„Schlag den Raab“

Amtsmüder Stefan Raab gewinnt seine vorletzte Show

Sieg in der vorletzten Ausgabe: Stefan Raab gewinnt gegen einen farblosen Gegner und wirkt amtsmüde. Nur bei einem Spiel dreht er auf.

Stefan Raab hat die vorletzte Ausgabe seiner Show gewonnen. Im Jackpot sind jetzt 1,5 Millionen Euro.

Stefan Raab hat die vorletzte Ausgabe seiner Show gewonnen. Im Jackpot sind jetzt 1,5 Millionen Euro.

Foto: Willi Weber / obs

Sie dümpelt so dahin, die vorletzte Ausgabe von Schlag den Raab. Eine Sendung noch, dann wird sich der Entertainer aus dem Showgeschäft zurückziehen – und ein wenig amtsmüde scheint er schon geworden zu sein. Bis er zwei Räder unter den Hintern bekommt.

Der Raab

Sie loben und lobhudeln ihn, dass es wirklich peinlich ist: Der Tausendsassa von Prosieben, das Kampfschwein, er macht jeden Gegner fertig. Ja, ist ja gut. Ein Bewerber, ein Gerontologe, wird doch tatsächlich gefragt, wie er das Phänomen Raab erklären könne. Und von einer Joghurt-Unternehmerin will Steven Gätjen wissen, welche Frozen-Yoghurt-Sorte Raab sei. Und gibt sich und der Fernsehnation selbst die Antwort: „Ganz, ganz süß.“ Kommentator Frank „Buschi“ Buschmann stimmt mit bebender Stimme ein in den Verehrungsreigen: „Du unterschätzt den Kerl so leicht!“ Ob ihn all die Schleimerei umstimmen soll? Prosieben scheint wirklich zu zittern vor der Post-Raab-Ära.

Sein übliches Verhalten legt Raab natürlich auch hier an den Tag. Er hört den Instruktionen nicht zu und fragt dann später genau danach. Er scharwenzelt um die Spielgeräte herum als könnte er sie mit den Augen durchleuchten, riecht an einem Sparschwein, in das er eine Münze werfen soll. Was er natürlich auf Anhieb schafft. Der alte Ehrgeiz ist noch da – nur brennt Raab nicht mehr so wie früher. Was ihn nicht davon abhält, souverän zu siegen.

Der Kandidat

Brennen, das tut auch Markus, 32, Feinwerkmechaniker aus Pöcking an der Donau nicht. Er betreibt Bogenschießen, stellt seine Pfeile selbst her, spielt außerdem Brettspiele und Fußball – eine Zeitlang zusammen mit Bastian Schweinsteiger. Das stellt er beim Schießen an die Tor-Latte unter Beweis. Typ nett und brav, ruhig und überlegt.

Und das ist sein Problem. Er greift nicht an, er will den Sieg nicht um jeden Preis. Sein Gegner stöhnt und ächzt und schwitzt und schnauft – Markus bleibt ruhig, überlegt, wartet ab, geht auf Nummer sicher. Von der ganzen raab’schen Emotionalität hätte sich Markus gut ein Scheibchen abschneiden können. Erst spät macht er Punkte und bis dahin dümpelt die Sendung so dahin.

Der Höhepunkt

Ein Segway zum Sitzen heißt „Freee“. Man steuert es durch Verlagerung des Körpergewichts. Und hier sorgt die vorletzte „Schlag den Raab“-Folge endlich für allerbeste Unterhaltung: Stefan Raab pfeift aufs Gewinnen und lässt das Kind im Manne raus. Gätjen und Show-Mitarbeiter erklären noch das Konzept und raten dringend dazu, langsam zu fahren, als Raab schon hin und her saust. Bereits in der Proberunde donnert er an die Wand – Freee kaputt. „Ich hab’s ein paar Mal gesagt“, sagt Gätjen, aber offensichtlich machen Raab die Dinger viel zu viel Spaß, als dass er sie nach Vorschrift bedienen wollte. In der ersten Runde gibt er wieder Vollgas, versucht um eine enge Kurve zu rutschen und legt sich auf den Rücken.

Moderator und Kommentator überbieten sich derweil mit Beteuerungen, dass das ja wohl das krasseste und überhaupt noch nie gesehenste Verhalten aller Zeiten sei, „Oh mein Gott“, „unglaublich“, „grotesk“. Raab lässt sich nicht beirren und fährt weiter wie ein Henker, verliert jede Runde, hat aber Spaß. Auch ein härterer Sturz, bei der das Gefährt ohne ihn über ihn fährt und Raab schließlich unters Kinn knallt, kann ihn nicht bremsen. Zwischenzeitlich steckt er auch den sonst so farblosen Kandidaten Markus mit seinem Fahrspaß an. Wie das Freee unter Raab bockt wie eine Rodeobulle und er verzweifelt versucht, sich auf dem schlingernden und hüpfenden Gefährt zu halten – das wird ein Youtube-Klassiker. Jungs und ihre Spielzeuge.

