Günther Jauch

Günther Jauchs Sendung wird für Gedenkminute unterbrochen

Wieder sind im Mittelmeer Hunderte von Flüchtlingen ertrunken. Soll man mehr Hilfe leisten? Oder liegen die Wurzeln des Problems tiefer? Bei Günther Jauch stritt die Runde über Europas Asylpolitik.

Foto: ARD

Diese Sendung begann sehr emotional, und sie endete sehr emotional. Um mit dem Ende zu beginnen: Harald Höppner wurde sicher zu wenig Sendezeit gewährt, um sein Projekt vorzustellen. Der Brandenburger Familienvater hat in Eigeninitiative ein Boot gekauft, um vom Tod bedrohte Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten. Als er fünf Minuten vor Ende der Sendung das Wort erteilt bekam, stürmte er nach vorn und forderte den ganzen Saal zu einer Schweigeminute auf. Ein ungeplanter Moment, der sowohl die Regie als auch den Moderator überforderte: „Sie müssen nicht auf die Uhr sehen“, sagte Jauch, während der Bildschnitt Nahaufnahmen von Heribert Prantl und Roger Köppel lieferte.

Höppner ist unmittelbar an der Katastrophe und ihren Opfern interessiert, er will humanitäre Hilfe leisten. Womit wir beim Beginn der Sendung wären: Nach den 400 im Mittelmeer ertrunkenen Menschen war im Lauf des Sonntags ein weiteres Flüchtlingsschiff gekenntert, die Opferzahl wurde auf 700 geschätzt. Die ARD hatte dem schrecklichen Vorfall noch einen eigenen „Brennpunkt“ gewidmet und den Beginn der Talkshow deshalb um 15 Minuten nach hinten verschoben.

Die christliche Position

Die Frage war nun, wie man der sich nun fast wöchentlich wiederholenden Tragödie im Mittelmeer Einhalt gebieten kann: Dass Menschen, die ihre Heimat aus Verzweiflung verlassen, vor Europas Grenzen sterben müssen. Heribert Prantl, Journalist der „Süddeutschen Zeitung“ , veranlasst das zu einer Generalanklage gegen die europäische Politik: Europa töte durch Unterlassen, sagte er. Nicht Flüchtlinge würden im Mittelmeer geschützt, sondern Grenzen. Und es sei eine „christliche Position, solchen Menschen zu helfen“.

Die Rolle seines Kontrahenten füllte an diesem Abend Roger Köppel aus, Journalist aus der Schweiz und Herausgeber der „Weltwoche“. Nicht ganz zu Unrecht zeigte er sich in einem Nebensatz verwundert darüber, dass Günther Jauchs Redaktion auf einen Schweizer Staatsbürger habe zurückgreifen müssen. Er sieht in der Position Prantls einen unzulässigen Anreiz für Fluchtwillige, den risikoreichen Weg über das Mittelmeer zu wählen. Weil die europäische Politik ihre Asylgesetzgebung nicht ernst nehme und in immer neuen Kompromissen aufweiche, werde gerade eine Motivation dafür geschaffen. Man könne, sagte Köppel, geradezu von einem massenhaften Missbrauch des Asylrechts sprechen.

Zentren in Nordafrika

Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schloss sich im wesentlichen dieser LInie an. Sein politisches Credo läuft auf den Vorschlag hinaus, in Nordafrika Zentren für Flüchtlinge einzurichten, die gleichermaßen als Puffer und als Überprüfungseinrichtung funktionieren könnten. Wer nicht politisch verfolgt werde, der habe auch kein Recht, nach Europa zu kommen: Darin waren sich Köppel und Friedrich einig.

Zwei Menschen mit weniger Distanz zur Realität des Flüchtlingsproblems blieben in der Sendung leider nur Zaungäste: Auf der einen Seite die Mutter Maya Alkhechen, die selbst mit ihrer Familie auf einem völlig überfüllten Boot nach Sizilien fliehen musste, und auf der anderen Seite, und auf der anderen Seite Christian Haase, Sprecher der Bautzener „Bürgerinitiative Greenpark“, der die Einrichtung von Flüchtlingsunterkünften kritisch begleitet. In beiden Fällen hätte hier die Chance bestanden, konkret etwas von beiden Seiten des Problems zu erfahren: Sowohl von den unmenschlichen Zuständen im Mittelmeer als auch von den Schwierigkeiten, die Menschen in Deutschland unterzubringen. Stattdessen blieb der Großteil der Sendung altbekannten politischen Positionen vorbehalten. Eine verpasste Chance.