ARD-Check

Die ARD checkt sich selbst – und findet sich ganz dufte

Nestlé, Apple, dm: Der „Markencheck“ der ARD ließ Unternehmen zittern. Am Montag blieb das Zittern aus, die ARD checkte sich selbst.

Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor (r.) und der WDR-Intendant Tom Buhrow stellten sich im ARD-Check auch den Fragen von Zuschauern.

Der ARD-Vorsitzende Lutz Marmor (r.) und der WDR-Intendant Tom Buhrow stellten sich im ARD-Check auch den Fragen von Zuschauern.

Foto: Oliver Berg / dpa

Wellen der Erleichterung durchfluten Fernsehdeutschland: Bei der ARD ist alles in Ordnung. Zu diesem überwältigend überraschenden Ergebnis kam der „ARDcheck“, in dem sich der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor und WDR-Intendant Tom Buhrow am Montagabend 90 Minuten lang „grillen“ ließen. Im ARD-Sender „Das Erste“, moderiert von ARD-Moderatorin Sandra Maischberger.

Das ist ungefähr so, als würde sich der angeschossene DFB-Präsident Wolfgang Niersbach den inquisitorischen Fragen seines eigenen Pressesprechers stellen. Auch das soll es ja geben.

Das Ergebnis: Freispruch in zwei von drei Anklagepunkten. Diese waren von Beginn an überschaubar, lauteten nämlich:

1. Gebührenverschwendung

2. Glaubwürdigkeitsverlust

3. Verfehlen des idealen Programm-Mixes

Punkt 1 bügelten Marmor und Buhrow in aller Gelassenheit weg. Die Botschaft: Natürlich könne die ARD mit weniger Geld auskommen, allerdings nicht bei gleichbleibender Qualität. Gespart werde schon heute an allen Ecken und Enden. Wenn es nicht bald mehr Geld gebe, würden Einschnitte beim Tatort drohen. Das sitzt.

Kronzeugin der Anklage: Sabine Postel, langjährige Tatort-Ermittlerin. Klagte über 14-Stunden-Drehtage und schlechte Bezahlung der Mitarbeiter am Set. Forderte klarere Prioritätensetzung der ARD-Oberen: mehr Tatort, weniger anderes. Was natürlich eine Steilvorlage für Lutz Marmor war: „Das wollen alle, Frau Postel, aber alles geht nicht.“

Teleshopping-Sendung mit Kaufzwang

Und sparen in anderen Bereichen? Klar könne man die ARD „entschlacken“, doch das hieße: Regionalstudios schließen. „Aber da wollen uns die Leute doch haben“, so Buhrow. Das hatte den Charme einer Teleshopping-Sendung, in der die Verkäufer wissen, dass die Zuschauer gezwungen sind, ihr Produkt zu kaufen.

Kleiner Einspieler mit vielen Zahlen, die sich sowieso niemand merken kann. Thema durch.

ARD-Moderatoren belegen Glaubwürdigkeit der ARD

Punkt 2, das Glaubwürdigkeitsdefizit, war vor dem hauseigenen Gerichtshof nicht schwieriger aus der Welt zu schaffen. WDR-Intendant Buhrow, früher selbst ARD-Korrespondent, schwor Stein und Bein, es gebe keine „Ukas“, also Befehle von oben, was zu senden oder nicht zu senden sei.

Kronzeugen: ARD-Talkerin Anne Will und ARD-Korrespondent Udo Lielischkies. Beide beteuerten, es gebe keine Versuche, sie bei der Gästeauswahl (Will) oder der Berichterstattung (Lielischkies) zu beeinflussen.

Beweisaufnahme abgeschlossen. Herr Cook, beutet Apple Menschen in chinesischen Zuliefererfabriken aus? Nein? Gut, dann wäre das geklärt.

Nicht einmal Hasskommentare bei der ARD

Weil die ARD mehr ist als nur Fernsehen, durften auch noch zwei Hörfunk-Moderatoren aus Norddeutschland, die gerade einen Preis gewonnen hatten, ins Studio. Sie erzählten, sie würden in ihrer Morgensendung gern gegen sie oder ihre Show gerichtete Hasskommentare vorlesen, aber es gebe einfach keine. Schöne, heile ARD-Welt.

Wären da nicht die Zuschauer. Denn von denen saßen auch 150 im Studio und hatten sich mit Fragen munitioniert. Allein: Nur eine Handvoll kam zwischen all den ARD-Angestellten überhaupt zu Wort. Und die, die ins Maischbergersche Raster passen („Jetzt mal jemand Junges“), die fielen leider zu oft mit Spartenfragen auf: Warum gibt’s nicht mehr Segeln im Fernsehen, nicht mehr deutsche Musik im Radio? Und was ist mit dem Programm für die jungen Zuschauer? Siehe Anklagepunkt drei.

Die Angeklagten bekannten sich vollumfänglich schuldig. „Daµs müssen wir mitnehmen“, „das werden wir intern diskutieren“, „wir überprüfen das ständig“. Gewürzt mit fünfzehn Verweisen auf den Jugendkanal, der – so die Landesparlamente denn zustimmen – im kommenden Herbst starten und in etwa das Youtube der Öffentlich-Rechtlichen werden soll. Scheitern ausgeschlossen.

Eine kleine Revolution war es trotzdem

Was bleibt? Abseits des Zynismus muss man der ARD lassen, es wenigstens versucht zu haben. Gemessen an der bisher dargebotenen Transparenz der öffentlich-rechtlichen Sender war der „ARDcheck“ eine kleine Revolution. Eine öffentliche Nabelschau hatte es auf diesem Level noch nicht gegeben, auch wenn WDR-Intendant Buhrow das Format beim „WDRcheck“ schon einmal getestet hatte.

Spürbar nervös wurde Lutz Marmor an diesem Abend nur, als er sich für wenige Minuten den Fragen des Medienjournalisten Hans Hoff zu stellen hatte. Mehr externe Fragensteller, weniger hauseigene Stichwortgeber: Das könnte das Rezept für den nächsten „ARDcheck“ sein.

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