Eurovision Song Contest

Ann Sophie und der ESC 2015 - „We are the Zeroes of our Time“

Null Punkte für Deutschland und Österreich. Der Eurovision Song Contest 2015 in Wien war für beide Länder ein Desaster. Ann Sophie nimmt’s mit Humor. Sie singt: „We are the Zeroes of our Time!“

Von Felix Müller aus Wien

Machen wir uns nichts vor: Null Punkte beim Eurovision Song Contest sind eine schwere Demütigung. Sie sind es vor allem deshalb, weil sie statistisch so unwahrscheinlich sind: 40 Länder verteilten für die in Wien aufgetretenen 27 Interpreten jeweils zehnmal ihre Punkte. Es gab also vierhundertmal die Chance für die Hamburgerin Ann Sophie und ihre österreichischen Mitstreiter The Make makes, aus einer der anderen Nationen wenigstens einen Punkt mitzunehmen. Doch vierhundertmal lautete die Antwort: „Zero Points“.

Und das sorgte in Wien selbst bei langjährigen Beobachtern des ESC für Ratlosigkeit. Die Frage ist, warum ausgerechnet „Black Smoke“ und „I am yours“ so rüde abgestraft wurden – handelt es sich dabei doch um professionell durchkomponierte Popsongs, die sich beim Hören vom Durchschnitt des in diesem Jahr Dargebotenen nicht großartig unterscheiden. Eher waren es die Briten mit ihrem seltsam deplatzierten Duo Electro Velvet, die den Tiefpunkt auf der großen Bühne markierten. Doch die durften immerhin fünf Punkte mit zurück nach London nehmen.

Woran also lag es? Einige Medien geißelten den vermeintlich schwachen Auftritt Ann Sophies oder monierten, sie habe ihren Hintern zu lange in die Kamera gehalten. So lange die Kriterien für gute und schlechte Auftritte beim ESC unsichtbar bleiben, ist diese Kritik recht substanzlos. Überzeugender sind da ESC-Experten wie der ARD-Kommentator Peter Urban: Er sieht im Abstimmungsreglement die Ursache für das kuriose Debakel. Tatsächlich stammt der Brauch, nur zehn Teilnehmern Punkte zu geben, noch aus einer Zeit mit deutlich weniger Teilnehmern. Wer die Abstimmungsergebnisse im Detail studiert, stellt schnell fest, dass etwa Ann Sophie ihre Punkte oft nur sehr knapp entgingen.

Und wie geht man nun um mit dieser Niederlage? Ann Sophie übte sich in derart fröhlicher Dabeisein-war-alles-Rhetorik, dass schnell der Ruf nach mehr Zerknirschung die Folge war. „Ein bisschen öffentliche Traurigkeit hätte ihr gestanden“, kommentierte etwa der „Focus“. In Frankreich war die Reaktion auf die vier Punkte für die Sängerin Lisa Angell da schon gravierender. Das magere Abschneiden ihres Erster-Weltkrieg-Gedenklieds „N’oubliez pas“ brachte ihren Produzenten dazu, eine ESC-Abstinenz Frankreichs für die kommenden Jahre zu fordern. Und die Österreicher? Die nahmen es mit Humor. „We are the ZEROES of our time“, sangen die Makemakes in einem kleinen Video auf ihrer Facebook-Seite, anspielend auf den Siegertitel des Schweden Måns Zermerlöw – Ann Sophie tat es ihnen mit einigen Backgroundsängerinnen gleich und landete einen Riesenerfolg im Netz.

Museumsplatz für ESC-Verlierer

Ein kleiner Trost mag für die Deutsche und die Österreicher zudem darin liegen, dass sie es mit ihrem Debakel wenigstens in eine Ausstellung geschafft haben. Der aus Norddeutschland stammende und seit 1984 in Wien lebende Künstler Tex Rubinowitz hat für das Wiener Museum Leopold alle Interpreten, die den Songcontest ohne Punkte verlassen mussten, auf kleine Holztafeln gemalt. Sie füllen einen Raum im zweiten Untergeschoss des renommierten Hauses. Weiter oben kann man sich Oskar Kokoschka, Egon Schiele und Gustav Klimt ansehen – unten grüßen vergessene Showacts wie Sabahudin Kurt, Çetin Alp oder Fud Leclerc von den Wänden. Es ist eine liebevolle Hommage an das Scheitern, die Rubinowitz da geschaffen hat, ein später Heilungsversuch der vielen Entwürdigungen auf großer Bühne, die auch zur Geschichte des ESC gehören.

Aus deutscher Sicht stellt sich Ann Sophie in eine Reihe mit zwei weiteren Sängerinnen, die man in den sechziger Jahren punktefrei nach Hause schickte: 1964 die Deutschbulgarin Nora Nova und 1965 die Westfälin Ulla Wiesner. Beide sind heute, man muss das so uncharmant sagen, vergessen.

Doch als Ticket für große Gesangskarriereren hat der Eurovision Song Contest ohnehin nie getaugt, ganz unabhängig von der Platzierung. Eher war er ein Stigma, das die Interpreten schwer wieder loswurden. Wie schrieb Tex Rubinowitz letztens mit Blick auf das neue Album von Conchita Wurst: „Relevanz kann man nicht bei einem Wettbewerb gewinnen.“

Foto: STIG-AKE JONSSON / AP