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Im Fernsehen: Die vielen Gesichter des Uli Hoeneß

Gleich zwei TV-Filme widmen sich dem Fußball-Manager. Den Auftakt macht das ZDF mit einem sehenswerten Doku-Drama.

Vor Gericht: Thomas Thieme als Uli Hoeneß (r.) mit Hanspeter müller Drossart als seinem Verteidiger in einer Spielszene des Dokudramas „Der Patriarch“

Vor Gericht: Thomas Thieme als Uli Hoeneß (r.) mit Hanspeter müller Drossart als seinem Verteidiger in einer Spielszene des Dokudramas „Der Patriarch“

Foto: ZDF/ Janett Kartelmeyer

Der Uli, sagt Waldemar Hartmann. Er sagt es so distanzlos und väterlich, als spräche er von seinem Sohn. Der Uli, sagt der Waldemar, der habe an der Börse gezockt. Das sei doch allen klar gewesen. Der Uli habe sogar einen Bullen und einen Bären gehabt als Mosaik auf dem Grund seines Swimmingpools am Tegernsee. Die Sinnbilder für Auf- und Abschwung. „Das hat er nicht versteckt.“

Ulrich Hoeneß hat viele Gesichter. Das durfte man in seinem Prozess sehen. Das kann man jetzt auch im Fernsehen sehen. Innerhalb von knapp zwei Wochen widmen sich gleich zwei Sender dem Mann. Sat.1 am 8. September in Form einer Satire, in der der Protagonist naturgemäß einen anderen Namen trägt („Die Udo Honig Story“) – und das Gesicht von Uwe Ochsenknecht.

Der Irrsinn der Spielsucht

Und das ZDF bereits am heutigen Donnerstag im Dokudrama „Der Patriarch“, in dem Hoeneß in den Spielszenen von gleich drei Schauspielern dargestellt wird. Es kommen aber auch Weggefährten und Experten zu Wort, wie eben der Sportreporter Hartmann.

Man sah Hoeneß über Jahre hinweg mit seinem Pager, einem kleinen Gerät, mit dessen Hilfe er Geschäfte abwickelte. Auch während wichtiger Spiele und Gespräche. In den Nullerjahren fiel das auf, weil alle anderen noch nicht pausenlos auf ihr Smartphone starrten.

Aber was sah man wirklich? Der Hoeneß, dachte man, der hat halt viel um die Ohren, der muss sich immerzu um alles Mögliche kümmern. Was man nicht sah war der Irrsinn der Spielsucht, der sich in einem Leben ausbreiten kann wie ein Geschwür.

Zocken ist letztlich wie Fußball

„In dem Moment, wo ich zocke“, sagt der Psychologe Stephan Grünwald in diesem sehr sehenswerten Film, „ballt sich die ganze Dramatik des Lebens, die sich normalerweise über Jahre ausspannt, in einem Moment zusammen. Entweder klappt es oder es klappt nicht. Das ist wie beim Fußball. Das macht mich lebendig, erregt mich, gibt mir in jeder Sekunde das Gefühl, ich bin der Schicksalsdompteur.“

Uli Hoeneß ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass nach diesem Gefühl nicht nur süchtig werden kann, wem es sonst in seinem Leben nicht vergönnt ist. Der Aufstieg des FC Bayern München in die Spitzenklasse des Weltfußballs ist sein Werk, und seine Verdienste um den deutschen Fußball als Ganzes wird niemand bestreiten können. Der Film von Christian Twente, einem bekennenden Borussia-Dortmund-Anhänger, berichtet von den Nebenwirkungen dieses Erfolgs – aber er tut es ohne moralische Überlegenheitspose.

Den Rahmen bildet der Prozess vor dem Münchener Landgericht, der nach nur vier Verhandlungstagen mit einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten endete. In der Hauptrolle widersteht Thomas Thieme der Versuchung, seine schauspielerischen Fähigkeiten in einer perfekten Hoeneß-Imitation unter Beweis zu stellen.

