Tatort

Im „Tatort“ aus Münster schneidet Boerne Thiel den Hals auf

Wieder einmal kalauern sich Axel Prahl und Jan Josef Liefers durch den „Tatort“ aus Münster. Es geht um einen Luftröhrenschnitt und um einen reichen Erbonkel. Gemordet wird zwischendurch auch noch.

Foto: ARD / WDR/Martin Valentin Menke

In der Wohnung des Gerichtsmediziners Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne liegt etwas so Exquisites, dass es nicht einmal Google kennt: ein doppelschlaufiger Hochbauschflokati. Wer sich diesen Begriff oft genug durch den Kopf gehen lässt, kann sich einweisen lassen. Der doppelschlaufige Hochbauschflokati spielt jedenfalls in diesem „Tatort“ nur insofern eine Rolle, als Boerne ja sowieso alle gewohnheitsmäßig in den Wahnsinn treibt. Besonders seinen Kollegen Thiel natürlich. Den zwingt Boerne diesmal dazu, seinem schwerreichen, schwulen Erbonkel aus den USA vorzugaukeln, die beiden seien ein Ehepaar. Thiel muss sich darauf einlassen, weil er sich moralisch in der Schuld fühlt: Nach durchzechter Nacht erstickte er in Boernes Wohnung fast an einem Kanapee und konnte von diesem nur per Luftröhrenschnitt gerettet werden.

Snobismus im Gardemaß

So weit, so bescheuert, so „Tatort“ aus Münster. Die kugelförmige Bodenständigkeit Axel Prahls und Jan Josef Liefers’ Snobismus im Gardemaß: Das ergibt die erfolgreichste Kombination, die derzeit für die ARD am Sonntagabend ermitteln darf. Zwölf Millionen Zuschauer sind keine Seltenheit für Boerne und Thiel. Längst hat sich die Dynamik des ungleichen Pärchens verselbstständigt. Die Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter räumen freimütig ein, dass der jeweilige Kriminalfall eigentlich nur noch die Hintergrundmusik für das Gerangel der beiden abgibt.

So auch in der aktuellen Folge. Es geht um eine wertvolle Kiste Champagner aus dem 19. Jahrhundert und um einen jungen Südamerikaner, der mit durchschnittener Kehle aufgefunden wird. Aber deshalb sieht man sich das ja nicht an. Sondern zum Beispiel, weil Thiel die erste halbe Stunde wegen seines Halses nur krächzen kann und den Rest des Krimis fluchend damit beschäftigt ist, den falschen Ehering an seinem Finger wieder loszuwerden. Oder weil Boerne seinen Luxusschlitten ganz selbstverständlich auf einem reservierten Parkplatz abstellt und es für Majestätsbeleidigung hält, wenn das Auto abgeschleppt wird. Oder weil man immer wieder erkennen kann, wie viel die beiden aneinander haben.

Und deshalb verfehlt die Kritik an mangelnder Tiefe oder überkonstruierten Fällen aus Münster auch den Punkt. Was wir sehen, ist kein Krimi. Es ist der Fortsetzungsroman eines Paares, das mit sich und dem Leben hadert. Und jeder wäre verloren ohne den anderen. Darin erkennen wir uns wieder. Auch wenn vor unserer Couch kein Flokati liegt.

ARD, 20.15 Uhr