Johannes B. Kerner

Bei Kerner feiern die Gutmenschen sich selbst

Deutschland hilft den Flüchtlingen, das ist gut. Doch muss man das in einer ZDF-Show feiern? Bei Johannes B. Kerner gab es viel Prominenz.

Von Walter Bau


Deutschland feiert die ankommenden Flüchtlinge - und sich selbst. Da reicht es nicht mehr, Unterkünfte zu organisieren, Kleidung zu spenden, den Zuzüglern bei Behördengängen zu helfen. Da muss eine TV-Show her, zur besten Sendezeit im ZDF und mit allem was dazugehört: Prominenz, Musik, Geschichten, die ans Herz gehen - und natürlich Johannes B. Kerner als Moderator. Der legte dann auch gleich gewohnt gefühlig los.

Ala, ein neunjähriges Mädchen aus Syrien, das mit den Eltern dem Bürgerkrieg daheim entkommen ist und nun in Bochum lebt, zur Schule geht und Autos bauen will, wenn es einmal groß ist. "Toll, wir brauchen ja Ingenieurinnen", lobte Kerner das verschüchterte Mädchen. So weit, so gut gemeint. Aber warum musste dann der Popsänger Rea Garvey, Ex-Juror der Castingshow "The Voice of Germany", sein schmalziges "Ala, you're a supergirl" ins Mikrofon hauchen. Geht es da wirklich noch um das Mädchen? Wer ist da Star, wer Staffage?

Der Kabarettist Serdar Somuncu hat dieser Tage mit einer bissigen Polemik die neue "Willkommenskultur" in Deutschland als "Teil eines Spektakels" kritisiert, bei dem es vor allem "um das Image des engagiertesten Wohltäters zu gehen scheint". Haltung, so der Künstler, "mutiert zum plumpen Entertainment". Sollte Somuncu gestern das ZDF eingeschaltet haben, er hat sich wohl sein Teil gedacht.

Reicht es nicht Gutes zu tun, ohne gleich darüber zu reden?

Um es auch an dieser Stelle klar zu sagen: Es ist richtig und gut und beeindruckend, mit welchem Engagement, welchem Einsatz und welcher Empathie viele Menschen in Deutschland sich in diesen Wochen um die Flüchtlinge kümmern, die hierher kommen und die Furchtbares hinter sich haben. Punkt. Doch reicht es nicht, Gutes zu tun, ohne sogleich darüber zu reden? Ohne Selfies zu knipsen vor der Flüchtlingsunterkunft? Ohne aus der Hilfsaktion gleich ein Event zu machen? Hilft es wirklich der guten Sache, wie jetzt in der ZDF-Livesendung zwei Schauspieler bei abgedunkeltem Licht und unterlegt mit dramatischer Musik aus der Menschenrechtscharta rezitieren zu lassen? Dass Pop-Sternchen Yvonne Catterfeld den Curtis-Mayfield-Klassiker "People get ready" verhunzen durfte und dafür auch noch Applaus bekam - geschenkt.

Das ZDF und Kerner ("Diese Krise macht so betroffen") ließen reichlich Prominenz auffahren, die zur Solidarität aufriefen - vom Blödelbarden Jürgen von der Lippe bis zu Schwedens Königin Sylvia. Bundespräsident Joachim Gauck schwärmte von der Hilfsbereitschaft der Deutschen: "Das macht unser Land schön."

Dann schnell weiter zu Til Schweiger, der an dem Abend natürlich nicht fehlen durfte. Der Schauspieler, der eigentlich ein Vorzeige-Flüchtlingsheim im Harz eröffnen wollte, damit aber Probleme bekam, hat nun eine Stiftung gegründet. Aus Moskau live zugeschaltet, durfte der Mime vor einem Millionenpublikum für seine "Til Schweiger Foundation" Werbung machen: "Man kann ab heute für unsere Foundation spenden!" Er sei "schwer zu Gange" mit seinem Engagement und Kritik an ihm störe ihn nicht. Er habe sich noch nie von Gegenwind beeindrucken lassen. Super, Til! Grüße nach Moskau.

"Nicht hadern, sondern handeln!"

So hechelte Moderator Kerner von einem Einspieler über den jungen Flüchtling Elvis aus Guinea, der gerade in Gelsenkirchen eine Schreiner-Lehre absolviert, zum nächsten Studiogast, der sich im "Eine-Welt-Kreis" für Neuankömmlinge einsetzt. "Nicht hadern, sondern handeln!", fiel Kerner dazu noch ein. Platter geht's kaum.


Nochmal: Die Hilfswelle für die Flüchtlinge ist richtig und wichtig, ja, sie ist dringend notwendig. Diese ZDF-Show war es nicht.