Gätjen und Buschmann keifen sich derweil in Rage, bis es eine Ansage gibt, die deutlich macht, wer hier – noch – der Chef ist: „Das ist ja auch ‘ne Unterhaltungsshow“, sagt Raab schmallippig. Leider wird sie erst nach knapp drei Stunden unterhaltsam, aber immerhin.

Der Moderator

2016 wechselt Steven Gätjen zum ZDF. Die finale Ausgabe von „Schlag den Raab“ wird er also auch noch moderieren. Manchmal wünscht man sich, er wäre schon früher gegangen. Wo sein Vorgänger Matthias Opdenhövel rotzfrech war und Sturkopf Raab Paroli bot, beschränkt Gätjen sich leider entweder auf das Lobpreisen des Stars – oder führt sich auf wie eine Mutti, die ihren wildgewordenen Sohn wieder einfangen will. In Spiel 11 sollen Raab und Markus das Gewicht von Süßigkeiten schätzen. Am Ende pfeffert Raab grüne Gummischnüre ins Publikum und Gätjen hetzt verzweifelnd hinterher und versucht ihn zu stoppen: „Nein Stefan, Nein!“ Dabei klammert er sich noch verzweifelter als Günter Jauch an seine Moderationskarten.

Vielleicht ist ein Kindergärtner an Gätjen verlorengegangen. Nach dem Tennis-Match kehren Raab und Markus zurück zum Pult. Gätjens großväterlicher Kommentar: „Trinkt was, nehmt euch das Handtuch, trocknet euch ein wenig ab.“

Die Musik

Bei seiner Ankündigung wurde noch gekreischt, während er seine neue Single „What Do You Mean?“ vorstellt sitzt das Publikum dann aber wie paralysiert da: Justin Bieber bewegt die Lippen zu seiner eigenen computerverzerrten Stimme und einem doch eher seichten Beat. Dafür greift er sich ausgiebig in den Schritt. Raab bietet ihm die Übernahme des Show-Konzepts in Amerika an und hat auch gleich den passenden Titel parat: „Beat the Bieber“.

Erfrischend und erfreulich: Der Auftritt von Lena, die ihre Single „Wild and free“ live singt. So wie sie das „Let’s Go“ ins Mikro schmettert, besteht daran kein Zweifel. Nachdem es ruhig um die Eurovision-Song-Contest-Siegerin geworden war, hat sie irgendwie zu ihrer früheren, lockeren Unbekümmertheit zurückgefunden. Und nebenbei: klasse Song.

Auch die dritte musikalische Einlage ein Glücksgriff: Louane mit ihrem radiodauerpräsenten Hit „Avenir“. Auch die Dame kann offensichtlich live singen, ihre Band darf ihr Können leider nicht zeigen. Das Stück hat im Original zwar einen Computer-Drumbeat, aber der französisch-melancholisch-funkige Chanson-Pop der 18-Jährigen mit dem charmanten Muttermal unterm rechten Auge würde bestimmt auch mit einer richtigen Band funktionieren. Schade drum.

Die Spiele

Große Action sieht anders aus. Mit einem Lineal im Mund einen Euro ins Sparschwein stecken, Tennis spielen, aus Knete eine Kette formen, die dann zehn Sekunden zwischen zwei Stöcken hängen muss. Möglichst viele von 100 schnell vorgelesenen zweisilbigen Wörtern behalten, Ereignissen Jahreszahlen zuordnen, Fußbälle unter die Torlatte donnern. Länder anhand ihrer Umrisse erkennen, Blamieren oder Kassieren, leere Plastikflaschen mit den Füßen aufstellen. Lustig, kurios oder spannend ist das alles nicht.

Interessanter wird es beim Außeneinsatz: Von einer Hebebühne werfen Raab und Markus beim Schwerkraft-Darts riesige Pfeile aus 25 Metern Höhe auf eine ebenso riesige Scheibe. Stefan Raab stellt einmal mehr unter Beweis, dass er aus seinen Fehlern lernt. Nach den ersten paar Fehlwürfen wird er immer besser – was seinen eigentlich deutlich vorn liegenden Kontrahenten mehr und mehr verunsichert. Im letzten Wurf braucht er zum Sieg fünf Punkte, den Höchstwert – und trifft. So etwas gelingt wirklich nur Raab.

Das Zitat

Kommentator Frank „Buschi“ Buschmann: „Raab transpiriert. Für die Bieber-Fans: Er schwitzt.“