DDR

ARD-Doku zeigt, wie Stasi-Agenten ihre Schule heute bewerten

Die gelungene ARD-Doku „Was wurde aus der Stasi?“ fragt nach der Schuld der DDR-Spitzel und lässt diese auch späte Reue zeigen.

Von Felix Müller
Unzählige Akten erzählen über die geheimen Machenschaften der Stasi. Eine ARD-Doku hat ehemalige Spitzel aus DDR-Zeiten zu Wort kommen lassen, wie sie ihre Arbeit von damals bewerten.

Unzählige Akten erzählen über die geheimen Machenschaften der Stasi. Eine ARD-Doku hat ehemalige Spitzel aus DDR-Zeiten zu Wort kommen lassen, wie sie ihre Arbeit von damals bewerten.

Foto: imago stock&people

Gera.  Michael Trostorff wohnt nicht mehr in Gera. Einige Zeit nach der Wende ist er in ein kleines thüringisches Dorf gezogen. Er sei ein sportbegeisterter Mensch. Er sehe sich viel im Fernsehen an. Aber etwas sei heute anders. Früher, da habe er mit den Athleten aus der DDR mitgefiebert und sich für ihre Erfolge gefreut. Heute sei es ihm oft egal, wer da gewinne. Manchmal wünsche er sich sogar eine Niederlage der deutschen Sportler.

Waren die Stasi-Mitarbeiter aktive Täter oder nur Ausführende?

Trostorff war der letzte Leiter der Stasi-Bezirksverwaltung von Gera. Damit war er einer von 100 000 hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit, die ihre Mitbürger überwachten, durchleuchteten oder drangsalierten. Wie viele andere sagt auch er, er sei nie richtig angekommen im wiedervereinigten Deutschland. Aber wenn er in sich hineinlauscht, könne er keine Schuldgefühle entdecken.

Jan N. Lorenzen und Michael Bluhm hätten für ihre sehenswerte Dokumentation viele Zugriffe auf die Frage wählen können, was aus der verhassten Geheimpolizei des sozialistischen Teilstaats wurde. Seit Jahrzehnten sind die Akten der Stasi-Unterlagenbehörde einsehbar. Man könnte mit dem Material mehrere abendfüllende Spielfilme bestreiten.

Frage im Zentrum: Wie gehen Täter mit ihrer Schuld um?

Sehenswert macht diese 45-minütige Dokumentation, dass sie sich nicht mit Zahlen und Fakten überlädt, sondern eine simple Frage in ihren Mittelpunkt stellt: Wie geht man als Täter mit seiner Schuld um? Anhand von mehreren ehemaligen Mitarbeitern der Stasi, die man sonst selten in der Öffentlichkeit sieht, werden ganz unterschiedliche Strategien erkennbar.

Michael Trostorff zählt zu jenen, die schon mit dem Begriff des Täters ihre Schwierigkeiten haben dürften. Viele ehemalige Mitarbeiter der Stasi berufen sich auf die Bilanz der juristischen Auseinandersetzung mit dem Thema: Auf 30 .000 geführte Prozesse kamen etwa 20 Verurteilungen. War alles also nicht so schlimm? Wer so argumentiert, der unterschlägt, dass die Gerichte wegen des Rückwirkungsverbots das seinerzeit geltende Recht der DDR anwenden mussten.

Bitterkeit, Revisionismus – und zwischendurch auch: Reue

Frank Heymann, der ebenfalls für die Stasi arbeitete, bezweifelt heute, „dass es im umgekehrten Fall genauso gelaufen wäre“. 25 Jahre danach zählt er nicht zu jenen, die sich in Bitterkeit und Revisionismus flüchten. Er sagt, die DDR sei „zu Recht gescheitert“. Er steht in einem Stasi-Museum. Geruchsproben werden gezeigt: kleine Lappen, mit denen Spürhunde Oppositionelle in Menschenansammlungen ausfindig machen sollten. Heymann sagt: „Das war doch krank.“

Der Film findet weitere ehemalige Stasi-Leute, die es ähnlich sehen, die Gefühle von Scham und Reue äußern. Gewiss: Das kommt zu spät, und die Opfer der Bespitzelung wird das kaum trösten. Aber es gibt keine gesunde Alternative dazu.

Fazit: Sehenswerte Dokumentation, die die Menschen hinter dem System der Überwachung in den Mittelpunkt stellt.

• Montag, 9. November, ARD, 23.30 Uhr: „Was wurde aus der Stasi?“