabend schaffte mit der Premierenfolge „Auf einen Schlag“ nicht nur das Kunststück, das Wort „Pegida“ vollkommen zu vermeiden, sondern setzte in seiner ironischen Beschreibung der Schlagerwelt dort an, wo die meisten Nicht-Dresdner die Sachsen ohnehin vermuten: in einer Puppenstuben-Schlagerwelt mit Barock im Hintergrund.

Die Mordgeschichte war vorhersehbar

Und deshalb war es mehr als passend, die etwas krude und vorhersehbare Mordgeschichte um den toten Homo-Schlagerstar einzuklammern mit einer fast identischen ersten und letzten Szene: Ein propperes Mädchen aus Sachsen, das irgendeinen Reim macht mit „schöne Mädchen, die auf Bäumen wachsen“ – und das ganze vor der schönsten Kulisse, die Dresden zu bieten hat: der barocke Innenhof des Zwingers.

Dass Semperoper, Hofkirche, Albertbrücke, Fürstenzug, Frauenkirche und Goldener Reiter als touristische Highlights gerade einen Steinwurf entfernt liegen – Dresdens Altstadt ist wirklich sehr klein – ließ der „Tatort“ außer Acht und eröffnet sich so die Möglichkeit, in späteren Fällen andere Gebäude ebenso prächtig in Szene zu setzen.

Wie wichtig aber das Rückwärtsgewandte für Dresdner ist, wurde in kleinen Szenen deutlich, die inhaltlich den Plot nur wenig vorantrieben, aber zumindest deutlich machten, was einige Sachsen nach wie vor umtreibt: marginalisiert zu sein, nicht mehr vorzukommen, die Witzfiguren der Nachwende zu sein.

„So biste hier frieher schon behandelt worden“

Daraus entwickelte sich ein Trotz, den ein Schlagerfan im „Tatort“ perfekt unrasiert verkörperte. Er stellte sich aufdringlich an der Absperrung zum Zwinger auf und verlangte Einlass. Die Sätze, die er sagte, waren so authentisch, dass sie jedem Dresdner wehtun mussten: „Das ist Musik fürs Volk – und das sind wir, das Volk, nicht ihr!“ lautete einer der Sätze. „So biste hier frieher schon behandelt worden“ ein anderer.

Wie der bundesdeutsche Durchschnitt und damit fast wie Fremdkörper wirkten in dieser piefigen Umgebung die drei weiblichen Ermittler. Drei junge Schauspielerinnen, die man aus „Fack ju Göthe“ und dem „Tatortreiniger“ kennt, also dem coolen Deutschland. Die Oberkommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) sowie die Polizei-Anwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase) sprachen alle kein Sächsisch und versuchten tapfer und immer wieder ehrlich verwundert über die sächsischen Ansichten, sich als Frauen im Beruf durchzusetzen. Dass die sächsische Polizei in Wirklichkeit wegen rechtskonservativer Grundhaltung schon in die Schlagzeilen geriet, wurde aufgegriffen, in dem ihr Chef, Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) ungestraft rassistische und chauvinistische Sprüche klopfen durfte.

Das „gemütliche Sachsen“

Dass er trotzdem nicht tumb und sondern gleichzeitig das „gemütliche Sachsen“ verkörperte, muss neben Brambacks routiniertem Schauspiel ebenfalls an den guten Beratern des „Tatort“-Teams gelegen haben. Schnabel will keinem etwas Böses, ist im Grunde von der Moderne ähnlich überfordert wie der unrasierte Schlagerfan, er ist nicht homophob, aber will da lieber nichts von hören – und staunte am Ende des Tages betont knuffig über Weltneuheiten wie einen echten Starbucks-Kaffee: „Cinnamon Latte – schmeckt fast wie Weihnachten, haben die da Zimt reingepackt?“

Kommissar Schnabel ist in seiner Verwirrtheit angesichts einer globalisierten Welt der beste Sachse, den sich Dresden wünschen kann. Denn er wird von seinen Kollegen mitgenommen, nicht zurückgelassen.

Dass hinter der schönen Scheinwelt von Barock und der Schunkel-Gemütlichkeit ein kaum verhohlene Brutalität herrschen kann, wurde spätestens beim Showdown deutlich. Gerade war mit der Polizeianwärterin eine der drei „Kommissar-Engel für Dresden“ für immer aus dem Drehbuch geschrieben, da stellte sich für die anderen beiden Polizistinnen die Frage nach einer Vergeltung. Ausgerechnet auf einem Elbdampfer neben der Brühlschen Terrasse mussten die beiden Frauen entscheiden, ob die Sprache der Waffe auch ihre Antwort ist.

Eine Stück heile Welt geht verloren

Dass sie das alles aushielten und die Täter nicht nach Til-Schweiger-Manier niederstreckten, war die beste Antwort auf das, was der Schlagerstar „Tina“ ganz richtig als eine „immer unübersichtlichere Welt“ beschrieb. Sie halten es aus. „Männer heiraten Männer und überall werden Moscheen gebaut und Ausländer. Da wollen die Leute wissen, dass es noch ein Eckchen gibt, wo sich nichts ändert.“

Wenn es wirklich noch Dresdner gab, die dachten, ihre Heimatstadt wäre so ein Eckchen, nur weil es auf der Landkarte als Punkt so weit abgelegen östlich und südlich liegt, dann ist ihre Zahl mit diesem „Tatort“ hoffentlich weniger geworden. Und wer noch nicht in Dresden war, dem seien die melancholischen letzten Worte von Kommissar Schnabel in diesem Tatort noch einmal in Erinnerung gerufen.

Er sagte sie mehr zu sich selbst, sinnierend, traurig, verzweifelt, dass da ein Stück heile Welt für immer verloren gegangen war. Er sprach eigentlich vom Schlager an sich, als er das sagte, aber er meinte im Grunde ganz Dresden, die Elbwiesen, das Schoss Pillnitz und die sächsische Sehnsucht nach ruhigen Dampferfahrten, als er ganz leise sächsisch sagte: „Da kann man so gut entspannen…“