„Die Stadt und die Macht“

Serie mit Anna Loos: "House of Cards" mitten in Berlin

Faszinierende Einblicke in die Niederungen der Politik: Der ARD-Sechsteiler „Die Stadt und die Macht“. Mit einer grandiosen Anna Loos.

Von Peter Zander
Von Null auf Spitzenkandidatin: Anna Loos als Susanne Kröhmer

Von Null auf Spitzenkandidatin: Anna Loos als Susanne Kröhmer

Foto: ARD / ARD/Frédéric Batier

Das sind so Sätze, die man nie sagen sollte. Als die große Koalition in Berlin zerbricht, gibt die junge Frau eigentlich nur zu bedenken, dass der neue Spitzenkandidat genau der Falsche ist, weil er für die alte Wurschtelei steht statt für einen Neuanfang. Aber dann kommt aus der hinteren Reihe so ein überheblicher Einwurf: „Wenn du’s besser weißt, mach doch.“ Kurzes Innehalten, dann die spontane Replik: „Warum nicht?“

Und schon sind wir mitten in „Die Stadt und die Macht“, dieser Serie über Politik in Berlin. Ohne jede Erfahrung, aber mit umso mehr Idealen steigt die Anwältin Susanne Kröhmer, stark und authentisch verkörpert von Anna Loos, in den Wahlkampf um das Amt des Regierenden Bürgermeisters ein.

Ganz auf Berlin zugeschnitten

Renate Künast ist ja in der Realität grandios gescheitert, diese Filmfigur wäre die erste Frau, der das gelänge. Ihr Name, der an das Berliner Aushängeschild Kurt Krömer erinnert, ist vielleicht das Einzige, was die Serie sich hätte verkneifen können.

Ansonsten aber gelingt diesem Sechsteiler, den die ARD an drei Tagen hintereinander zeigt, als erstem deutschen Format überhaupt ein faszinierender Einblick hinter die Kulissen der Macht. Irgendwas zwischen „House of Cards“ und „Borgen“, aber eben nichts Abgegucktes, nichts Geborgtes, sondern ganz auf Berliner Verhältnisse zugeschnitten.

Damit das nur gleich klarsteht: Dies ist kein Schlüsselfilm, der mit Lust Analogien zu realen Politikern zieht. Dies ist kein Erkenn-die-Anspielungen-Spiel.

Auch wenn an Originalschauplätzen wie dem Roten Rathaus gedreht wurde, auch wenn die Parteien CDP und SDU heißen, die Stadt in einem Bauskandal steckt und der von Burghart Klaußner aasig gespielte Regierende wowi-like aufs Kanzleramt schielt: Es geht hier mehr ums Allgemein-Typische.

Wie jemand mit vielen Idealen antritt. Und dann durch die harten Bandagen der Politik so glatt gebügelt wird, dass der Mensch dahinter fast verschwindet.

Alles wird in die Öffentlichkeit gedrängt

Frau Kröhmer bekommt einen Wahlmanager zur Seite, der es (von Martin Brambach grandios an der Parodie vorbeigespielt) versteht, aus jeder Schwäche eine Stärke zu machen und jedes unlautere Mittel der Gegenpartei noch zu unterbieten.

Eigentlich wollte die Anwältin ja nur Familie und Karriere unter einen Hut kriegen, aber erst als sie zur Kandidatin gekürt wird, klappt es mit der Schwangerschaft. Ein Fakt, den sie am liebsten im Privaten belassen würde, der aber von ihrem Berater publicity-trächtig ausgeschlachtet wird. Und das bleibt nicht das Einzige, das ins Öffentliche gedrängt wird.

So ganz unvorbelastet ist Frau Kröhmer politisch nämlich doch nicht. Weil ihr eigener Vater (der im deutschen Fernsehen omnipräsente Thomas Thieme) der langjährige Vorsitzende ihrer Partei ist. Und, wie man ziemlich schnell herausfindet, mitverantwortlich für den Filz in der Stadt.

Eigentlich würde die Neupolitikerin ja gern bei Null anfangen, aber punkten kann sie erst, als sie den Herrn Papa kühl kalkulierend mit ins Spiel bringt. Und das wird fortan ihr Balanceakt, sich auf ihn zu beziehen und doch von ihm zu emanzipieren.

Die Serie muss dringend fortgesetzt werden

An der Stelle flammen noch einige familiäre Dramen und unbewältigte Traumata auf, die man so höchstens bei Politdynastien der USA vermuten würde. Ohne derartige Soapelemente scheinen Serien heutzutage nicht auszukommen. Die präzise Regie von Friedemann Fromm und die geschliffenen Dialoge seines Bruders Christoph Fromm machen das aber vergessen.

Den Vergleich zu „Borgen“ muss man jedenfalls nicht scheuen. Und auch wenn die Macher nie an eine Fortsetzung dachten: Man wünscht sich sofort eine zweite Staffel. Dann nicht mehr über die Niederungen des Wahlkampfes, sondern über die Kleinkämpfe der Tagespolitik.

„Die Stadt und die Macht“ ARD 3 x 2 Doppelfolgen, 12., 13. und 14. Januar 2016, ab 20.15 Uhr