Talkshow-Premiere

„Marhaba“ startet als Mutmacher-Fernsehen für Flüchtlinge

Erstmals lief im deutschen Fernsehen eine deutsch-arabische Talkshow. Ein spannendes Experiment – das allerdings noch ausbaufähig ist.

Von Walter Bau
Constantin Schreiber, Moderator von „Marhaba“ beim Sender n-tv, kennt sich im Arabischen aus.

Constantin Schreiber, Moderator von „Marhaba“ beim Sender n-tv, kennt sich im Arabischen aus.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin.  Als Marah mit ihren Eltern aus Syrien nach Deutschland kam, so erzählt sie, habe sie das „nicht als Flucht, sondern als Schritt in ein neues Leben“ betrachtet. Doch der Realitätsschock war enorm; die fremde Kultur, die neue Sprache. Schon bald, so erinnert sich die heute 16-Jährige, habe sie sich zurückgesehnt nach Syrien, „weil ich hier überhaupt nichts verstanden habe“. Doch Marah blieb, heute geht sie in Berlin zur Schule, macht ein Praktikum in einer Zeitungsredaktion.

Die Sprache als Schlüssel zur Integration – so sieht man es auch beim Nachrichtensender n-tv. Mit „Marhaba“ – Ankommen in Deutschland“ produziert n-tv die „erste deutsch-arabische Talkshow“, wie es in der Eigenwerbung heißt. Moderiert von Constantin Schreiber, abwechselnd in Deutsch und Arabisch, lief „Marhaba“ bisher einige Male im Internet. Am Donnerstag ging die Sendung erstmals in 40-minütiger Länge über den Sender.

Moderator Schreiber vermittelt einen souveränen Eindruck

„Wir möchten ein Zeichen setzen, dass auch wir als Medienmacher uns der Verantwortung bewusst sind, Brücken zu bauen, um Diskussionen zu führen und damit ein friedliches Miteinander zu ermöglichen“, beschreibt Schreiber seinen Ansatz. Der 36-Jährige selbst spricht fließend Arabisch, er arbeitete lange in der arabischen Welt und moderiert eine Sendung im ägyptischen Fernsehen. Schreiber, ein neues, unverbrauchtes Gesicht im deutschen Fernsehen, vermittelt als Moderator einen souveränen, uneitlen Eindruck.

„Marhaba“ (Arabisch für „Hallo“) ist nicht der einzige Versuch, Flüchtlinge aus arabischen Ländern über deutsche Medien zu erreichen. So übersetzt die ARD schon ihre „Tagesschau in 100 Sekunden“ auf Arabisch. Auch die Sendung mit der Maus gibt es auf Arabisch. Die Deutsche Welle baut ihren arabischsprachigen Ableger DW Arabia zum Flüchtlingssender aus, er ist seit kurzem über Satellit auch in Deutschland empfangbar. Im Rundfunk bietet der NDR zusammen mit dem Funkhaus Europa täglich das „Refugee Radio“ auf Arabisch, beim SWR läuft ein ähnliches Projekt, allerdings bisher nur per Internet.

Aus dem Iran nach Deutschland

Bei der TV-Premiere von „Marhaba“, aufgezeichnet in der Sehitlik-Moschee, Berlins größtem muslimischen Bethaus, lässt Schreiber Betroffene zu Wort kommen. Neben der syrischen Schülerin Marah etwa Yasmin Taylor, die vor 30 Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam, hier ein Reisebüro aufbaute und gerade eine afghanische Flüchtlingsfamilie bei sich aufnahm.

Oder Wana Limar. Sie kam 1990 als kleines Kind aus Afghanistan hierher und macht inzwischen als Moderatorin beim Musiksender MTV Karriere. Sie erzählt, wie ihre Familie in den ersten fünf Jahren faktisch ohne Kontakt zu Deutschen in einem Asylbewerberheim in Hamburg lebte; das änderte sich erst, als sie in die Grundschule kam. „Kontakt ist wichtig“, sagt Wana Limar, „sobald die Kulturen sich vermischen, gelingt Integration.“

„Es findet noch keine Annäherung statt“

Es sind Geschichten, die Mut machen sollen. Und das ist genau der Ansatz der „Marhaba“-Macher: Integration, so zieht es sich durch fast die ganze Sendung, kann gelingen, wenn man sich bewegt, aufeinander zu geht. Das Problem mit den Flüchtlingen: „Medial erreichen wir die Menschen nocht nicht“, so Schreiber, „es findet keine Annäherung statt.“ Seine zweisprachige Sendung soll einen Weg aufzeigen, wie Annäherung zu schaffen ist.

„Marhaba“ ist ein medialer Versuchsballon. Manches wirkt noch unentschlossen, etwa der kurze Einspiel-Film über die Zustände bei der Berliner Flüchtlingsregistierungsstelle Lageso. Weitgehend überflüssig war das Doppelinterview mit den Bundestagsabgeordneten Patrick Sensburg (CDU) und dem Grünen Hans-Christian Ströbele. Sensburg wusste beizutragen, „Integration ist ein Prozess“; und Ströbele lobte sich selbst, weil er „einen Karton Grundgesetze in arabischer Sprache bestellt“ hat, um sie an Flüchtlinge zu verteilen.

Erschrocken über rechte Parolen im Internet

Moderator Schreiber, der Mutmacher, hat schnell erkennen müssen, dass eine den Flüchtlingen zugewandte Berichterstattung längst nicht nur Beifall findet. Seit den islamistischen Anschlägen von Paris ist die Zahl der Hass-Kommentare im Internet über ihn und seine Sendung deutlich gestiegen. Er sei „erschrocken, was da an rechten Parolen gepostet wurde“, berichtet Schreiber. So hat auch der Moderator seinen Realitätsschock.

Hier die komplette Sendung bei n-tv.