TV-Kritik

Das (un)geschönte Leben der „Wiener Sängerknaben“

Die Dokumentation „Die Wiener Sängerknaben“ erzählt das Leben des österreichischen Chors aus Kinder-Perspektive – aber ohne Distanz.

Von Caroline Rosales
Die Wiener Sängerknaben beim Toben in ihrem Matrosenanzug.

Die Wiener Sängerknaben beim Toben in ihrem Matrosenanzug.

Foto: ZDF/ORF/Lukas Beck

Wien.  Es passiert selten, dass man nach einer Dokumentation mehr Fragen über das Thema hat als vorher. Das ist allerdings Lukas Beck mit seinem Film „Mehrstimmig. Die Wiener Sängerknaben“ gut gelungen. Der österreichische Regisseur bekam das Privileg, den über 500 Jahre alten Knabenchor in der Leopoldstadt im zweiten Wiener Gemeindebezirk über Monate zu begleiten.

Das ist eine große Chance, bedenkt man, dass die Wiener Sängerknaben für den Großteil der Menschen außerhalb von Österreich musealen Charakter haben. Sprich: Viele wissen nicht einmal, dass es sie noch gibt. So erwartet man als Nichtinsider, als der man sich naturgemäß für eine Doku interessiert, einen informativen Einblick in das Thema und das Leben der 100 Internatsschüler als Wiener Sängerknaben, der aber auch kritische Stimmen über Themen wie strenge Erziehung, Überforderung und soziale Ungleichheit nicht ausspart.

Weibliche Fans umlagern die Kinder in Asien wie Popstars

Regisseur Lukas Beck, der irgendwann die Distanz zu seinem Thema verloren haben muss, umgeht die Kritik, indem er einen der Jungen als Sprecherstimme den kompletten Film erklären lässt und den Chor aus der Ich-Perspektive vorstellt.

Die helle Jungenstimme sagt 45 Minuten lang Sätze wie „Matrosenanzug steht jedem“ und am Ende „War die Moderation okay?“. Das ist anfangs süß, irgendwann aber auch ärgerlich, weil ein Kind nicht dieselben Fragen beantworten kann wie ein Erwachsener. Und trotzdem rührt der Film mit schönen lichtdurchfluteten Bildern von tobenden Jungs im barocken Park oder Eindrücken ihrer Tournee durch Asien, wo sie von kleinen weiblichen Fans umlagert werden. Ein Highlight ist auch, als der Präsident und musikalische Leiter der Wiener Sängerknaben, Gerald Wirth, mit den Jungs ein pakistanisches Lied singt. Er spielt dabei auf einem indischen Harmonium und singt mit so viel Freude, dass diese auf den Zuschauer übergeht.

Bilder einer glücklichen Kindheit im Internat – ohne jede Distanz

Weiter beleuchtet Beck den Alltag der 100 Wiener Sängerknaben, der mit der ersten Schulstunde um 7.30 Uhr mit Mathematik beginnt. Laptops werden aufgeklappt, alle hören gebannt dem Lehrer zu. Später in Physik ist Spaß beim Experimentieren angesagt. Um 11 Uhr ist dann schon die erste Chorstunde angesetzt. Einmal im Jahr geht es für vier Wochen auf große Tour für die Sängerknaben. In der Zeit steht keine Schule, nur Besichtigen und Singen auf dem Programm.

Dass einer der Jungs vielleicht mal keine Lust auf Schule oder den Wecker nicht gestellt hat, kommt in der Doku leider nicht vor. Auch von Heimweh sieht der Zuschauer nichts, erfährt er dafür doch, dass viele der Jungs, die aus Kanada, Japan oder Korea kommen, nicht regelmäßig in den Ferien nach Hause fahren können. Auch die Perspektive der Eltern vermisst man schmerzlich.

Fazit: Eine Dokumentation, die sich durch traumhafte Bilder, guten Schnitt und Themenauswahl auszeichnet. Die fehlende Distanz verleiht ihr allerdings leider den Charme eines Propagandafilms.

Samstag, 19. Dezember, 3Sat, um 20.15 Uhr.