ARD-Krimi

Tatort im Doppelpack - Helene Fischer kann auch anders

Die Doppelladung Ballermann: Til Schweiger in einem actiongeladenen "Tatort"-Zweiteiler. Und Helene Fische sagt schmutzige Wörter.

Von Joachim Mischke
Cooles, schwarzes Styling: Helene Fischer als Leyla aus Odessa

Cooles, schwarzes Styling: Helene Fischer als Leyla aus Odessa

Foto: NDR/Gordon Timpen

Helene Fischer hat „ficken“ gesagt. Und dass sie „hart und grausam“ ist. Es war ganz deutlich zu hören, mit leicht slawischem Akzent auch noch, damit es zu ihrem Lebenslauf passt. Deutschlands allertollste Sängerin, als „Frischware“ für das horizontale Gewerbe in Hamburgs schmierlappigen „All you can fuck“-Etablissements in diese ­Geschichte eingeführt, entpuppt sich in „NT III“, Episode III der Nick-Tschiller-Saga, allerdings schnell als Auftragskillerin der übelsten Sorte.

Erst abknallen, dann reden, aber nur das Allernötigste, so eine soll diese Leyla aus Odessa sein. Finsterer Landdisco-Schlampen-Pony statt sonnigblonde Schlagerpop-Kaiserinnen-Mähne, in abgewetzte Lederklamotten aus dem Angela-Jolie-Actionkino-Fundus geschnürt. Das ist als Gesamt­anblick so erwartbar trashig niedlich, dass es fast schon wieder gut ist, weil man denkt: Gleich, ganz ­bestimmt, jetzt gleich reißt sie die Resterampen-Lederjacke auf und dadrunter sind sieben Kilo windmaschinentaugliches Galakleid mit Pailletten- oder Elfenstaub-Glasur und die Windmaschine geht an und sie singt ihr „Atemlos“. Und alles andere war nur ein gemeiner Traum, weil die Traumfrau Helene ­Fischer doch niemals „ficken“ sagen würde.

Nach Roland Kaiser als onkeliger Schlageronkel in einem Münster-„Tatort“ ist dieser Castingcoup mit ­Fischer in „NT III“ zu Neujahr nur konsequent. Denn schließlich ist ihr Auftritt als Gaststar neben Deutschlands allertollstem Schauspieler eine 1a-Einzahlung auf die Premium-Entertainment-Marke, die Til Schweiger als erbarmungsloser NDR-Ballermann verkörpert.

Ob Leyla Fischer für ihre verbale Ungeheuerlichkeit den Mund mit Kernseife gründlich ausgewaschen bekommt, soll unverraten bleiben. Das gängige Finale-Verpetzen ist bei den drei frischen Schweiger-Stunden, mit denen die ARD zu Jahresbeginn den „Tatort“-Hype auf neue Quotenhöhen treiben will, ohnehin nicht drin: Die Vorab­besichtigung von „Fegefeuer“, der Fortsetzung von „Der große Schmerz“, wurde Journalisten konsequent vorenthalten – die schon von seinen Kinoerfolgen bekannte Schweiger-Methode, allen möglichen Kritikern einen Nachbarn seines Zeigefingers zu zeigen. Dass der öffentlich-rechtliche NDR sich gehorsamst auf Schweigers Privatvergnügen einlässt, darf verwundern. Offenbar hatte er bei dem Sender, der „NT III“ und „NT IV“ wegen der Anschläge in Paris im November gegen Schweigers Willen aus dem Programmplan nahm, noch einen gut.

Viel Action rund um Hafen und Kiez und andere Brutstätten

Andererseits: Es ist nun auch nicht der erste Schweiger-„Tatort“, und die bisherigen Erfolgsstrickmuster – eine links reinhauen, eine rechts reinhauen und beim Durchladen tunlichst keine Miene verziehen – dürften sich in ­„Fegefeuer“ nicht komplett ändern. Und wer in einem Schweiger-„Tatort“ die intellektuelle Feinmaschigkeit eines Eric-Rohmer-Beziehungsdramas mit Pariser Bourgeoise-Schnöseln vermisst, hat den sprichwörtlichen Schuss eh nicht gehört.

Wo Nick Tschiller draufsteht, ist erneut viel Action rund um Hafen, Kiez und andere Brutstätten des Schlimmen drin. Die wurde so raffiniert inszeniert, dass man den Ehrgeiz der „NT“-Macher um den Regisseur Christian Alvart auf seine Weise beim besten Willen nicht als ­gescheitert bezeichnen kann. Auch wenn Til Schweiger verglichen mit den Muskelbergketten der Hollywood-Testosterongranate Vin Diesel nur ein hanseatisches Hühnerbrüstchen ist, das sofort losflennt, sobald es um die Familie geht. Das kennen Schweiger-Fans aus anderen Abteilungen seines Schaffens. Den Rest erledigt das Drehbuch, das in etwa dort weitermacht, wo „NT II“ endete. Firat Astan, Tschillers schlimmster Feind, ist nach wie vor im Knast.

Doch die Ruhe täuscht, klar tut sie das. Dafür sorgt neben Astans Plänen auch ein gar nicht koscherer ­Innensenator mit dem thomasmannigen Namen Constantin Nevenbrook, der offenbar seinen Bürgermeister entmachtet hat, weil er im Alleingang Teile des Hafens an ein dubioses russisches Unternehmen mit „-prom“ im Namen verkloppen kann. Für dieses Herzchen (Arnd Klawitter) haben sich die Drehbuchautoren optisch an Ex-Justizsenator Roger Kusch und bei der Wahl des Nasenpuders an Ex-Innensenator Ronald Schill erinnert, die tatsächlich mal viel im Rathaus zu sagen hatten.

Tschillers Ex-Gattin Isabella (Stefanie Stappenbeck) löst eine Kettenreaktion aus, Tschillers blonde Tochter Lenny wird erneut von Schweigers blonder Tochter Luna verkörpert. Sidekick der Herzen und für die cooleren Pointen zuständig ist und bleibt Fahri Yardim als Yalcin Gümer. Die coolscharfe Staatsanwältin dagegen ist in „NT III“ nur Randbebauung des Plots, doch das kann ja noch kommen. Die Kinderstundenmomente, damit das Tschiller-Festival familientauglich bleibt, liefern alle Szenen, in denen Gangster auftauchen, weil sie so panzerknackerkomisch besetzt sind. MC Ferris, im Hauptberuf Teil der Spaßcombo Deichkind, ist als Ledermantelrusse Aleksej Brotzki der lustigste. Obwohl er nicht „ficken“ sagt.

„Der große Schmerz“, 1. Januar, 20.15, ARD / „Fegefeuer“, 3. Januar, 20.15, ARD. Am 4. Februar kommt „Tatort: Off Duty“ in die Kinos