Denn vor Gericht war er ja gerade nicht zu sehen: der barocke, selbstbewusste, hart formulierende Manager, der seinen Feinden mit hochrotem Kopf die Leviten las. Stattdessen stand dort ein fahler Mann mit hängenden Schultern. Ein Schuldiger, ein Verlorener. Unter der Last der Vorwürfe zuckte manchmal unwillkürlich sein kleiner Finger.

Die Ruine eines Mannes

Von der Ruine dieses Mannes blendet der Film zurück in sein Leben, und wo es kein dokumentarisches Material gibt, behilft er sich mit nachgestellten Szenen. Den Geschäftssinn des sehr jungen Hoeneß soll eine Episode aus der elterlichen Metzgerei in Ulm beleuchten. Der fragt seinen Vater, warum man denn nicht die Kantinen der nahegelegenen Großbetriebe beliefere, statt sich nur mit dem Vitrinenverkauf im Laden zufriedenzugeben.

Sven Gielnik spielt diesen Hoeneß als schüchternes Halbkind, der sich vom Vater noch für seine Ideen zurechtweisen lässt, obwohl er weiß, dass er recht hat. Und auch Robert Stadlober, der den Hoeneß der mittleren Jahre spielt, macht die selbstgerechten Züge des späteren Patriarchen nur zurückhaltend spürbar.

Der Film verdeutlicht diesen Wandel auch mit Archivfunden. Wir sehen den Fußballer mit vollem Haar, der neben Dieter Kürten im „Aktuellen Sportstudio“ vor Schwarzweißkameras sitzt und sich für seine Leistungen fast zu genieren scheint. Da lag der Mann, der 1989 in derselben Sendung den vorlauten Christoph Daum zusammenstauchte („Mein lieber Freund!“) noch schwer vorstellbar in ferner Zukunft.

Gelddruckmaschine FC Bayern

Dazwischen lag die Erfindung des FC Bayern München als Gelddruckmaschine. Als Hoeneß, wegen einer Knorpelverletzung früh aus dem Profisport ausgeschieden, 1979 den Managerposten mit nur 27 Jahren übernahm, hatte der gesamte Verein einen Jahresumsatz von 12 Millionen Mark – heute verdienen einige Spieler im Kader der ersten Mannschaft mehr. Hoeneß erschloss Geschäftsfelder wie das Merchandising, weil er das Potenzial des Sports erkannte – als Manager.

Und als Fußballfreund? „Ich hatte immer den Eindruck“, sagt Fußball­historiker Dietrich Schulze-Marmeling im Film, „dass Hoeneß ein guter Geschäftsmann ist, aber eine sehr schlichte Fußballphilosophie prägt. Eben die: Ich gucke, wo sind gute Spieler, die kaufe ich ein, dann hole ich mir noch einen Trainer und der baut das dann irgendwie zusammen, und wie wir spielen, ist mir doch egal. Hauptsache, am Ende stehen ein paar Pokale im Schrank und ordentliche Einnahmen.“

Ob das gerecht ist, mag dahingestellt bleiben. Ein Erfolgsmann wie Hoeneß hat naturgemäß Gegner, und die kommen zu Wort, ob sie Willi Lemke heißen („Hoeneß hat sich für den Größten gehalten“) oder Christian Ude („Was Uli Hoeneß’ Antrieb ist? Vier Buchstaben: Gier.“) Dass Christoph Daum hier nicht zu Wort kommt, darf man als glückliche Fügung werten.

Neutrale, analytische Stimmen wie die des „11 Freunde“-Chefredakteurs Philipp Köster und die Kumpelhaftigkeit Rainer Calmunds balancieren so manches bittere Wort aus. Der Regisseur achtet auf solche Dinge, das merkt man diesem Film in jeder Sekunde an.

Der Patriarch ZDF, 27.8., 20.15 Uhr
Die Udo Honig Story Sat1., 8.9. 20.15 Uhr, mit Uwe Ochsenknecht