Günther Jauch

„Jeder Investment-Banker fühlt sich unterbezahlt!“

Die Lokführer streiken wieder – länger als jemals zuvor. Werden in Deutschland ungerechte Löhne bezahlt? Und ist die Arbeit einer Lehrerin weniger Wert als die eines Topmanagers?

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Das Thema der Sendung passte perfekt zur Nachrichtenlage. Am Abend erst hatte die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL) angekündigt, in den längsten Streik ihrer Geschichte einzutreten: Vom Dienstag bis zum Sonntag sollen die Beschäftigten in den Ausstand treten – mit schweren Konsequenzen auch für den öffentlichen Personennahverkehr in Berlin. In den sozialen Netzwerken staute sich schon der Unmut über die neuen Einschränkungen, da stand bei Günther Jauch das Thema Lohngerechtigkeit auf der Agenda: die Frage also, wer und warum sich in Deutschland ungerecht bezahlt fühlt. Viel besser kann Timing für eine Redaktion nicht sein.

Am Anfang kamen drei Angestellte des öffentlichen Dienstes zu Wort – eine Altenpflegerin aus Niedersachsen mit 1700 Euro brutto im Monat, ein Berliner Polizeikommissar mit 2400 Euro und eine Erzieherin aus einer städtischen Kindertagesstätte mit ähnlichem Gehalt – die sich allesamt nicht angemessen für ihre Arbeit bezahlt fühlten. Diese Empfindung speist sich freilich aus verschiedenen Ursachen.

Unterbezahlte Banker

So argumentierte der Polizist mit dem Vergleich. Die Beschäftigten der Berliner Polizei liegen mit ihren Gehältern bundesweit an letzter Stelle. Die Unzufriedenheit mit monatlichen Überweisung ergibt sich also daraus, das anderswo besser bezahlt wird. Dabei braucht es diesen Vergleich gar nicht zwingend, um Ungerechtigkeit festzustellen: In den Pflege- und Bildungsberufen, die bundesweit eher gering vergütet werden, ergibt sie sich schlicht aus der Diskrepanz zwischen der erbrachten Leistung und der Vergütung.

Und das wurde an diesem Abend bei Günther Jauch klar: Der Vergleich mit Arbeitnehmern, die dieselbe oder eine ähnliche Tätigkeit ausüben, ist nur von begrenztem gesellschaftlichen Wert. „Nach meiner Erfahrung fühlt sich jeder Investmentbanker unterbezahlt“, sagte Rainer Voss, der früher selbst einmal Investmentbanker war und sich nun für größere Lohngerechtigkeit in Deutschland stark macht. Auch Berufsgruppen mit Einkommen im mitunter mehrstelligen Millionenbereich werden also vom unguten Gefühl geplagt, sich unter Wert zu verkaufen.

Der Weg führt also über eine „Debatte über den Wert von Arbeit insgesamt“, wie DGB-Chef Rainer Hoffmann formulierte. Und diese Debatte lässt sich nicht anhand von nackten Zahlen führen, so verführerisch rational das auch erscheinen mag. „Die Rendite einer Erzieherin ist nicht in nackten Zahlen messbar“, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln. Denn es handelt sich bei ihrer pädagogischen Arbeit um eine Investition in die wirtschaftliche Zukunft des Landes – und die kennt nun mal keiner. Dass ihre Arbeit dennoch schlecht bezahlt bleibt – „grottenschlecht“, wie „Die Linke“-Fraktionschef Gregor Gysi vor allem in Bezug auf „die sogenannten Frauenberufe“ feststellte, liegt also an der fehlenden Wertschätzung für ihren Berufsstand: dieser simplen Wahrheit wollte in der Runde niemand widersprechen. Auch die Hamburger FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding betonte, „dass wir hochqualifizierte Menschen bei der Kindererziehung brauchen und diese mehr verdienen sollten.“

Eine allzu einseitige Debatte

Die Frage bleibt dennoch, wie das Geld aufgebracht werden soll, um daran etwas zu ändern. Sowohl DGB-Chef Hoffmann als auch Gregor Gysi vertraten dazu eine bekannte linke Position: nämlich die Einkünfte aus Kapitalanlagen genauso zu versteuern wie die Einkünfte aus Erwerbsarbeit. Gysi wies darauf hin, dass in den zehn Jahren vor 2013 die Reallöhne um fünf Prozent, die Kapitaleinkünfte hingegen um 65 Prozent gestiegen seien. Diese steuerpolitisch interessante Debatte blieb einseitig, weil niemand hierzu die Gegenposition einnehmen wollte.

Wie auch die Sendung insgesamt eine etwas wohlfeile Veranstaltung blieb. Denn zu einer handfest geführten Diskussion hätte gehört, dass auch jemand den Status quo verteidigt und als das Ergebnis gerechter Prozesse begreift. Das wollte aber niemand tun. Katja Suding brachte noch den größten Mut zur Kontroverse auf, indem sie den „Neidfaktor“ in der Gesellschaft anführte, der in der Ungerechtigkeitsdebatte eine Rolle spiele – aber darauf wollte niemand so recht anspringen. Es ist ja ein heikles Thema.

Wieviel verdienen Jauchs Gäste?

Und so kann man als erhellende Episode vielleicht nur mitnehmen, was der Ex-Investmentbanker Rainer Voss von einem seiner früheren Arbeitgeber erzählte: Dort seien die Verhandlungen über Gehaltserhöhungen vor der gesamten Belegschaft geführt worden, coram publico gewissermaßen. Diese Transparenz sorgte dafür, dass sich am Ende alle einigermaßen gerecht behandelt fühlten – und überzogene Forderungen aufgrund der sozialen Kontrolle ausblieben. Vielleicht liegt ein Teil des Problems auch darin, wie geheimniskrämerisch hierzulande insgesamt mit den Einkünften umgegangen wird. Die beherzte Frage, wieviel seine Diskussionsgäste eigentlich verdienen, verkniff sich Günther Jauch jedenfalls. Das hätte ja auch die Gegenfrage provoziert und den vermutlichen Bestverdiener der Runde allzu sichtbar gemacht: ihn selbst. Bezahlt mit öffentlichen Mitteln übrigens.