Meinung

Bombendrohung bei GNTM - Als das Fernsehen richtig alt aussah

Selten hat das Fernsehen so alt aus gesehen wie bei der Bombendrohung im Finale von „Germany’s Next Topmodel“. Während es dort keine Informationen gab, hatte das Netz längst reagiert.

Von Susanne Leinemann

Das war ein sonderbarer Moment, gestern Abend so kurz nach 21.30 Uhr. Eben hatte man noch das Finale von Germanys Next Topmodel gesehen, die Live-Show, die ja immer so wirkt wie ein aus dem Ruder gelaufener Kindergeburtstag: viel Knall, viel bonbonfarbenes Konfetti, zuckende Lichteffekte, dazwischen ein Durcheinander an Auf- und Abgängen junger, langbeiniger, hübscher Mädchen – und zwischen dem Trubel die Jury aus dem Sofa, die Erziehungsberechtigten, die dem ganzen Irrsinn irgendwie entrückt zuschauen. Es war also alles wie immer. Bis die Werbepause kam. Und danach nicht zurück in die Mannheimer SAP-Arena geschaltet wurde, sondern plötzlich der Film „Blind Side. Die große Chance“ mit Sandra Bullock um 21.32 Uhr einem die taktischen Spielzüge des American Football erklärte. Wir, die ganze Familie, darunter zwei heranwachsende Kinder, saßen sehr verwundert vor dem Fernseher.

„Hä?!“, sagte die zwölfjährige Tochter.

Es dauerte noch mindestens weitere zwei Minuten, bis unten ein Lauftext eingeblendet wurde: „Wegen technischer Probleme kann im Moment nicht weiter live aus Mannheim gesendet werden.“ Das war alle Information, die man vom Sender bekam. Sehr karg. Dabei wussten in der SAP-Arena wohl längst alle Bescheid. Ein Wunder, dass dort keine Panik ausbrach.

Pro7 ließ einen im Stich

Der Sender Pro7 ließ uns Fernsehkonsumenten im Stich, obwohl er mit zig Kameras und Übertragungswagen vor Ort war. Aber wir wollten natürlich mehr wissen. Und so schlug die Stunde von Twitter. Minütlich überschlugen sich dort die Tweets, wie immer eine Mischung aus Information, Zynismus, Wichtigtuerei und Ironie. „Bombenstimmung in Mannheim“, konnte man dort lesen. Oder: „Bombenalarm. Darya läuft Amok“ - Darya ist ja bekanntermaßen die größte Zicke der zehnten Staffel gewesen. Dazwischen ungeprüfte Informationshäppchen: Eine Frau habe in der Halle angerufen und mit einer Bombe gedroht. Ein Mann habe sich in der Werbepause Heidi genähert und auch mit einer Bombe gedroht. Letzteres wird inzwischen dementiert.

Und auch bewegte Bilder gibt es längst. Die Tochter meldet sich bei Snapchat im Account der Vorjahressiegerin Steffi ein und kann dabei zusehen, wie die sich selbst bei der Räumung der Halle mit dem Handy filmt. „Lass das Kleid liegen“, sagt sie zu einem anderen Mädchen. „Das ist hier eine Bombendrohung.“ Der Sohn, etwas jünger, macht sich große Sorgen. Auf Twitter hatte ein Witzbold zwei Fahndungsbilder von deutschen ISIS-Kämpfern hochgeladen und behauptet, dies seien die Bombenleger. „Was ist mit den Menschen dort? Sind die in Gefahr?“ Ich zeige ihm übers Netz Filmchen vom Parkplatz vor der Arena, auf dem alle herumstehen. Das beruhigt ihn ein wenig. Alles ruhig dort.

Es bleiben Fragen

Man hätte sich vom Sender Pro7 gewünscht, dass der einen informiert. Aber dazu waren sie offenbar nicht in der Lage. Und viele andere Fragen stellen sich auch. Warum arbeiten die Veranstalter nicht mit der Mannheimer Polizei zusammen? Stimmt es wirklich, dass erst die Räumung der Halle beginnt und dann die Polizei angerufen wurde? Das würde ja allen Verrückten im Land unglaubliche Möglichkeiten eröffnen: ein Anruf genügt, schon bringe ich eine Live-Veranstaltung mit über 8500 Menschen und Millionen Zuschauer zum Platzen.

Zum Glück ist nichts passiert. Doch ein Nachgeschmack bleibt. Ist es wahr, dass erst die Jury in Ruhe evakuiert wird und viel zu viele Minuten später dann das Publikum? Gab es wirklich eine so massive Priorität von Promi vor Normalo? Das wäre ein Unding.

Aber die wichtigste Erkenntnis des Abends bleibt: Das Fernsehen hat einmal mehr gezeigt bekommen, Netz und die User schlafen nicht. Wir sind immer online. Wenn der Sender uns die Informationen nicht liefert, dann holen wir sie uns woanders.

Selten sah das Fernsehen so alt aus wie gestern.